Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V (DMSG)


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ECTRIMS/ACTRIMS 2011, Teil 4: Was könnte MS auslösen, was könnte helfen?

Risikofaktoren und Forschungen zur Wiederherstellung verlorengegangener Funktionen bei Multipler Sklerose stehen im Vordergrund vom vierten Teil der Serie des DMSG-Bundesverbandes zum gemeinsamen Kongress von ECTRIMS (European Committee for Treatment and Research in MS) und ACTRIMS (Americas Committee for Treatment and Research in MS), auf dem sich mehr als 7000 praktizierende und forschende Neurologen in Amsterdam über den aktuellen Forschungsstand ausgetauscht haben.

ECTRIMS-Logo 2009 Text - 25. KongressDas Verständnis dafür, wie die Multiple Sklerose das Nervensystem zerstört und wie die Symptome das tägliche Leben beeinträchtigen – diese Aspekte sind wichtig, um das volle Potential der Rehabilitation ausschöpfen zu können. Das Ziel dabei ist immer, Funktionen bei MS-Erkrankten zu erhalten oder wiederherzustellen.

• Trotz der Tatsache, dass die MS das Nervensystem zerstört, hat das Gehirn eines Betroffenen die Fähigkeit, sich immer wieder ‘neu zu verdrahten’. Dr. Paul Matthews aus London sprach über die Plastizität des Zentralen Nervensystems. Er nannte als einen wichtigen Faktor, der zur Behinderung führt den "erlernten Nichtgebrauch” und betonte, dass die Plastizität des Nervensystems auch bei fortgeschrittener MS noch besteht. Dieses muss bei der Rehabilitation auch in späteren Stadien der Erkrankung mehr Beachtung finden.

• Die Doktoren A. Tacchino, G. Brichetto und ihre Kollegen von der Italienischen MS Foundation führten eine kleine Studie durch, basierend auf neueren Hinweisen, dass die mentale Vorstellung spezifischer Bewegungen bei MS-Patienten rehabilitativ wirken kann. Die Teilnehmer, 14 MS-Erkrankte und 19 gesunde Kontrollpersonen, stellten sich zuerst in Gedanken eine spezielle Aufgabe mit einem Bleistift vor und führten diese dann später auch physisch aus. Die Studie ergab, dass diese mentale "Vorübung" die für die Ausführung der Aufgabe benötigte Zeit verkürzen konnte. Möglicherweise kann daraus ein Rehabilitationsansatz für MS-Erkrankte entwickelt werden.

• Eine Umfrage, die von Dr. Nicholas LaRocca präsentiert wurde wies darauf hin, dass Gehschwierigkeiten das tägliche Leben und die Lebensqualität bei 65% der MS-Erkrankten beträchtlich beeinflussen. Und dieses auch schon dann, wenn die Betroffenen erst seit 5 Jahren oder weniger an MS erkrankt sind. Von denjenigen, die MS-bedingte Gehschwierigkeiten hatten, empfanden 70% dieses als schwierigstes Problem ihrer MS. Dennoch besprachen 40% dieser Gruppe das Problem "selten oder nie" mit ihrem Arzt. Die Umfrage war bei 1.246 MS-Erkrankten durchgeführt worden. Sie macht deutlich, wie wichtig eine frühe Erkennung und ein gutes Management von Mobilitätsproblemen bei MS-Erkrankten sind.

• Ein Teil der Gedächtnisstörungen, die bei MS auftreten, beruht auf einer unzureichenden Informationsaufnahme. Die Hilfe von Geschichten, die das Erinnerungsvermögen verbessern können, ist die Idee, die hinter einem Projekt steht, das von Dr. John DeLuca und seinem Team in den USA entwickelt wurde, und das speziell bei der Behandlung von Lern- und Erinnerungsproblemen bei MS-Erkrankten helfen soll. Die Behandlung umfasst 10 Sitzungen bei denen die Patienten lernen, Dinge in einen Zusammenhang zu bringen und bildliche Darstellungen zu verwenden um Lernelemente zu festigen. Das Team fand, dass diese Technik sehr nützlich ist, insbesondere bei Personen, die normale Geschwindigkeiten bei der Informationsverarbeitung haben. Darüber hinaus scheint diese Technik bei der Ausführung von Erinnerungsaufgaben mehr Hirnregionen zu aktivieren, wie funktionelle MRT-Bilder zeigten.

