DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Zum Kinostart von "IMMER UND EWIG": Interview mit Regisseurin Fanny Bräuning

Am 23. Oktober startet der Film "IMMER UND EWIG" in Deutschland – mit einer besonderen Preview, zu der die Regisseurin, der Filmverleiher und der Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft einladen. Vorab gab Fanny Bräuning im Interview Einblicke in ihren sehr persönlichen Film.

Ihre Liebe macht das Unmögliche möglich: Annette und Niggi, beide Ende 60, reisen kreuz und quer durch Südeuropa – und das, obwohl Annette an Multiple Sklerose erkrankt und seit nunmehr 20 Jahren vom Hals abwärts gelähmt ist. Rund um die Uhr ist sie auf Hilfe und Pflege angewiesen. Diese außergewöhnliche Geschichte erzählt Regisseurin Fanny Bräuning, Tochter der beiden, in ihrem Film "IMMER UND EWIG". 

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) feiert der Film am Mittwoch, den 23. Oktober 2019 um 20 Uhr über dieses außergewöhnliche Liebespaar zeitgleich in über 50 deutschen Kinos Deutschland-Premiere. Beim zentralen Kinoevent in Berlin (Babylon Kino) ist nicht nur eine barrierefreie Version des Filmes zu sehen, im Anschluss an die Vorführung stehen Regisseurin Fanny Bräuning und die Vorsitzende der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Prof. Dr. med. Judith Haas Rede und Antwort. Das Gespräch auf der Bühne wird bundesweit live in alle teilnehmenden Kinos übertragen. 

Im Interview verrät Fanny Bräuning, was sie motiviert hat, das Medium Film zu nutzen, um die Erkrankung ihrer Mutter zu verarbeiten und die Zuschauer auf die ganz besondere Liebe ihrer Eltern hinzuweisen. 

Liebe Frau Bräuning, wie lange lebt Ihre Familie schon mit MS?

  • Fanny Bräuning: "Meine Mutter erhielt die Diagnose 1977. Damals war ich erst zwei Jahre alt." 

Sind die starken körperlichen Einschränkungen ihrer Mutter nur der MS geschuldet?

  • Fanny Bräuning: "Nein, dazu kam ein toxischer Schock vor fast 20 Jahren. Mit über 40 Grad Fieber wurde sie ins künstliche Koma versetzt. Wir wussten nicht, ob sie überlebt. Als sie wieder aufgewacht ist, ging gar nichts mehr. Meine Mutter musste alles neu lernen – schlucken, sprechen. Ein Jahr blieb sie in einer Reha Klinik. Mein Vater war jeden Tag bei ihr und lernte auch, pflegerische Tätigkeiten zu übernehmen. Man sagte meiner Mutter, sie werde nie mehr essen können. Aber meine Eltern haben heimlich geübt mit Schlagsahne in einem Café. Meine Mutter kann auch wieder sprechen." 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über Ihre Eltern zu drehen?

  • Fanny Bräuning: "Vor 19 Jahren saß mein Vater am Krankenbett meiner Mutter, die auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod schwebte. Ich hatte innerlich schon begonnen, mich von ihr zu verabschieden. Nicht so mein Vater. Noch während sie vollständig gelähmt im Koma lag, fing er an, von einem ausgebauten Kleinbus zu träumen mit Hilfe dessen sie beide auch zukünftig noch am Leben würden teilnehmen können. Die Idee, daraus einen Film zu machen, ist dann über die Jahre langsam gewachsen. Immer wieder habe ich gemerkt, wie stark meine Eltern mich im Umgang mit ihrem Schicksal berühren, und wie mich ihre Weltsicht beeindruckt.

Dieser Bus ist inzwischen Realität geworden.

  • Fanny Bräuning: "Ja, sie haben schon viele Reisen in ihm unternommen. Mein Vater gibt mit seinem Erfindergeist alles, um ihr gemeinsames Leben aufrecht zu erhalten – komme, was da wolle. Mich berührt diese Rebellion meines Vaters gegen die Krankheit meiner Mutter. Wie er versucht, dafür seine ganze Kraft und all seine Fähigkeiten einzusetzen. Und mich berührt auch der Wille meiner Mutter, weiter zu leben, trotz stärkster Einschränkungen. Ein Wille, der unter anderem vielleicht auch daher rührt, dass mein Vater sich partout weigert, meine Mutter als schwerbehindert zu betrachten." 

