- 21.06.2006
- Seite empfehlen
- Drucken |
Neue Medikamente / Neue Ansätze
MBP8298 – ein Wirkstoff, der bei progredienter MS helfen kann?
Kanadische Wissenschaftler untersuchen einen Wirkstoff, der möglicherweise das Fortschreiten der Multiplen Sklerose aufhalten kann
In einer kleinen Phase-II-Studie an der Universität von Alberta, Kanada, wurde herausgefunden, dass die Anwendung eines experimentelle Wirkstoffes, genannt MBP8298, das Fortschreiten der Erkrankung bei einigen Patienten mit progredienter MS aufhalten konnte. Dies war aber nur dann der Fall, wenn die Patienten auch eine ganz bestimmte Variation in den Genen aufwiesen, die für die Immunantwort zuständig sind.
Die Ergebnisse wurden am 13. Juni in der online-Version des „European Journal of Neurology“ (Autoren: Dr. Kenneth Warren und Ingrid Katz, University of Alberta) veröffentlicht.
MBP8298 ist ein synthetisches Peptid (eine Verbindung aus Aminosäuren), das in seinem Aufbau teilweise dem körpereigenen basischen Myelinprotein (engl. Myelin basic protein; MBP) entspricht. Es ist Bestandteil der Myelinhülle der Nervenfasern und es wird vermutet, dass dieses Protein eine Zielscheibe für das Immunsystem bei MS darstellt. Mit der Anwendung von MBP8298 hoffen die Forscher, die Immuntoleranz dieser wichtigen Myelinkomponente zu verbessern.
Insgesamt 32 Patienten mit primär oder sekundär chronischer MS waren in die kleine Doppelblindstudie einbezogen. Sie erhielten entweder den Wirkstoff oder ein Placebo intravenös (per Infusion) alle 6 Monate über eine Gesamtdauer von zwei Jahren. Die Studienteilnehmer hatten einen EDSS-Wert von 3,0 (ohne Hilfen gehfähig) bis 7,5 (wenige Schritte möglich; für Mobilität wird ein Rollstuhl benötigt). Das Ergebnis insgesamt war enttäuschend, da kein signifikanter Unterschied hinsichtlich Krankheitsprogression zwischen den Placebo- und Wirkstoffgruppen festgestellt werden konnte.
Jedoch in einer Untergruppe, bei der eine Analyse der für die Immunantwort verantwortlichen Gene vorgenommen worden war fand sich ein signifikanter Nutzen der Verabreichung von MBP8298. Es handelte sich um Patienten mit einer speziellen Genvariante (HLA-DR2/DR4 Haplotyp). Diese Genvariante liegt bei 50-70% der MS-Erkrankten vor im Vergleich zu 20-30% bei der Gesamtbevölkerung – ist also bei MS-Patienten relativ häufig.
Keiner der Patienten dieser Untergruppe, der den Wirkstoff erhalten hatte, zeigte innerhalb von 24 Monaten eine Krankheitsprogression - wohingegen bei der Hälfte der Placebogruppe eine weitere Verschlechterung zu verzeichnen war. Nach fünf Jahren einer auf die Studie folgenden offenen Verlaufsbeobachtung (hierbei wissen sowohl Patienten als auch Ärzte, wer den Wirkstoff während der Studie erhalten hatte) konnte gezeigt werden, dass in der Wirkstoffgruppe eine Verschlechterung (gemessen mittels EDSS) erst nach durchschnittlich 78 Monaten auftrat; bei der Placebogruppe bereits nach durchschnittlich 18 Monaten.
Die Anwendung von MBP8289 erwies sich als sicher; die häufigsten Nebenwirkungen beschränkten sich auf eine Rötung und ein Brennen an der Injektionsstelle.
„Obwohl dies Ergebnisse aus einer Phase-II-Studie sind die in der nun folgenden Phase-III-Studie bestätigt werden müssen, machen sie doch Hoffnung“, so Prof. Mark Freedman von der Universität in Ottawa. Dieses insbesondere deshalb, da es derzeit immer noch keine befriedigenden Behandlungsmethoden für progrediente MS-Verläufe gibt, betonte er.
Eine größere klinische Studie der Phasen II und III hinsichtlich der Anwendung von MBP8298 beginnt zurzeit in Kanada, Großbritannien, Dänemark und Schweden.
Quelle:
Medical Update Memo
Kanadische MS-Gesellschaft
Vom 14. Juni 2006
Redaktion:
DMSG, Bundesverband e.V.
21. Juni 2006
Letzte Änderung: 21.06.2006
Weitere Artikel zum Thema
- Multiple Sklerose: Blutdrucksenker stoppt Entzündung im Gehirn
- Chili: Scharfmacher aus der Natur bringen Forscher auf die Spur neuer Wirkstoffe zur Behandlung von Schmerzpatienten
- Drei abgeschlossene Therapiestudien mit Medikamenten in Tablettenform zur Behandlung der schubförmigen MS
- Warnung vor Selbstmedikation: wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung von Grünem Tee
- Wann kommt die erste Pille gegen MS? 1272 Patienten testen Fingolimod
Informationen zum Ablauf von Medikamentenstudien
Phase I, II, oder III - was bedeutet das eigentlich? Hier finden Sie Informationen zum Ablauf von Studien:
Forschungsmittel
Infos zur Bewilligung von Forschungsmitteln des DMSG Bundesverbands e.V. lesen Sie bitte hier:
Leitbild der DMSG, Bundesverband e.V.
Das Leitbild der DMSG, Bundesverband e.V. bildet die Grundlage unserer gesamten Arbeit.
Leitlinien der DMSG
Informationen zur Zusammenarbeit mit kommerziellen Anbietern sowie Ehrenamtlichen lesen Sie bitte hier:






