- 31.03.2011
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Mittendrin im Leben – trotz MS: Medizin-Studentin Sandra
Die Diagnose Multiple Sklerose ist ein Schock, bedeutet aber keinesfalls ein Ende der Lebensqualität. In der Serie "Mut-Mach-Geschichten" stellen wir Menschen vor, die diese Krankheit als Chance begreifen, neue Wege zu beschreiten: Sandra (25) hat seit sieben Jahren MS, ein schwerer Schub beförderte die junge Frau in den Rollstuhl, die Krankenschwester war plötzlich arbeitsunfähig und musste ihre Zukunftspläne ändern: Heute studiert sie Medizin und berichtet dem DMSG-Bundesverband, wie es ihr gelingt, ihr Schicksal besser zu akzeptieren: "nicht immer, aber oft."
![]() Quelle: Klaus-von-Kassel
Sandra: eine junge Frau mit MS, die das Beste aus ihrem Leben macht. |
Plötzlich lief es "unrund" für die Fußballerin: Diagnose MS
![]() Quelle: Klaus-von-Kassel
"MS": Diese zwei Buchstaben haben Sprayer in der ganzen Stadt verteilt. Wenn Sandra aus dem Fenster schaue, blicke sie auf diesen Kasten, "auf den Menschen gedankenlos dieses Kürzel mit Sprayfarbe gekritzelt haben", sagt sie. |
"Gut, ich hab MS, aber ich werde trotzdem das Beste daraus machen"
Das Abitur hat sie bestanden. "Wie, weiß ich heute nicht mehr", verrät Sandra. "Am Ende konnte ich nur noch etwa 100 Meter am Stück gehen, sah schlecht, fühlte mich hundeelend, spürte meine rechte Körperhälfte nicht mehr und hatte die Kontrolle über meine Blase verloren." Als 19-Jährige fand sie sich auf einer neurologischen Station des Krankenhauses wieder. "Und das, wo ich doch so gut wie nie krank war. Innerhalb einer Woche wurde die Diagnose gestellt. Ich hatte noch Glück, dass das Ergebnis so schnell feststand", meint sie. "Andere leiden Jahre, bis ihr Hausarzt sie an den Neurologen überweist, da die Symptome meist sehr subjektiv und diffus sind. Viele bekommen erst einmal eine Überweisung zum Psychologen."
Angst, dass alles vorbei ist, bevor das Leben richtig angefangen hat
Das anfängliche Glücksgefühl darüber, dass es eine Diagnose gibt, sei verflogen, als gesagt wurde, dass es keine Heilung gibt, erinnert sie sich. Kurz vor der Entlassung erkundigte sich der Assistenzarzt nach ihrem Befinden. "Ich habe Angst, dass mein Leben jetzt vorbei ist, jetzt wo alles anfangen sollte", habe sie ihm verraten. "Es wird nicht so, wie Du es Dir gedacht hast, aber es ist nicht vorbei", lautete die Antwort des Mediziners. Er sollte recht behalten: Nach der Diagnosestellung blieb Sandra ein Jahr zu Hause. "Mein Körper regenerierte recht langsam, aber es wurde besser und nach zehn Monaten fing ich an zu kellnern, weil mir die Decke auf den Kopf fiel. Ein weiterer Schub beendete diese Karriere.
Abschied vom Traum "Sportstudium": Neustart in der Medizin
In der Reha überlegte Sandra, wie es weitergehen könnte. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Krankenschwester, "da es klar war, dass aus meinem angestrebten Sportstudium wohl nichts wird". Nebenbei genoss sie das Leben, so gut es nur ging. Dazu gehörten Skifahren, Tanzen und Unternehmungen mit Freunden. "Es war nicht immer einfach, aber ich machte mein Examen und arbeitete danach noch einige Monate in der Anästhesie meines Ausbildungskrankenhauses", berichtet sie. Kaum war die Ausbildung abgeschlossen, kam ein schwerer Schub. Danach konnte sie nicht mehr laufen und auch ihren Beruf nicht mehr ausüben. "Mein Zustand verschlechterte sich, so dass ich aufhören musste. Traurig, denn ich habe die Arbeit geliebt", bedauert sie.
Wie soll es weitergehen? "Bin ich noch begehrenswert?"
Aufgeben kam für Sandra nicht infrage: "Heute studiere ich Medizin. Zwar nicht so schnell wie meine Kommilitonen, da das normale Pensum schwer mit meinen Physio - und Ergotherapiestunden sowie meinen Ruhezeiten zu vereinbaren ist, aber ich studiere."
Seit etwa 17 Monaten sitzt Sandra im Rollstuhl. Mit dieser Tatsache, komme sie gut zurecht. "Meistens jedenfalls", sagt sie. "Er ermöglicht mir, zu studieren und mich am Leben teilhaben zu lassen". Ein Problem habe sie jedoch beschäftigt: "Bin ich noch eine schöne Frau, der man hinterherschaut wenn sie vorbei-"läuft", die bewundernde Blicke erntet und die auf ihre Telefonnummer angesprochen wird? Kann das funktionieren ohne hohe Schuhe oder lasziven Hüftschwung beim Tanzen?" In der Reha habe sie dazu positive Antworten bekommen. "Aber in der Reha waren alle krank, dort gab es viele Rollstuhlfahrer, war ich dort nur der "Einäugige unter den Blinden?", verdeutlicht sie ihre Unsicherheit. In der Reha sei sie auch auf die Idee für die Fotos gekommen, um auf kreative Weise den Beweis anzutreten zur großen Frage: "Bin ich noch begehrenswert?"