Er betrachtet sie nicht als schwerbehindert?

  • Fanny Bräuning: "Nein, das brachte ihn sogar ziemlich in Rage, als ich einmal dieses Wort benutzte. Denn sie könne ja noch alles: essen, denken und kommunizieren. Wirklich schlimm für ihn wäre, wenn der Austausch mit ihr nicht mehr stattfinden könnte. Das hat mich zunehmend begonnen zu interessieren. Woher er die Energie für diese Wahrnehmung, für diese positive Haltung nimmt. Für mich selber war die Krankheit meiner Mutter nämlich ein bisschen wie ein schwarzes Loch. Sehr viel, was ich seit meiner Jugend mit meiner Familie erlebt habe, war davon überschattet. Als Teenager ging ich zum Beispiel kaum je tanzen, weil ich wusste, dass meine Mutter das so gern getan hätte. Ich versuchte mir damals einzureden, Discos seien etwas für oberflächliche Menschen. Denn Tanzen als Ausdruck von unbändiger Körperlichkeit war für mich irgendwie schuldbelastet. Um zu mir selber zu kommen, musste ich ein Stück weit Abstand gewinnen."

Sie waren ein Kleinkind als Ihre Mutter an MS erkrankte. Wie hat sich das auf Ihre Beziehung ausgewirkt?

  • Fanny Bräuning: "Ich war zwei Jahre alt, als sie die Diagnose MS bekam. Ich kenne meine Mutter nicht als gesunde Frau, für mich war es immer normal, dass sie krank ist. Zugleich war das natürlich auch belastend für mich. Denn die Krankheit hat viel Raum eingenommen. Nun, als erwachsene Tochter, war es schön und gut für mich, für uns beide, während des Drehs so intensiv in Kontakt zu sein und wieder miteinander auf Reisen zu gehen wie früher."

Sie wollten also durch die Augen Ihres Vaters auch Ihre Mutter besser kennenlernen?

  • Fanny Bräuning: "Ja, ich wollte herausfinden, was er in ihr sieht. Denn ich glaube, es gibt so etwas wie ein unverwundbares Selbst eines Menschen, das man entdecken kann, wenn man hinter die Krankheit und die Verletztheit schaut. Und ich merkte, dass meinem Vater das viel leichter fällt als mir. Weil er meine gesunde, junge Mutter kannte und – wie ich glaube – auch heute noch in ihr sieht. Viel stärker, als ich das selber kann. Mir wurde mit der Zeit immer klarer: Es muss da etwas geben vor meiner Geburt, das die beiden ganz stark verbindet, wie so eine Art Ursprungs-Mythos, den ja jedes Paar irgendwie hat. Und der die beiden ganz stark trägt." 

Und? Wie sieht dieser Mythos konkret aus?

  • Fanny Bräuning: "Ich glaube, sie zehren noch heute von ihrer gemeinsamen Jugend, der Kunstszene, in der sie damals verkehrten, dem Gestalten von Bildern und Welten: er als Fotograf, sie als Grafikerin. Und von ihrem Austausch darüber." 

Was macht die Liebe Ihrer Eltern sonst noch aus?

  • Fanny Bräuning: "Verbindlichkeit und Hingabe. Mein Vater sieht in dieser Hingabe ganz klar auch einen Gewinn. Als verschiedene Bekannte meiner Eltern in eine Midlife-Crisis geraten waren, meinte er, das könne ihm nicht passieren. Er müsse sich diese Sinnfragen nie stellen, und er sei froh darum."

Aber nicht nur Ihr Vater tut viel für Ihre Mutter, sondern auch sie für ihn.

