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Symptomatische Therapie


Britische Cannabis-Studie ausgewertet: Überraschende Ergebnisse?

Die lang erwarteten Studienergebnisse zur Wirkung von Cannabinoiden auf MS-Symptome sind da! Subjektiv empfundene Verbesserungen sind nicht objektiv messbar.

Dr. John Zajicek von der Peninsula Medical School, Plymouth, UK und Mitarbeiter veröffentlichten die bereits lang erwarteten Ergebnisse einer groß angelegten multizentrischen randomisierten und placebokontrollierten Studie in der Zeitschrift The Lancet vom 8. November 2003 (Lancet 2003; 362: 1517-1526).
657 Patienten in 33 klinischen Zentren Großbritanniens waren beteiligt.

Zusammenfassung
•  Es ist die erste sorgfältig ermittelte und bis jetzt auch die größte Datensammlung über die Wirkung von Cannabis-Extrakten bei der Behandlung von MS-Symptomen.

•  Dr. Aaron Miller von der US-amerikanischen MS-Gesellschaft fasst seine Sicht der Ergebnisse so zusammen: „Oral verabreichtes Cannabis-Öl oder synthetisches THC (Tetrahydrocannabinol) scheinen einen signifikanten Nutzen bei Schmerzen und auf die individuelle Empfindung des Patienten hinsichtlich der Spastizität zu haben, jedoch nicht auf eine objektive Messung der Spastik. Ob die von den Patienten beschriebenen positiven Effekte aus einer spezifischen chemischen  Wirkung der Cannabinoide oder einem besonderen Placeboeffekt resultierten kann aus dieser Studie nicht festgestellt werden, da unangenehme Nebenwirkungen es für mehr als drei Viertel der Patienten möglich machten zu erkennen, dass sie den Wirkstoff bekommen hatten und nicht zur Placebogruppe gehörten. Die Studie konnte auch keine Information über das quantitative Ausmaß der Schmerzreduktion geben, so ist es unklar ob die Patienten den Nutzen der Cannabinoide eher dadurch empfanden, dass die Nebenwirkungen geringer wurden. Die Langzeitwirkungen oral verabreichter Cannabinoide sind nicht bekannt und ihr Gebrauch bleibt in den meisten Ländern illegal. Das Rauchen von Cannabis ist nicht zu empfehlen, da die toxischen Wirkungen noch über die des Tabakrauchens hinaus gehen.“

•  Im Vergleich mit einem Placebo ergab eine Behandlung über 13 Wochen mit oral verabreichtem Cannabis-Öl bzw. synthetischem Tetrahydrocannabinol (THC, aktiver Bestandteil von Cannabis/Marihuana) keine objektiv messbare Wirkung auf die Spastizität. Daneben verbesserte sich jedoch die Mobilität. In Fragebögen berichteten die Patienten individuell empfundene Verbesserungen hinsichtlich Spastik und Schmerzen.


Hintergrund
Eine Spastik (ein erhöhter Muskeltonus, der steife und oft ungeschickte bzw. unkoordinierte Bewegungen verursacht) ist oft auch mit erprobten Medikationen schwer zu kontrollieren. Seit Jahren hält sich die Behauptung, dass Marihuana selbst, dessen Abkömmling THC oder andere Extrakte und Präparationen daraus helfen kann eine Spastik bei Multipler Sklerose zu kontrollieren. Die bisherigen klinischen Studien in diesem Zusammenhang waren klein, generell nicht ausreichend kontrolliert, ihre Ergebnisse sehr unterschiedlich und schwierig zu interpretieren.

Die Tatsache, dass Marihuana psychoaktiv wirkt (d.h. dass es die Wahrnehmung eines Menschen verändern kann) macht die Feststellung der Wirkungen dieser Droge auf subjektiv wahrgenommene Symptome schwierig. Dazu treten Nebenwirkungen auf, die problematisch sein können. Deshalb hofften die Wissenschaftler darauf, wirksame chemische Bestandteile des Marihuana (Cannabinoide) isolieren zu können, deren Wirkung im Körper zu erforschen und Wege zu finden, die Nebenwirkungen zu minimieren.

