- 01.09.2005
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Menopause und MS – was ist gut für Sie?
Der Beginn der Menopause ist etwas, dem alle Frauen irgendwann einmal ins Auge sehen müssen. Frauen mit Multipler Sklerose haben dazu besondere Fragen. Frau Prof. Dr. med. Judith Haas, Chefärztin am Jüdischen Krankenhaus in Berlin und Spezialistin für Frauenfragen bei MS, nimmt zu dieser wichtigen Problematik Stellung.
Was sind die am häufigsten zu erwartenden Symptome der Menopause?
Prof. Haas: In der Menopause können Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Herzrasen, Schlafstörungen, vermehrte Tagesmüdigkeit, Nachlassen des sexuellen Interesses und durch Abfall der Östrogenspiegel Haarausfall, Trockenheit der Haut und Schleimhäute sowie Gelenkbeschwerden auftreten. Die betroffenen Frauen klagen über vermehrte Reizbarkeit und depressive Verstimmungen.

Prof. Dr. med. Judith Haas
Wie geht man mit diesen Veränderungen am besten um?
Prof. Haas: Der Leidensdruck, den diese Symptome verursachen, ist sehr unterschiedlich, aber auch die Ausprägung der Symptome. Wenn die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit entscheidend beeinträchtigt ist, ist der Einsatz von Medikamenten durchaus sinnvoll und hilfreich, auch eine Hormonersatztherapie unter Abwägung der individuellen Risiken muss diskutiert werden. Die Vorteile einer Hormonersatztherapie überwiegen nach Meinung der Deutschen Gesellschaft für Menopause die Nachteile gerade bei Frauen unter 70 Jahren.
Gibt es Hinweise darauf, dass die Menopause irgendeinen Einfluss auf die MS-Symptome hat?
Prof. Haas: Hormonelle Umstellungen werden mit dem Auftreten erster Symptome der MS, aber auch Schubaktivität und Fortschreiten der Erkrankung in Verbindung gebracht. Dies gilt für Pubertät, Wochenbett und Menopause. Zur Menopause und dem Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung gibt es nur wenige Daten. Da die MS sich um das 30. Lebensjahr manifestiert und nach 20 jähriger Krankheitsdauer bei 75 % der Betroffenen eine fortschreitende Behinderung besteht, fällt dies bei der Mehrzahl der Frauen mit der Menopause zusammen. Aber auch bei der Mehrzahl der Männer verläuft die MS jenseits des 50. Lebensjahres mit einer fortschreitenden Behinderung, so dass ein entscheidender Einfluss des Hormonabfalls bei weiblichen MS Kranken nicht sicher zu erkennen ist.
Dennoch gibt es in den letzten Jahren eine Vielzahl von Untersuchungen die den Östrogenen positive immunregulatorische Einflüsse und eine so genannte neuroprotektive Wirkung bescheinigen. Diese Daten stützen sich auf tierexperimentelle Studien und werden möglicherweise in naher Zukunft durch klinische Beobachtungen gestützt. Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich aus diesen ersten viel versprechenden Versuchen noch keine Therapieempfehlungen für die Multiple Sklerose ableiten. Allerdings kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Gabe von Östrogenen den Verlauf der MS nicht negativ beeinflusst.
Die in ersten Studien bei der schubförmigen MS nachgewiesenen positiven Effekte von Beta-Östradiolen auf die Schubaktivität bedürfen weiterer klinischer Prüfungen.
Einzelne Symptome allerdings wie abnorme Ermüdbarkeit, Schlafstörungen oder Harninkontinenz können durch den Hormonabfall verstärkt werden und werden durch eine Hormonersatztherapie wieder gebessert.
Welche Ratschläge würden Sie Frauen mit MS geben, denen die Menopause bevorsteht?
Prof. Haas: Symptome, die die Lebensqualität beeinflussen, bedürfen einer fachspezifischen Behandlung. Bei Haut- und Haarproblemen kann der Hautarzt helfen – es gibt z.B. neue hochwirksame Medikamente gegen den weiblichen Haarausfall. Bei gynäkologischen Problemen wie trockene Schleimhäute im Vaginal- und Scheidenbereich stehen ebenfalls lokal anwendbare Substanzen zur Verfügung. Fehlendes sexuelles Verlangen kann medikamentös beeinflusst werden. Hitzewallungen und Schweißausbrüche sind unangenehm, aber in der Regel nicht behandlungsbedürftig. Viele auch nicht MS-kranke Frauen sehen die Menopause als den Beginn eines Lebensabschnittes an, der ihnen signalisiert, dass nun das Alter beginnt. Erscheint das Leben mit der Menopause nicht mehr lebenswert, ist dringend psychologische Unterstützung notwendig und gegebenenfalls eine antidepressive Medikation.
