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Neue Medikamente / Neue Ansätze


Feind bei Alzheimer, Heilmittel bei MS?

Ein Plaques auslösendes Eiweiß, das bei Alzheimer ein Absterben der Hirnzellen bewirkt, könnte Menschen mit Multipler Sklerose vielleicht helfen. Diese These stellen US-amerikanische Wissenschaftler nach Versuchen mit Mäusen auf, die unter einer MS-ähnlichen Krankheit litten: Ein Einsatz des Proteins Abeta als Medikament bleibt jedoch fraglich, zu groß sind die Zweifel an der Sicherheit.

Modell eines Beta_Amyloid-Moleküls 
O. Crescenzi et al., Protein Data Bank © Wikipedia

Modell eines Beta-Amyloid-Moleküls

Abeta, auch Beta-Amyloid genannt, gilt als Hauptverursacher von Alzheimer. Bei dieser Krankheit lagern sich mehrere der kurzen Eiweißfragmente zusammen und bilden dichte Proteinklumpen, sogenannte Plaques, die zum Tod der Nervenzellen im Gehirn führen können. Allerdings kommt Abeta auch in den Gehirnen von Menschen vor, die nicht unter Alzheimer leiden. Es scheint beispielsweise im normalen Alterungsprozess ebenso zu entstehen wie bei Verletzungen des Gehirns oder bei Entzündungen. Geringe Mengen zirkulieren zudem im Blut. Auch bei Multipler Sklerose findet sich Abeta im Zentralen Nervensystem - vor allem an den Stellen, an denen das Immunsystem fälschlicherweise die fettartige Schicht um die langen Fortsätze der Nervenzellen angreift und dort eine Entzündung hervorruft. Welche Funktion das kleine Eiweißmolekül jedoch erfüllt und welche Rolle es bei MS spielt, ist noch unklar.

Option für die MS-Therapie? Im Mausmodell verringerten sich die Symptome

Dieser Frage sind die Forscher Jacqueline Grant und Lawrence Steinman mit ihrem Team von der Stanford University nachgegangen. Sie wollten herausfinden, was passiert, wenn der Abeta-Spiegel im Blut absichtlich erhöht wird. Dazu injizierten sie Mäusen mit einer künstlich hervorgerufenen Hirnentzündung, die der bei MS gleicht, das Eiweißfragment Abeta, das ein Hauptbestandteil der typischen Proteinklumpen im Gehirn von Alzheimer-Patienten ist, in den Bauchraum. Doch ihr Verdacht, die Behandlung würde die Krankheit verschlimmern, bestätigte sich nicht - im Gegenteil: Nach den Injektionen ging es den Tieren sichtlich besser. Ihre Lähmungserscheinungen verringerten sich, die Entzündungswerte wurden besser. Die Behandlung konnte sogar den Ausbruch der Krankheit verzögern, zeigten weitere Tests. Diesen Effekt könnte man möglicherweise für eine neue MS-Therapie kopieren, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science Translational Medicine". Alzheimer bekamen die Mäuse von den Injektionen nicht: In ihren Gehirnen tauchten keinerlei Abeta-Plaques auf. Ein Einsatz des Proteins Abeta als Medikament ist jedoch eher unwahrscheinlich - das Risiko, dadurch doch Alzheimer auszulösen, wäre vermutlich zu hoch.

Die Behandlung scheint nichts mit den Vorgängen im Gehirn zu tun zu haben, sondern beeinflusse vielmehr das Immunsystem, so die Forscher. Denn die für die Attacken bei MS verantwortlichen Immunzellen entstehen nicht im Gehirn, sondern werden im Körper scharfgemacht und wandern dann erst ins Zentrale Nervensystem ab. Das nach den Injektionen im Blut zirkulierende Abeta bremst diesen Prozess offenbar aus, so dass der Angriff im Gehirn weniger stark erfolgt. Es wirke damit ähnlich wie moderne MS-Medikamente, die ebenfalls die weißen Blutkörperchen außerhalb des Gehirns abfangen oder blockieren, schreiben die Forscher. Bestätigt wurde diese Vermutung durch weitere Tests - unter anderem mit gentechnisch veränderten Mäusen, die kein Abeta herstellen konnten. Bei diesen Tieren schritt die Krankheit sehr viel schneller fort und war stärker ausgeprägt, haben die Wissenschaftler beobachtet.

Experten äußern starke Zweifel an der Sicherheit

Während die US-amerikanische Forschegruppe es für möglich hält, dass irgendwann einmal Abeta oder ein ähnliches Proteinfragment als Medikament eingesetzt werden könnte, sind andere Forscher eher skeptisch. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Therapie der MS denkbar wäre, die nicht im Gehirn ansetzt, sondern indirekt über das Immunsystem wirkt. Ob dazu Beta-Amyloide eingesetzt werden könne, sei zweifelhaft. Deren Wirkmechanismus müsse zuvor besser verstanden werden, warnen aus dem Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes der Vorsitzende Prof. Dr. med. Reinhard Hohlfeld (Universität München) und Prof. Dr. med. Hartmut Wekerle (Max-Planck-Institut für Neurobiologie Martinsried) in einem begleitenden Kommentar, dass eine Erhöhung von Abeta im Blut das Gegenteil dessen ist, was aktuell in klinischen Studien als Behandlung für Alzheimer getestet wird. Es sei nicht abzusehen, welche Folgen eine solche Erhöhung beim Menschen habe und ob nicht doch Abeta-Fragmente ins Gehirn gelangen. Vor allem müsse die Gefahr ausgeschlossen werden, dass eine Behandlung mit Beta-Amyloiden eine Alzheimer-Demenz oder eine Hirnhautentzündung auslöst. Die unerwartete Doppelgesichtigkeit des Abeta-Eiweißes sei jedoch hochinteressant und werde vermutlich zu einem besseren Verständnis der Vorgänge bei beiden Krankheiten führen.

Quelle: Science Translational Medicine, DOI: 10.1126/scitranslmed.3004145, DOI: 10.1126/scitranslmed.3004586 - 02. August 2012
Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 02. August 2012

Letzte Änderung: 02.08.2012

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