Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V (DMSG)


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Gesundheit allgemein


Multiple Sklerose und Wunsch nach Vaterschaft

Die Multiple Sklerose ist die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems junger Erwachsener. 25% der Betroffenen sind Männer. Was aber, wenn sie eine Familie gründen wollen?

Das Hauptmanifestationsalter bei der Multiplen Sklerose liegt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, also in einer Lebensphase, wo Familienplanung und Kinderwunsch eine wesentliche Rolle spielen. Die begründete Hoffnung mit Hilfe der modernen immunmodulatorischen Therapien den schicksalsmäßigen Verlauf der Erkrankung durch eine rechtzeitige Immuntherapie zu verändern, hat die Entscheidung für ein Kind auch bei den Männern, die an MS erkrankt sind, nachhaltig beeinflusst.

Die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit MS und Vaterschaft beantwortet Frau Prof. Dr. med. Judith Haas, Chefärztin am Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Ist MS eine Erbkrankheit?

Prof. Haas: Die multiple Sklerose ist keine Erbkrankheit. Erbliche Faktoren beeinflussen aber die Empfänglichkeit an einer MS zu erkranken. Mitentscheidend für das Erkrankungsrisiko sind aber Umwelteinflüsse. In Deutschland ist einer von 600 Menschen an MS erkrankt. Das Risiko erhöht sich in Abhängigkeit von der Zahl weiterer an MS erkrankter blutsverwandter Familienmitglieder. Wenn beide Elternteile an MS erkrankt sind, erhöht sich das Risiko auf 1: 100. Das Risiko für die Tochter einer MS-kranken Mutter ebenfalls an MS zu erkranken, ist höher als das Risiko der Tochter eines MS-kranken Vaters. Am niedrigsten ist das familiäre Risiko für den Sohn eines MS-kranken Vaters.

KindDer Verlauf der Erkrankung ist im Einzelfall wahrscheinlich wiederum von schützenden oder nicht schützenden Erbfaktoren abhängig, so dass der Verlauf der Erkrankung bisher nicht vorausgesagt werden und von Familienmitglied zu Familienmitglied völlig unterschiedlich sein kann. Es ist zur Zeit noch nicht möglich das individuelle MS-Risiko eines Familienmitgliedes einer von MS betroffenen Familie zu ermitteln. 10% der MS-Erkrankten, die in der Berliner Datenbank erfasst sind, haben eine familiäre MS, d.h. ein weiteres blutsverwandtes Mitglied ist ebenfalls an MS erkrankt. Könnte man das individuelle MS-Risiko erkennen, wäre eine Impfung eine Zukunftsperspektive.


Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zeugungsfähigkeit und Multiple Sklerose?

Prof. Haas: Die Multiple Sklerose wirkt sich nicht unmittelbar auf die Zeugungsfähigkeit aus. Häufig sind jedoch schon in den Frühstadien der Erkrankung Potenzstörungen ein Problem. Bezüglich der Diagnostik und Therapie von Potenzstörungen bei MS wird auf die Konsensusempfehlungen zur Symptomatischen Therapie bei MS der MSTKG und des Ärztlichen Beirates des DMSG-Bundesverbandes verwiesen (Informationen finden Sie hier).


Was ist bei Immuntherapien zu beachten?

Prof. Haas: Ein Kind zu zeugen sollte in einer möglichst stabilen Phase der Erkrankung geplant werden, in der nicht in der Folge von Krankheitsaktivität Medikamente eingesetzt werden, die möglicherweise in diesem Zusammenhang bedenklich sind. Die zur Therapie der schubförmigen, schubförmig-progredienten und sekundär-progredienten MS zugelassenen Behandlungen erfordern mit Ausnahme der zellwachstumshemmenden Medikamente (Zytostatika) keine Empfängnisverhütung.


Hochdosisschubtherapie mit Kortison

Prof. Haas: Bezüglich der Gabe von hochdosierten Kortikosteroiden im Krankheitsschub bei MS-kranken Männern mit Kinderwunsch bestehen keine Bedenken im Hinblick auf die Zeugung eines Kindes. Das gleiche gilt für die Gabe von Kortisonpräparaten in die Rückenmarksflüssigkeit.


Interferon-beta

Prof. Haas: Seit der ersten Zulassung der Beta-Interferone 1996 sind weltweit zahlreiche Kinder, die unter dieserKinder Medikation gezeugt wurden, zur Beobachtung gelangt. Aus Tierversuchen ist ohnehin lediglich bei weiblichen Tieren eine erhöhte Abortrate bekannt, aber kein erhöhtes Missbildungsrisiko. Eine Empfängnisverhütung ist daher unter dieser Therapie für männliche MS-Erkrankte nicht mehr zu empfehlen und nicht notwendig.
Ob die Zeugungsfähigkeit durch Beta-Interferone beeinträchtigt ist, wurde aufgrund der geringen wachstumshenmmenden Wirkung der Beta-Interferone geprüft, ohne dass sich sichere Hinweise auf eine Veränderung der Spermienbildung ergaben.