1999 gab die US-amerikanische National Academy of Sciences / Institute of Medicine einen Bericht über mögliche medizinische  Anwendungen von Marihuana heraus, der vom White House Office of National Drug Control Policy in Auftrag gegeben worden war. Darin wurde auf die Toxizität von gerauchtem Marihuana hingewiesen, die möglicherweise höher als die des Tabakrauches ist und dringend die Entwicklung von Marihuana-Abkömmlingen gefordert, die eine sicherere Anwendung gewährleisten und eine objektiv messbare Wirkung bei verschiedenen medizinischen Problemen einschließlich Spastik und Tremor zeigen. Ein Jahr früher hatte auch die Regierung des Vereinigten Königreiches von Großbritannien einen Bericht zu Cannabis und MS herausgegeben und weitere klinische Untersuchungen eingefordert.

Daraus folgend begann eine Gruppe Britischer Wissenschaftler eine umfangreiche placebokontrollierte klinische Studie mit 657 Patienten mit unterschiedlichen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose um herauszufinden, ob die Einnahme von Kapseln mit Cannabisöl oder synthetischem THC hinsichtlich Spastik oder anderen Symptomen wirksam ist. Die Studie wurde neben staatlichen Einrichtungen auch durch die MS-Gesellschaft von Großbritannien und Irland gefördert.

Studiendesign
Die Forscher aus 33 Zentren in Großbritannien rekrutierten 657 Patienten mit unterschiedlichen Formen der MS (Alter 18 bis 65 Jahre) und spastischer Beinmuskulatur. Jeder Teilnehmer wurde mittels Zufallsauswahl einer der drei Gruppen zugeteilt und erhielt Cannabisöl, synthetisches THC oder Placebo über eine Kapsel, die oral aufgenommen werden musste. Die Dosis wurde in den ersten fünf Wochen hinsichtlich Nebenwirkungen und Körpergewicht individuell angepasst. Danach folgte eine achtwöchige Beobachtungsperiode und eine zwei Wochen dauernde Entwöhnung (mit Reduzierung der Behandlung innerhalb 1 Woche). Die Studie wurde doppelblind durchgeführt, was bedeutet, dass weder die Patienten noch die Ärzte wussten, welche Behandlungsform sie erhielten/verabreichten. Patienten mit Herzerkrankungen wurden nicht in die Studie aufgenommen, da bekannt ist, dass Cannabis die Herzfrequenz erhöhen und den Blutdruck senken kann. Personen, 30 Tage vor Beginn der Studie Kortikosteroide oder Interferone erhalten hatten, waren ebenfalls ausgeschlossen. Die Studienteilnehmer hatten sieben Klinkstermine zwecks Untersuchung wahrzunehmen.

Die Studie war primär zur Einschätzung der Wirkung auf die Spastik angesetzt. Dem Klinikpersonal wurde deshalb eine Skala zur Messung dieses Symptoms zur Verfügung gestellt. In zweiter Sicht wurde die Mobilität eingeschätzt (mittels zwei Tests von denen einer ein Gehtest war) sowie dem Patienten ein Fragebogen in die Hand gegeben mit dem er seine individuelle Wahrnehmung hinsichtlich einer Verbesserung seiner Symptome protokollieren konnte. Gefragte Symptome waren: Erregung, Depression, Müdigkeit, Muskelsteife, Tremor, Schmerz, Schlaf, Spasmen, Energie. Zur Komplettierung der Studie fragten auch die behandelnden Ärzte die Studienteilnehmer abschließend nach ihrer Wahrnehmung zu Verbesserungen hinsichtlich vor der Behandlung bestehender Symptome wie Tremor, Spastizität, Schmerzen und Blasenfunktionsstörungen.

