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Aus dem Ärztlichen Beirat

Kommentar des Ärztlichen Beirats der DMSG, Bundesverband e.V. zum Einfluss von Stress auf den Verlauf der Multiplen Sklerose

Von vielen MS-Betroffenen wird das Auftreten von MS-Schüben oder sogar der Erkrankung selbst mit Stress in Zusammenhang gebracht. Es ist schwierig, diesen möglichen Zusammenhang wissenschaftlich zu beweisen, weil Stress individuell ganz unterschiedlich empfunden wird, und jeder Mensch ganz individuelle Bewältigungsstrategien entwickelt-ob Stress den Verlauf der MS wirklich beeinflusst, blieb somit lange fraglich.

Im letzten Jahrzehnt wurden jedoch Studien durchgeführt, die eine Verbindung zwischen stressbeladenen Lebensereignissen und Verschlechterung der MS aufzeigen, wobei Stress als ein Faktor unter vielen anzusehen ist. Als konkretes Beispiel seien Untersuchungen genannt, die nahelegen, dass Angst vor konkreter Gefahr, wie z.B. einem Raketenangriff, zu einer erhöhten Schubrate und erhöhtem Auftreten entzündlicher Herde im MR-Tomogramm führt (Golan et al., 2008;Yamout et al., 2010).

"Stress-Management-Programm" bei MS

Die Mechanismen, über die Stress zur Auslösung von Schüben führt, sind noch weitgehend unbekannt. Erwiesen ist jedoch, dass bei MS-Patienten die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse eine erhöhte Aktivität zeigt. Diese sogenannte "Stressachse" reguliert die Ausschüttung von Kortison. Unterschiede in der Aktivierung der Stressachse finden sich jedoch auch zwischen MS-Betroffenen mit verschiedenen Verlaufsformen oder unterschiedlicher Ausprägung der Fatigue (Then Bergh et al., 1999; Gottschalk et al., 2005). Inwieweit eine Erhöhung entzündungsfördernder Zytokine oder eine Unempfindlichkeit von Kortisonrezeptoren eine Rolle spielt, ist noch Gegenstand der Forschung.

Die Arbeitsgruppe um David C. Mohr konnte jetzt nahelegen, dass ein "Stress-Management-Programm" in der Lage ist, das Auftreten neuer Kontrastmittel aufnehmender Herde im MR-Tomogramm zu reduzieren (Mohr et al., 2012). An drei Studienzentren wurden 121 MS-Patienten zufällig einer Behandlungsgruppe (60 Patienten) bzw. einer Kontrollgruppe (61 Patienten) zugeteilt. Die behandelte Gruppe erhielt 16 Therapiesitzungen zu 50 Minuten Länge über 20-24 Wochen von erfahrenem Fachpersonal, vorwiegend Psychologen, die gezielt auf Stressbewältigung ausgerichtet waren. Dann folgte eine Nachbeobachtungsphase von 24 Wochen ohne Therapie. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich eine fünfstündige Unterrichtung in einem Workshop. Eine MR-Tomographische Untersuchung des Gehirns mit Kontrastmittel wurde zu Beginn sowie in den Wochen 8, 16, 24, 32, 40 und 48 bei beiden Gruppen durchgeführt. Sofern die MS-Patienten mit einer Basistherapie (Interferon-ß oder Glatirameracetat) behandelt wurden, wurde diese unverändert beibehalten.