CCSVI

Neunzehn Präsentationen bezogen sich auf die viel diskutierte Chronische Cerebrospinale Venöse Insuffizienz (CCSVI) und ihren möglichen Zusammenhang mit der MS. Die meisten Studien, über die berichtet wurde, verglichen das Auftreten dieses Phänomens bei MS-Erkrankten und verschiedenen Kontrollgruppen. Dabei wurden unterschiedliche bildgebende Verfahren verwendet, die widersprüchliche Ergebnisse brachten. Einige berichteten davon, dass Venenanomalitäten häufig sind, und bei MS-Erkrankten und gesunden Kontrollen gleich häufig auftreten, andere fanden CCSVI häufiger bei MS-Patienten. Besonders erwähnenswert sind die Folgenden:

• Ein Vortrag von Claudiu Diaconu, Dr. Robert Fox und ihren Kollegen von der Cleveland Clinic, Ohio, berichtete über erste Ergebnisse einer noch fortdauernden Studie zu Venenstrukturen bei Autopsien von sieben verstorbenen MS-Erkrankten im Vergleich zu sechs Verstorbenen, die keine MS hatten. In dieser nicht verblindeten Studie, die durch die Nationale MS Gesellschaft der USA finanziell unterstützt wird, wurde in beiden Gruppen eine Vielzahl struktureller Veränderungen in den Venen, die das Blut aus dem Gehirn ableiten, gefunden. Es gab jedoch bei den MS-Erkrankten mehr Veränderungen (2 Veränderungen bei 2 von 6 Kontrollen versus 9 Veränderungen bei 6 von 7 MS-Patienten). Dabei wurden auch Hinweise gefunden, welche Technik diese Veränderungen am besten darstellen kann.

• Ein Vortrag von Dr. Florian Doepp von der Charitè Berlin wies auf das Fehlen standardisierter Techniken hin und stellte Ergebnisse seines Teams dar, die im Widerspruch zu den Originalergebnissen von Dr. Zamboni stehen.

• In einem Poster wurde die derzeit in Italien laufende Multicenter-Studie (CoSMo-Studie) beschrieben, die bei 2.000 Versuchspersonen nach Veränderungen in den Venen sucht.

• Ein Poster der Drs. Kresimir Dolic, Robert Zivadinov und ihren Kollegen von der Universität Buffalo stellte Ergebnisse von 252 Personen dar, bei denen eine Untersuchung hinsichtlich CCSVI vorgenommen worden war. Sie wurden hinsichtlich möglicher Risikofaktoren, CCSVI zu bekommen, untersucht. Diese Risikofaktoren waren ohne Bezug darauf, ob jemand MS oder eine andere neurologische Erkrankung hatte oder es sich um eine gesunde Kontrollperson handelte. Die Forscher fanden, dass auf 27.8% der Gruppe die CCSVI-Kriterien zutrafen. Bei dieser Untergruppe gab es mehr Faktoren in ihren Krankheitsgeschichten als bei denjenigen, bei denen die CCSVI-Kriterien nicht zutrafen. Solche Faktoren waren Herzerkrankungen (speziell Herzgeräusche) infektiöse Mononukleose (Pfeiffer`sches Drüsenfieber, ausgelöst durch das Epstein Barr Virus) und nervöse Darmstörungen.

Forschungen zu den Risiko-Faktoren für MS

Was löst eine Multiple Sklerose aus? Wie eine Präsentation zeigte, tragen Gene, die einen Menschen für MS empfänglicher machen, lediglich zu 30% zu dessen individuellem Risiko bei, die anderen 70% kommen vermutlich durch Umweltbedingungen dazu. Ergebnisse zum besseren Verständnis möglicher Risikofaktoren – und auch schützender Faktoren – wurden auf der Konferenz intensiv diskutiert.

• Auf dem Charcot Satelliten Symposium, das vor Beginn der ECTRIMS/ACTRIMS – Konferenz stattfand, stand die möglicherweise wichtige Rolle kleiner Bakterienkolonien im Darm im Mittelpunkt, die die individuelle Empfänglichkeit von Menschen für eine MS beeinflussen kann. Die so genannte ‘Hygiene-Hypothese’ weist schon seit längerem darauf hin, dass der verminderte Kontakt zu Mikroorganismen in Ländern mit höheren Hygienestandards dazu führen könnte, dass das Immunsystem bei Infektionen überreagiert - was dann letztlich zum Ausbruch einer MS führt. Dr. Valerie Gaboriau-Routhiau aus Paris beschrieb, wie die Trillionen an Bakterien im Darm mit dem Immunsystem in Wechselwirkung stehen und wie das in der Tat auch das Gleichgewicht dieses Systems beeinflussen kann. Sie wies darauf hin, dass ein besseres Verständnis der immunologischen Vorgänge im Darm wesentliche Konsequenzen für die Entwicklung neuer Therapien für Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen haben könnte.