Ergebnisse
Es wurden die Daten von 630 Studienteilnehmern in die Auswertung einbezogen. Es gab keinen objektiven Beweis eines Behandlungseffektes auf den wichtigsten Zielbereich der Studie, die Muskelspastizität, gemessen mit der standardisierten Ashworth–Skala. Die Ashworth–Skala, eine 5-Punkt-Skala, misst Einschränkungen in der Bewegung in speziellen Muskelgruppen und wird vielfach in Studien, Spastik und deren Behandlung betreffend, verwendet.

Am Ende der Studie fragten die Ärzte die Studienteilnehmer jeweils nach ihrer individuellen Einschätzung, ob das Medikament, welches sie genommen haben, ihre Symptome verbessert hat. Signifikant mehr Patienten die entweder Cannabisöl oder THC erhalten hatten berichteten über das subjektive Gefühl einer Verbesserung bei Spastik und Schmerz, jedoch nicht bei Tremor oder Blasenproblemen.

Zur Einschätzung einer Verbesserung der Mobilität unter der Behandlung wurde die Zeit gemessen, die ein Patient benötigte um 10 Meter zu gehen. Die Gehzeiten von 278 Teilnehmern vor und während der Behandlung wurden ausgewertet. Es ergab sich eine Verkürzung der Gehzeit unter THC von 12 Prozent im Vergleich zu 4 Prozent sowohl bei Cannabisöl als auch Placebo. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. Es gab keine Verbesserungen bei anderen Mobilitätstests.

In den Behandlungsgruppen mit den Wirkstoffen gab es mehr Nebenwirkungen wie Schwindel, Mundtrockenheit und gastrointestinale (Darm-) Symptome. Diese Nebenwirkungen führten zu einer geringeren Blindung für die Studienteilnehmer – was bedeutet, dass die meisten, die einen der beiden Wirkstoffe bekamen, auch merkten, dass sie eine aktive Therapie erhielten – jedoch die auswertenden Ärzte blieben hinsichtlich des Behandlungsstatus der Patienten geblindet. Allerdings kompliziert die Tatsache, dass 77 Prozent derjenigen, die eine aktive Therapie erhalten hatten, dies anhand der Nebenwirkungen auch erraten konnten die Interpretation der positiven Rückmeldungen über den Nutzen der Behandlung.

Eine Beeinflussung von Harntraktsymptomen und psychologische Wirkungen von Cannabis wurden zusätzlich in zwei kleineren Substudien untersucht. Diese werden jedoch getrennt ausgewertet und in der vorliegenden Veröffentlichung nicht diskutiert.

Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse der Studie bieten die erste umfangreiche und sorgfältig ermittelte Datensammlung hinsichtlich der Wirkung von Marihuana auf Symptome der Multiplen Sklerose. Die lang erwarteten Ergebnisse zeigen, dass die untersuchten oral verabreichten Marihuana-Abkömmlinge keine objektiv messbare Verbesserung der Spastizität bei MS-Erkrankten erreichen können. Auf der anderen Seite bestätigen sie die bereits existierenden Hinweise, dass Patienten sich unter einer Medikation mit Marihuana in einer Weise besser fühlen, die nicht von ihren Ärzten gemessen werden kann. Es muss noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass diese Studie keine Aussagen hinsichtlich des Marihuana-Rauchens macht, einer vermutlich auch bei vielen MS-Erkrankten verbreiteten Art des Gebrauchs dieser Droge! Auch Langzeitwirkungen von THC und Cannabisöl wurden hier nicht untersucht.

Die vorliegenden Ergebnisse liefern einen wichtigen Beitrag für die laufenden Diskussionen über den Wert von Marihuana-Abkömmlingen zur symptomatischen Behandlung der MS.

Die amerikanische MS-Gesellschaft empfiehlt: Patienten sollten sich hinsichtlich des Gebrauchs von Marihuana-Abkömmlingen zur Behandlung von MS-Symptomen unbedingt mit ihrem behandelnden Arzt beraten.


Quelle:
National Multiple Sclerosis Society, New York
Research / Clinical update
Vom 7.11.2003

Redaktion:  DMSG Bundesverband e.V.

7. November 2003

 

 


 

Letzte Änderung: 07.11.2003

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