"Unbeschreiblich weiblich": eine ganz normale Frau – und der Rollstuhl gehört dazu
Rollstuhlfahrerinnen, bzw. Frauen mit körperlichen Behinderungen, setzen sich viel stärker mit ihrem Körper auseinander, ist Sandra überzeugt: "Meist müssen sie es auch aufgrund der Erkrankung." Das kraftvolle Aktfoto eines querschnittgelähmten Mannes, der auf dem Bild Männlichkeit ausstrahlte, gefiel ihr und brachte sie auf die Lösung, wie sich selbst davon überzeugen könnte, eine attraktive Frau zu sein -trotz Rollstuhl: "Vielleicht musste ich es einfach mit eigenen Augen sehen. Sie kontaktierte einige Fotografen, aber alle lehnten ab. "Klar, im Rollstuhl kann man sich nicht so bewegen wie Andere, braucht mehr Hilfe und als MS´ler vielleicht auch Ruhepausen, man muss viel ausprobieren", erklärte sie sich. Über einen Freund habe sie Kontakt zu dem Fotografen "Klaus von Kassel" bekommen. "Mein Wunsch war es, Aufnahmen zu machen, die meine Weiblichkeit betonen", betont Sandra. Daran sei nur eine Bedingung geknüpft gewesen: der Rollstuhl musste mit im Bild sein. "Er ist sozusagen ein neues Körperteil von mir und gehört ab jetzt dazu."
![]() Quelle: Klaus-von-Kassel
Sandra: "unbeschreiblich weiblich" |
Die große Liebe und Halt in der Familie geben Kraft
Ihre erste, große Liebe, Christian, fand Sandra schon im Alter von 15 Jahren. Gemeinsam meistern die beiden alle Höhen und Tiefen der Erkrankung. Sie leben zusammen - eine große Hilfe für die junge Frau. Denn ohne Christian könnte sie die Wohnung im ersten Stock nicht mehr alleine verlassen. Trotzdem ist es eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Jeder hat sich seine Eigenständigkeit bewahrt. Die beiden sehen sich als ganz normales Pärchen, nur dass jetzt der Rollstuhl dazugehört. Die MS hat Einfluss auf Sandras Mobilität, nicht aber auf ihre Partnerschaft. Dankbar sei sie auch, dass ihre Eltern sie unterstützen und sie ihr Leben führen könne, ohne sich Gedanken um eine finanzielle Absicherung Gedanken machen zu müssen.
Die Suche nach dem "Warum?"
"Wenn man eine schwere Diagnose erfährt, fangen viele an zu beten. Ich war nie gläubig oder sehr religiös", so die 25-Jährige. "Trotzdem fragt man sich, ob man etwas falsch gemacht hat oder, ob es eine Strafe ist." Doch schnell sei ihr klargeworden: "Bei MS gibt es keinen Auslöser, man kann Niemandem die Schuld geben." Letztlich half es ihr zu denken: "Ich habe diese Erkrankung, weil Gott gewusst hat, dass ich stark genug bin, damit umzugehen."
Das Leben "entschleunigen" und die Welt mit anderen Augen sehen
"Ich bin nicht froh darüber, krank zu sein, aber ich bin dankbar für vieles, was mit der Erkrankung zusammenhängt", gewährt Sandra Einblick in ihre Lebenseinstellung. "Ich bin dankbar zu erfahren, dass es Menschen gibt, die hinter mir stehen, meine Eltern und Geschwister, Familie und Freunde. Dankbar kleine Freuden genießen zu können und sich daran zu erfreuen, gelernt zu haben, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und mein Leben entschleunigt ist, darüber die Welt mit anderen Augen sehen zu können. Ich freue mich über die vielen Kontakte, die sich aufgrund der Erkrankung ergeben haben, Freunde, die ich nur aus diesem Grund gefunden habe und Dinge, die ich nur darum erleben durfte. Dankbar darüber, dass ich mit einer krebskranken Patientin ausmachen konnte, dass wir an den Anderen denken, wenn wir nachts wieder weinend im Bett liegen und nicht schlafen können. Dankbar über den hysterischen Lachanfall, den ich einst vor dem Spiegel hatte, weil mir aufgefallen ist, dass es mir so gut geht, dass ich mich über den Pickel auf meiner Stirn aufregen konnte. Und ich bin dankbar darüber erleben zu dürfen, wie groß Liebe sein kann und wie viel man für sie aufgibt. Heute kann ich mein Schicksal besser akzeptieren, nicht immer – aber oft."
Wie es ihr morgen gehen wird, weiß die 25-Jährige nicht. "Wenn ich einen Wunsch frei hätte", so sagt sie, "dann wäre es nicht, wieder gesund zu sein. Das Einzige, was ich mir wünsche ist, dass jetzt Stillstand ist und die MS meinen derzeitigen Zustand nicht weiter verschlechtert".
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Auch im Fernsehen hat Sandra über ihr Leben mit MS berichtet: |
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Quelle: Klaus-von-Kassel (Bilder) Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 31. März 2011 |
Letzte Änderung: 05.04.2011
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