• Auf dem gleichen Symposium beschrieb Prof. Dr. Hartmut Wekerle vom Max Planck Institut für Neurobiologie in Martinsried ein genetisch designtes Mausmodell, das spontan eine MS-ähnliche Erkrankung entwickelte – ohne Injektion von Myelinkomponenten oder Immunzellen, wie sie gewöhnlich benötigt werden, um diese Erkrankung in Nagetieren hervorzurufen. Seine Arbeitsgruppe entdeckte, dass diese Mäuse in einer keimfreien Umgebung die Erkrankung nicht entwickelten – und dass Darmbakterien zur Entstehung der Erkrankung erforderlich waren. (wir berichteten)

• Dr. Jorge Correale vom Institut für Neurologische Forschungen aus Buenos Aires, Argentinien beschrieb derzeit in seinem Team noch laufende Arbeiten zur Aufklärung der Frage, inwieweit Darmparasiten aus der Familie der Würmer die Immunbalance verschieben könnten, um die Krankheitsaktivität bei MS zu vermindern. Dieser Ansatz wird derzeit in klinischen Studien untersucht. Zum Beispiel wird an der Universität Wisconsin getestet, ob Wurmeier, die von MS-Erkrankten oral aufgenommen werden, die Krankheitsaktivität reduzieren können.

• Eine unzureichende Konzentration an Vitamin D wurde in den vergangenen Jahren mit einem höheren Risiko in Verbindung gebracht, an MS zu erkranken – ein möglicher Zusammenhang hinsichtlich der Beeinflussung einer schon bestehenden Erkrankung allerdings ist noch nicht ausreichend aufgeklärt. Dr. Ellen Mowry von der Johns Hopkins Universität Baltimore und ihre Kollegen beschrieben die 5-jährige so genannte EPIC-Studie. Diese schließt 469 Patienten mit einem CIS (einem frühen Krankheitszeichen, aber noch nicht definierter MS-Diagnose) bzw. schubförmiger MS ein. Jährlich wurden bei diesen MRT-Untersuchungen, Blutentnahmen und klinische Untersuchungen vorgenommen. Berichtet wurde darüber, dass höhere Konzentrationen an Vitamin D im Blut entsprechend der MRT-Aufnahmen ein geringeres Risiko an Krankheitsaktivität mit sich brachte. Jeder Anstieg der Vitamin D Konzentration im Blut um 10 ng/ml war verbunden mit einem um 32% niedrigeren Risiko, eine neue, Gadolinium-anreichernde (also aktiv entzündliche) Läsion im Gehirn zu bekommen. Dr. Mowry und ihr Team beginnen zurzeit mit einer klinischen Studie die untersuchen soll, ob zusätzlich zur Standardtherapie verabreichte Vitamin D Gaben Schübe oder andere Krankheitsaktivitäten vermindern können.

Kinder und MS

• Auf einer speziellen Themenveranstaltung zur MS im Kindesalter wurde die Möglichkeit diskutiert, in diesen Fällen die frühen Auslösefaktoren besser herausfinden zu können. Dr. Emmanuele Waubant, Universität von Kalifornien, San Francisco, die einem der sechs Zentren vorsteht, die das Internationale Netzwerk für MS im Kindesalter bilden, vorsteht, gab einen Überblick über das, was zur kindlichen MS bekannt ist. Offen sei noch die Frage, warum diese Kinder so viel früher erkranken als Erwachsene. Sie führt derzeit eine Studie durch, die möglicherweise die MS auslösende Umweltfaktoren bei MS-erkrankten Kindern untersuchen soll. Dabei mit einbezogen werden bekannte Infektionen mit Viren, Vitamin D-Konzentrationen im Blut, Kontakt mit dem Rauchen und andere.


Quelle: Research News NMSS, USA
Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 22. Dezember 2011

Letzte Änderung: 03.01.2012

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