Aus medizinischer Sicht ist das Hauptrisiko bei MS-kranken Frauen die Osteoporose.
Dieses Risiko ist durch die erfolgten und möglicherweise zukünftig notwendigen Kortisonstoßtherapien erhöht. Auch mangelnde Bewegung, bedingt durch eine körperliche Behinderung, verbunden mit einer erhöhten Sturzgefahr, erfordert eine vorbeugende Therapie. Calcium und Vitamin D sind hier häufig nicht ausreichend, eine spezielle Osteoporosetherapie ist angezeigt.
Bezüglich der übrigen Symptome, vor allem derer, die die Lebensqualität beeinträchtigen, sind individuelle Lösungen anzustreben. Die derzeit umstrittene Hormonersatztherapie wird aber nach wie vor in Einzelfällen die beste Lösung sein, immer unter Beachtung der Risikofaktoren.
Kann die Hormonersatztherapie MS-Symptome verbessern?
Prof. Haas: Das allgemeine Wohlbefinden verbessert sich, wenn hormonell bedingte Symptome wie Schweißausbrüche, Schlafstörungen und Depressionen abklingen. Auch die Fatigue wird dann günstig beeinflusst. Blasenstörungen können sich bessern, wenn die Feuchtigkeit der Schleimhäute wieder zunimmt. Es ist auch bekannt, dass eine Hormontherapie das Osteoporoserisiko und Gelenkbeschwerden vermindert, was ja für viele Frauen mit MS ein besonderes Problem ist.
Ob MS-Symptome durch Östrogene durch verbesserte Reparationsprozesse günstig beeinflusst werden, wird aufgrund tierexperimenteller Daten aktuell diskutiert.
Gibt es spezifische Ratschläge für Frauen mit MS in der Menopause hinsichtlich einer besonderen Ernährung?
Prof. Haas: Wegen des erhöhten Osteoporoserisikos ist es wichtig, auf eine ausreichende Calciumaufnahme zu achten. Viel Calcium ist in Milch und Milchprodukten enthalten, auch in Brot, Getreideprodukten, Hülsenfrüchten, einigen Gemüsesorten, Keimlingen und Nüssen. Zur Verwertung des Calciums ist Vitamin D erforderlich, das der Körper bei ausreichendem Aufenthalt an der Sonne selbst synthetisieren kann; es ist aber auch in fettreichem Fisch, Fleisch und Fleischprodukten enthalten. Dennoch kann bei erhöhtem Osteoporoserisiko, wie oben erwähnt, nicht auf eine spezielle Osteoporoseprophylaxe verzichtet werden. Hierzu sei auch auf die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Osteoporose verwiesen.
Haben Sie abschließend ganz spezielle Hinweise für Frauen mit MS, wie sie ihre Menopause meistern können?
Prof. Haas: Grundsätzlich geht es darum sich mit einem neuen Lebensabschnitt auseinander zusetzen. Frauen, die das 50. Lebensjahr erreicht haben, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weitere 30 Jahre leben. Es gilt daher gesundheitliche Risikofaktoren zu erkennen und zu verringern. Gesunde Ernährung, so viel Bewegung wie es die Krankheit erlaubt und eine aktive Lebensgestaltung helfen den hormonell bedingten Veränderungen entgegen zu wirken – die moderne Medizin hat darüber hinaus viele Möglichkeiten, individuell mit der Menopause verbundene Symptome zu lindern. MS-kranken Frauen gebe ich den Rat, ihren Neurologen auch darauf anzusprechen und sich den Weg zu den entsprechenden Fachdisziplinen weisen zu lassen.
Vielen herzlichen Dank, Frau Prof. Haas, für dieses Interview!
Redaktion:
DMSG, Bundesverband
2. September 2005
Letzte Änderung: 01.09.2005
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