Glatirameracetat

Prof. Haas: Für Männer, die mit Glatirameracetat behandelt werden, wird keine Empfängnisverhütung empfohlen. Für Glatirameracetat liegen Daten vor, die keinerlei Sicherheitsrisiken für ein ungeborenes Kind erkennen lassen, das von einem mit diesem Wirkstoff behandelten Mann gezeugt wird.


Azathioprin

Prof. Haas: Azathioprin wird seit mehr als 30 Jahren in der Therapie der Multiplen Sklerose eingesetzt. Bis 1995 wurden ca. 10 % der MS-Erkrankten mit Azathioprin behandelt, heute sind es immerhin noch 8%. Darüber hinaus liegen große Erfahrungen aus der Transplantationsmedizin vor und bei anderen Autoimmunerkrankungen. Trotz der Tatsache. dass Azathioprin eine zellwachstumshemmende Substanz ist, gab es keine Hinweise, dass bei mit Azathioprin behandelten Männern die von ihnen gezeugten Kinder ein erhöhtes Missbildungsrisiko aufweisen. Ältere Untersuchungen zum Einfluss auf die Spermiogenese haben gezeigt, dass die Spermienzahl gering verändert ist.


Immunglobuline

Prof. Haas: Hier handelt es sich um eine so genannte second-line-Therapie der schubförmigen Multiplen Sklerose, wenn Beta Interferone und Glatirameracetat unverträglich oder unwirksam sind oder Gegenanzeigen bestehen. Immunglobuline werden aus menschlichem Blutplasma gewonnen.
Es bestehen keinerlei Bedenken gegen den Einsatz von Immunglobulinen bei Kinderwunsch, weder bei Frauen noch bei Männern, die so behandelt werden.


Mitoxantron, Ciclophosphamid, Methotrexat

Prof. Haas: Diese aus der Krebstherapie stammenden Medikamente werden bei entsprechender Indikation im Rahmen der immunmodulatorischen Stufentherapie bei der Multiplen Sklerose eingesetzt. Die Zytostatikastoßtherapie birgt sowohl für Männer als auch für Frauen das Risiko der bleibenden Unfruchtbarkeit in sich. Wenn noch Kinderwunsch besteht, sollten sowohl weibliche als auch männliche MS-Erkrankte über die Möglichkeiten der Konservierung von Eizellen bzw. einer Samenspende informiert werden. Während der Therapie mit Zytostatika muss für eine sichere Empfängnisverhütung Sorge getragen werden. Der Sicherheitsabstand zwischen Ende der Zytostatikatherapie und der Zeugung eines Kindes soll mindestens 6 Monate betragen.


Symptomatische Therapie und Wunsch nach Vaterschaft?

Prof. Haas: Bezüglich der in Zusammenhang mit Fatigue, Spastik, Schmerzen, Blasenstörungen, Ataxie usw. eingesetzten Medikamente kann hier nicht auf die einzelnen Präparate eingegangen werden. Es wird auf die entsprechenden Produktinformationen (Beipackzettel) verwiesen.


Vorsorgemaßnahmen für das Kind MS-erkrankter Eltern?

Prof. Haas: Aufgrund der Diskussion um Stammzellen entscheiden sich nicht wenige Eltern Nabelschnurblut ihres Kindes einfrieren zu lassen um gegebenenfalls über Stammzellen des Kindes zu verfügen, wenn eine lebensbedrohliche Erkrankung auftritt oder sich therapeutische Möglichkeiten bezüglich einer Multiplen Sklerose in der Zukunft ergeben, von der das Kind mit einer höheren Wahrscheinlichkeit betroffen sein könnte, als ein Kind nicht MS betroffener Eltern.

Viele Eltern versichern ihr Kind auch aus eigener negativer Erfahrung heraus so umfassend wie möglich, da die Diagnose MS nicht nur zu einer früheren Berentung führen kann, sondern mit dieser Diagnose auch viele Versicherungsmöglichkeiten nicht mehr bestehen, beziehungsweise hohe Risikoaufschläge in Kauf genommen werden müssen.

 

Quelle:
Kompass 2/2005, S. 19
Foto: Carpe Diem

Redaktion:
DMSG Bundesverband e.V.
2. September 2005

Letzte Änderung: 06.09.2005

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