Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V (DMSG)


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Aus dem Ärztlichen Beirat


Stellungnahme des Vorstands des Ärztlichen Beirates der DMSG, Bundesverband e.V. zum Nachweis von anti-JC Virus -Antikörpern im Blut zur PML-Risikoabschätzung unter Therapie mit Natalizumab.

Natalizumab (Tysabri®) ist ein hoch wirksames Medikament zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose. Als unerwünschte Arzneimittelwirkung kann unter Behandlung mit diesem Medikament eine Progressive Multifokale Leukenzephalopathie (PML) auftreten, eine durch das JC-Virus (JCV) vermittelte, schwere Infektionserkrankung des Gehirns.

Neben den bekannten, das PML Risiko begünstigenden Risikofaktoren – Behandlungsdauer mit Natalizumab über 24 Monate hinaus, sowie eine vorangegangene immunsuppressive Therapie – wird neuerdings auch eine Blutuntersuchung zum Nachweis sog. anti-JCV-Antikörper als weitere Komponente für die Abschätzung des individuellen PML-Risikos diskutiert. Ein entsprechender Test wird in Deutschland seit kurzem angeboten.

Der Ärztliche Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. begrüßt grundsätzlich alle wissenschaftlichen Aktivitäten zur Risikostratifizierung unter der Therapie mit Natalizumab und anderen Therapien. Nach gegenwärtiger Datenlage kann davon ausgegangen werden, dass etwa 50-60% der Bevölkerung (und somit auch der MS-Betroffenen) das Virus in sich tragen ("Durchseuchung"). Diese Personen bilden im Test nachweisbare Antikörper gegen das JC Virus. Die allermeisten dieser Virusträger sind allerdings völlig gesund. Schon daher sollte es Ziel sein, diesen Antikörpertest nur dann anzuwenden, wenn sich aus dem Ergebnis der Testung auch tatsächlich eine konkrete Therapiekonsequenz zum Nutzen des Patienten ergibt.

Nach bisherigen Erkenntnissen bedeutet ein positiver anti-JCV-Antikörper-Befund ein leicht erhöhtes PML-Risiko, was aber nicht zwingend eine Therapie mit Natalizumab verbietet. Die einzige Patientengruppe, für die sich zur Zeit eine klare Empfehlung hinsichtlich der Bestimmung der anti-JCV-Antikörper geben lässt, sind MS Patienten mit zusätzlichen Risikofaktoren, und zwar solche, die

a) vor Beginn der Natalizumab-Therapie mit einem Immunsuppressivum (dazu gehören z.B. Mitoxantron und Azathioprin; nicht jedoch Interferon-beta, Glatirameracetat oder Kortison) behandelt wurden, und die

b) bereits über mehr als zwei Jahre mit Natalizumab behandelt wurden.

Fällt bei solchen Patienten die Testung positiv aus, wäre ein Aussetzen oder Absetzen einer Natalizumab-Behandlung zu diskutieren. Dies sollte jedoch in Absprache mit einem erfahrenen MS-Therapiezentrum erfolgen, da ein einfaches Absetzen von Natalizumab das Risiko eines Wiederauftretens von vermehrter Krankheitsaktivität in sich birgt und daher alternative Therapiemöglichkeiten mit betroffenen Patienten diskutiert werden müssen. Umgekehrt bedeutet ein negativer Test selbstverständlich keinesfalls die Garantie, dass sich nicht doch unter Natalizumab eine PML entwickeln kann. Dieses Risiko erscheint allerdings bei negativem anti-JCV-Antikörper-Befund nach aktuellem Wissenstand sehr gering. Auch sollte bei einem negativen Testergebnis jährlich eine Nachbestimmung erfolgen, da von einem jährlichen Anstieg der Durchseuchung der Bevölkerung (und somit Anteil der anti-JCV-Antikörper-Positiven) um etwa 2-3 Prozent auszugehen ist.

Fazit:
Der Bluttest zum Nachweis von anti-JCV-Antikörpern zeichnet sich als neues Werkzeug zur Abschätzung des individuellen PML Risikos unter Therapie mit Natalizumab ab. Wie bei anderen neu eingeführten medizinischen Testmethoden muss auch dieses Verfahren zunächst in weiteren Studien validiert werden, um seinen Stellenwert für die Erarbeitung konkreter individueller Risikoprofile hinreichend sicher einschätzen zu können. In jedem Fall kommt es entscheidend darauf an, dass dieser Test sinnvoll und gezielt eingesetzt wird. Ausserdem sind die konkreten Konsequenzen dieser Untersuchung – insbesondere die Bedeutung eines etwaigen positiven Testergebnisses - schon im Vorfeld mit den Betroffenen kritisch zu besprechen.

Kieseier_Porträt

Autor: Prof. Dr. med. Bernd Kieseier

Dieser Beitrag ist im Auftrag des Vorstandes des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. in Abstimmung mit dem Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) durch Prof. Dr. med. Bernd Kieseier, AEB-Mitglied der DMSG, erstellt worden. Auch das KKNMS hat eine Stellungnahme zum anti-JCV-Antikörpertest herausgeben. Diese Stellungnahme ist über die Webseiten des KKNMS verfügbar.


Literatur:

1.C Warnke, O Adams, R Gold, HP Hartung, R Hohlfeld, H Wiendl, BC Kieseier. Progressive Multifokale Leukencephalopathie unter der Behandlung mit Natalizumab – erste Möglichkeiten einer Risikostratifizierung? Nervenarzt. 2011,82:475-480.

2.C Warnke, O Adams, HP Hartung, R Gold, B Hemmer, R Hohlfeld, M Stangel, F Zipp, H Wiendl, BC Kieseier. Update JC-Virus Serologie – Nutzen und Grenzen des Einsatzes zur Startifizierung des Risikos einer Progressiven Multifokalen Leukenzephalopathie unter der Behandlung mit Natalizumab. Nervenarzt. 2011; im Druck.

 

 

Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 10. Mai 2011

Letzte Änderung: 06.06.2011

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