Weniger neue Entzündungsherde - solange die Therapie anhält

Die verblindete Auswertung ergab, dass die mit dem Stress-Management-Programm behandelten Patienten weniger neue Entzündungsherde aufwiesen als die Kontrollgruppe. Auch blieb eine größere Anzahl von Behandelten frei von neuen Herden. Das Gehirnvolumen der behandelten MS Patienten nahm langsamer ab und sie zeigten – wie erwartet – niedrigere Stresslevel als die Kontrollgruppe. Die Schubrate behandelter und unbehandelter Patienten war dagegen nicht unterschiedlich, wobei die Studie jedoch auch nicht darauf ausgelegt war, Unterschiede in der Schubhäufigkeit aufzudecken.
Auffällig war, dass nach Ende der Therapie zu den Untersuchungszeitpunkten 32-48 Wochen keine Reduktion neu auftretender Läsionen mehr nachweisbar war. Auch der Stresslevel war nicht mehr reduziert. Weshalb der Effekt des Stress Managements nicht über die aktive Behandlung hinaus anhielt, bleibt ungeklärt. Möglicherweise konnten die MS-Betroffenen die erlernten Verhaltensweisen nach Beendigung der Therapie nicht durchhalten. Dieses Problem ist von vielen verhaltenstherapeutischen Interventionen bekannt. Alternativ wäre denkbar, dass nicht die Therapie an sich, sondern unspezifische Faktoren, wie z. B. die Erwartungen der Patienten an die neue Therapie, für den Therapieerfolg verantwortlich waren. Ebenso unerklärt bleibt die geringere Abnahme des Gehirnvolumens in der behandelten Gruppe. Die Studie war nicht darauf ausgelegt, hier einen Unterschied zu finden, so dass das Ergebnis den bisher vorliegenden Messungen bezüglich des Gehirnvolumens widerspricht. Auch war die Abbrecherquote bei den behandelten Patienten mit 22 % höher als bei den unbehandelten Patienten mit 10 %. Die Abbrecherquote ist vergleichbar mit anderen verhaltenstherapeutischen Interventionen und zeigt die hohe Aufwändigkeit dieser Therapie. Letztlich ist noch anzumerken, dass der Großteil der Patienten mit Interferon-ß oder Glatirameracetat behandelt war, so dass das Stress-Management-Programm bei den meisten Patienten zusätzlich zur medikamentösen Therapie angewendet wurde.

Fazit

Zusammengefasst legt diese Studie nahe, dass Stressreduktion mit Hilfe eines verhaltenstherapeutischen Programmes die Entzündungsaktivität bei MS günstig beeinflussen kann. Allerdings war dieser Effekt nur während der aufwändigen Therapie nachweisbar und nach Beendigung der Therapie verschwunden. Die meisten Studienteilnehmer waren mit Basistherapeutika behandelt, so dass die Verhaltenstherapie als Zusatztherapie anzusehen ist. Letztlich bleibt auch offen, ob die Verhaltenstherapie selbst oder ein anderer, unspezifischer Faktor, wie z.B. positive Erwartungen an die Therapie, den anti-entzündlichen Effekt bewirkte. Allerdings liefert diese Studie ein weiteres eindrucksvolles Beispiel für den negativen Einfluss von Stress auf den Verlauf der MS. Die neuen Ergebnisse sollten Anlass geben, dieses komplexe Gebiet weiter intensiv zu erforschen.


Prof. Dr. med. Frank Weber
©Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Autor: Prof. Frank Weber.

Dieser Beitrag ist im Auftrag des Vorstandes des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. durch Prof. Dr. med. Frank Weber, AEB-Mitglied der DMSG, erstellt worden. Der Oberarzt leitet die neurologische Station sowie die Ambulanz für entzündliche ZNS-Erkrankungen, zu der auch die Multiple Sklerose-Ambulanz gehört, am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

 

 

 


Literatur:
Golan D, Somer E, Dishon S, Cuzin-Disegni L, Miller A. Impact of exposure to war stress on exacerbations of multiple sclerosis. Ann.Neurol. 2008; 64:143-148.

Gottschalk M, Kümpfel T, Flachenecker P, Uhr M, Trenkwalder C, Holsboer F, Weber F. Fatigue and regulation of the hypothalamo-pituitary-adrenal axis in multiple sclerosis. Arch.Neurol. 2005; 62:277-280.

Mohr DC, Lovera J, Brown T, Cohen B, Neylan T, Henry R, Siddique J, Jin L,
Daikh D, Pelletier D. A randomized trial of stress management for the prevention of new brain lesions in MS. Neurology 2012; 79:412-419.

Then Bergh F, Kümpfel T, Trenkwalder C, Rupprecht R, Holsboer F. Dysregulation of the hypothalamo-pituitary-adrenal axis is related to the clinical course of MS. Neurology 1999; 53:772-777.

Yamout B, Itani S, Hourany R, Sibaii AM, Yaghi S. The effect of war stress on multiple sclerosis exacerbations and radiological disease activity. J.Neurol.Sci. 2010; 288:42-44.

Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 22. Oktober 2012

Letzte Änderung: 22.10.2012

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