Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V (DMSG)


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Neue Medikamente / Neue Ansätze


Fumarsäure: "Wunderpille" gegen Multiple Sklerose?

Fumarsäure erweitert das Spektrum von Therapien zur Behandlung der schubförmigen MS: Die Kombination aus hoher Wirksamkeit und Sicherheit mache das Medikament zu einer interessanten Behandlungsoption, rechnen die Bochumer Wissenschaftler Professor Ralf Gold, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes und Doktor Gisa Ellrichmann, mit einer Zulassung in 2013.

Die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) stellt als chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) weiterhin die häufigste neurologische Ursache von Behinderungen bei jungen Erwachsenen dar. Trotz intensiver Forschung und Entwicklung neuer Therapieansätze kann die Erkrankung bisher nicht geheilt werden. Ursache der Erkrankung ist eine Schädigung der von einer Isolierschicht, dem Myelin, umhüllten Nervenfasern, so dass die Weiterleitung von elektrischen Impulsen, zum Beispiel für die Koordination motorischer Funktionen verantwortlich, gestört ist. Ein Fortschreiten der Erkrankung kann dazu führen, dass einzelne Impulse überhaupt nicht mehr ihr Zielorgan erreichen, was beispielsweise eine vollständige Lähmung von Muskelpartien nach sich ziehen kann. Häufige Symptome der MS sind Sehstörungen, spastische Lähmungen der Extremitäten, sensible Veränderungen, Blasenfunktionsstörungen, Koordinationsstörungen, Störungen der Feinmotorik aber auch Konzentrationsstörungen, Erschöpfungszustände und depressive Verstimmungen.

Therapie
Grundsätzlich werden drei Bereiche der MS-Therapie unterschieden: die Schubtherapie, die Basistherapie und die symptomatische Therapie.
Neben den langjährig angewandten immunmodulatorischen Basistherapien (Interferon beta, Glatirameracetat, Azathioprin, Mitoxantron, u.a.) werden aktuell neue Therapiestrategien besonders für die schubförmig verlaufende MS entwickelt, durch die sowohl die klinische Wirksamkeit als auch die Kooperation durch die Patienten bedingt durch alternative Applikationsformen verbessert werden konnten. Diese sind Fumarsäure, Fingolimod (Gilenya®), Cladribin, Teriflunomid und Laquinimod. Hiervon ist zum aktuellen Zeitpunkt lediglich Fingolimod zugelassen.

Fumarsäure
Die Fumarsäure, seit den 90er Jahren als Fumaderm® auf dem Markt, ist eines dieser neuen Therapeutika, die in Form einer Tablette eingenommen werden. Sie ist ein Bestandteil des Zitronensäurezyklus, einem zentralen Kreislauf im menschlichen Körper, der hauptsächlich der Energiegewinnung dient. Die Salze der Fumarsäure heißen Fumarate.
Die Resorption der Substanz erfolgt über den Dünndarm, geringe Mengen werden über Urin und Stuhl ausgeschieden. Die Halbwertszeit von Dimethylfumarat (DMF), einem Ester der Fumarsäure, beträgt etwa 12 Minuten. DMF wird nach Einnahme im Darm schnell in Monomethylfumarat (MMF) verstoffwechselt, welches eine Halbwertszeit von etwa einer Stunde besitzt.

Wirkmechanismen der Fumarsäure
Der genaue Wirkmechanismus ist bisher noch unbekannt.

A) Es werden Zellen und Moleküle im Immunsystem ‚umprogrammiert‘, die so das Nervensystem vor Schädigungen schützen. Hierbei kommt es zu einer Verschiebung von Immunzellen (vor allem den sogenannten
dendritischen Zellen) und Botenstoffen des Immunsystems (Interleukinen).

B) Aus der Aktivierung einer Kaskade verschiedener biochemischer Prozesse, die in zentraler Funktion den sogenannten NF-E2-related factor 2 (Nrf2) einbeziehen, resultiert letztendlich ein Schutz vor entzündlicher Destruktion, Detoxifikation und ein Abbau beschädigter Proteine. DMF verringert den Anteil des im Nervensystem schädlich wirkenden Stickstoffoxid, wodurch dem DMF eine potentiell schützende, neuroprotektive Wirkung des Nervensystems zuzusprechen ist.