  • Fanny Bräuning: "Ja, durch Blicke und ihr Lächeln kommuniziert sie ihm immer wieder: 'Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut. Ich danke dir.' Auch wenn sie dies oftmals wahrscheinlich große Anstrengung kostet, weil ihr wohl nicht immer danach zumute ist. Das ist ein sehr berührendes Wechselspiel, finde ich. Denn ich glaube, ohne diese liebevollen Rückmeldungen meiner Mutter wäre mein Vater vielleicht längst schon ausgebrannt." 

Dennoch werden im Lauf des Films auch Ambivalenzen offenbar. Zunächst wirken sie wie ein Misston, der sich zufällig eingeschlichen hat, doch dann zeigt sich diese Liebe mehr und mehr in ihrer ganzen Vielschichtigkeit.

  • Fanny Bräuning: "Ja, mitunter werden neben aller liebevollen Fürsorge und Behutsamkeit auch Konflikte spürbar. Für meine Mutter ist ihre Abhängigkeit manchmal sehr schwer auszuhalten. Und für meinen Vater ist seine Aufgabe ja nicht nur sinnstiftend, sondern auch eine Belastung. Er sagt im Film auch, das Schwierigste sei für ihn, den Lebenswillen für zwei erhalten zu müssen. Er muss wahnsinnig viel leisten, um diese Krankheit zu kompensieren, die meine Mutter immer schwächer macht. Das ist sicher ein großer Druck. Aber erwartet meine Mutter alles, was mein Vater für sie tut? Im Film sagt sie, es wäre ihr manchmal sogar lieber, er machte seine Reisen auch mal allein. Denn auf Reisen ist sie viel abhängiger von ihm als daheim, wo sie auch ihre Pflegerinnen und Therapeuten hat, die ihr den Alltag oft stark erleichtern."

Manchmal schwingt dabei sogar die Frage mit, ob Fürsorge auch ins Negative kippen kann.

  • Fanny Bräuning: "Durchaus. Mich interessierte, was es bedeuten kann, wenn man sich auf all das einlässt, gemeinsam, als Paar. Für mich ist das Bild der Liebe meiner Eltern am Ende kein kitschiges, sondern ein wahrhaftiges. Der Film zeigt ihre Beziehung in all ihren Facetten, inklusive Verzweiflung und Schuldgefühlen. Ihr Weitermachen ist kein verkitschtes, sondern ein ehrliches. Mit alldem, was ist. Trotzdem. Das ist für mich sehr tief und groß." 

Der Film kreist aber nicht nur um diese Liebe, sondern zunehmend um die Frage, was einen überhaupt am Leben hält. 

  • Fanny Bräuning: "Genau. Für meine Mutter ist das, wie sie sagt, zum Beispiel auch die Freude an uns Kindern und ihren Enkeln. Oder einfach an den Blumen auf der Terrasse, dem Blick aus ihrem Fenster. Und sie lebt stark in ihren Tagträumen, in denen sie noch schwimmen und noch gehen kann. Zudem ist ja ein bekanntes Phänomen, dass man angesichts des Todes intensiver zu leben beginnt. Und meine Eltern befinden sich nun seit bald 20 Jahren in einem Extremzustand, in dem sie ständig aufs Intensivste an ihre Vergänglichkeit gemahnt werden. Ich denke schon, dass sie das Leben umso mehr auskosten, da ihnen bewusst wurde, welch ein Geschenk es ist." 

In ihrem neuen Film spielt Musik eine große Rolle.

  • Fanny Bräuning: "Ja, ich habe eng mit der Schweizer Singer-Songwriterin Olivia Pedroli zusammengearbeitet. Mir gefiel, dass ihre Musik so atmosphärisch dicht ist, so pur und gleichzeitig zart, eine Art Mélange von Melancholie und Lebensbejahung. Ganz zentral ist aber auch ein wiederkehrendes Stück aus der Jugendzeit meiner Eltern, der 'Train Song' von Vashti Bunyan aus dem Jahr 1966. Der Song erzählt für mich: Das unverwundbare Selbst, das in meiner Mutter steckt, reist immer mit." 

Eine Übersicht der Kinos, in denen der Film am 23. Oktober und danach zu sehen sein wird, finden Sie hier

Quelle: Rise und Shine Cinema, DMSG-Bundesverband - 17.10.2019

- 17.10.2019