Histologische Bilder zur Wirkung der Fumarsäure im Mausmodell

Klinische Studien
Bereits 1959 wandte der Chemiker Schweckendiek die Fumarsäure im Rahmen eines Selbstversuches erfolgreich zur Behandlung der Schuppenflechte, einer immunologisch der MS verwandten Erkrankung, an. Dies wurde 1994 als Fumaderm® lizensiert. In einer 2006 veröffentlichten vielversprechenden Vorab-Untersuchung an 10 Patienten wurde die Fumarsäure (das zugelassene Fumaderm) erstmalig an einem Patientenkollektiv mit schubförmiger MS angewandt. Es erfolgten weitere große Phase II und III Studien mit über 1200 Patienten. Eine 2-mal tägliche Einnahme von 240 mg in Tablettenform führte zu einer signifikanten Schubraten-Reduktion sowie deutlichen Verringerung MS-typischer Veränderungen in der Kernspintomographie. Dreimal tägliche Einnahme ergab keine stärkere Wirkung, auch zeigte sich bereits in der Vorstudie dass die Einnahme von 120 mg zu gering dosiert war.

Nebenwirkungen
Zwar gilt die Fumarsäure im Vergleich zu anderen Präparaten als gesundheitlich ungefährlich, dennoch kam es in den Studien zu häufigen Nebenwirkungen. Als häufigste Nebenwirkung sind nach der Einnahme von DMF gastrointestinale Störungen in Form von Magen-Darm-Krämpfen, Durchfällen und Völlegefühl zu verzeichnen. Diese reduzieren sich jedoch nach ca. 2-3-wöchiger Einnahme, können jedoch bei ca 3 % der Patienten zum Absetzen der Therapie führen. Eine langsame Steigerung der Substanz bis hin zur Zieldosis ist daher zu empfehlen. Weiterhin werden häufig Hautrötungen, die sogenannte Flush-Symptomatik, unmittelbar nach Einnahme beobachtet. Diese treten bei etwa 40% der Patienten auf und klingen nach 4-6 Wochen ab. Da bei einigen Patienten die weißen Blutkörperchen stark abfallen können, sollte in 6-8 Wochen Abständen das Blutbild kontrolliert werden.

Fazit
Mit der Fumarsäure erweitert sich das Spektrum von Therapien in der Behandlung der schubförmigen MS. Insbesondere die Kombination aus hoher Wirksamkeit und Sicherheit, die nach bereits über 150.000 Patientenjahren bekannt ist, machen das Medikament zu einer interessanten Behandlungsoption. Mit der Zulassung wird Anfang 2013 gerechnet.
Es ist abzusehen, dass basierend auf den bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen, Fumarsäure auch bei anderen Verlaufsformen der MS, dem sekundär-chronisch progredienten Verlauf und vielleicht sogar dem primär-chronisch progredienten Verlauf ein hohes Potential hat. Hierzu müssen selbstverständlich noch weitere ausführliche und sorgfältig geplante Studien folgen.

Festzuhalten ist: durch die Wirkung auf das Immunsystem und den potentiellen Schutz des Nervensystems (Neuroprotektion) eröffnen Fumarate potentiell neue Wege der MS Therapie. Aber auch durch die Fumarsäure können schon langjährig bestehende Defizite nicht wieder hergestellt werden. Momentan sollten sich Betroffene in vorsichtigem Optimismus und noch etwas Geduld üben. Vor allem bei der schubförmigen MS sollte das Spektrum der bisher etablierten, sehr wirksamen Behandlungsmethoden genutzt werden.


Dr. Gisa Ellrichmann

Dr. med. Gisa Ellrichmann


Gold

Prof. Dr. med. Ralf Gold



Die Autoren von der Neurologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum am St. Josefs-Hospital:
Prof. Dr. med. Ralf Gold, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes und Dr. med. Gisa Ellrichmann.



 

 

Quelle: Bilder von der Ruhr-Universität Bochum
Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 08. Februar 2012


Letzte Änderung: 08.02.2012

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