DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Multiple Sklerose und Kinderwunsch

Die Multiple Sklerose ist eine häufige Erkrankung des jungen Erwachsenenalters, daher ergeben sich bei den Betroffenen spezifische Fragen zu den verschiedenen Phasen der Familienplanung, möglichen Wechselwirkungen zwischen MS und Schwangerschaftsverlauf, dem Einfluss von immunmodulatorischen Therapien bis zur Vererbbarkeit von MS, die jedoch keine Erbkrankheit im eigentlichen Sinn ist: Das Risiko für ein Kind, dessen Vater oder Mutter an MS erkrankt ist, auch an einer MS zu erkranken, beträgt ungefähr 3%.

MS und Fruchtbarkeit

Die Fertilität – also die Fruchtbarkeit - von Männern und Frauen mit MS ist nicht eingeschränkt. Dies gilt auch unter der immunmodulatorischen Basistherapie und Eskalationstherapien mit Natalizumab oder Fingolimod. Die gängigen MS Medikamente haben keinen Einfluss auf die Wirksamkeit von oralen Kontrazeptiva (Pille). Die Pille kann ohne negativen Einfluss auf den Krankheitsverlauf der MS eingenommen werden.

MS und Schwangerschaft

Während die Schubrate in der Schwangerschaft kontinuierlich abnimmt (bis zu 80% im letzten Drittel), kommt es in den ersten drei Monaten nach der Entbindung zu einem signifikanten Schubanstieg. Etwa 30% der Frauen erleiden in den ersten 3 Monaten nach der Geburt einen Schub. Im zweiten Trimenon nach der Geburt geht die Schubrate auf das präpartale (unbehandelte) Niveau zurück. Erfreulicherweise scheinen sich Schwangerschaften nicht negativ auf den Fortschritt der Erkrankung bzw. Behinderung auszuwirken.

MS und Geburt

Die Schwangerschaftsverläufe von Frauen mit MS und gesunden Frauen sind ähnlich. Einschränkungen für die Geburt sollten sich durch die MS nicht ergeben. Der Schubanstieg nach der Geburt (postpartal) ist unabhängig vom Entbindungsmodus: Ein Kaiserschnitt nur wegen MS ist daher ebenso unnötig wie der Verzicht auf eine Periduralanästhesie (PDA). In der PRIMS Studie korrelierte eine PDA nicht mit dem postpartalen Schubanstieg. Die erhöhte Rate an Schnittentbindungen liegt nur wenig über dem Durchschnitt gesunder Frauen, ohne einen Anstieg an sonstigen Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen bei Frauen mit MS.

Stillen - oder nicht Stillen?

Frauen müssen wegen der MS in der Regel nicht auf das Stillen verzichten. Sie sollten wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen ca. 4-6 Monate voll stillen und nach dem Abstillen mit der MS Therapie wieder beginnen. Unsere Daten zeigen, dass sich ausschließliches Stillen positiv auf die postpartale Schubrate auswirkt. Sollte man nicht stillen, ist eine zügige Wiederaufnahme der MS Therapie empfehlenswert. Eventuell auftretende Schübe können auch in der Stillzeit mit hochdosierten Steroiden behandelt werden. Dann wird allerdings eine Stillkarenz von 4 Stunden empfohlen.

Unerfüllter Kinderwunsch

Studien zeigen, dass durch reproduktionsmedizinische Behandlungen Schübe ausgelöst werden können. Frauen mit MS sollten hierüber aufgeklärt werden! Dennoch scheint es nicht erforderlich, generell von dieser Behandlung abzuraten. Die Studiendaten zeigen ebenfalls, dass weder eine bestimmte Hormongabe noch der Zeitintervall zwischen den Stimulationen für den Schubanstieg verantwortlich ist. Daher sollte die reproduktionsmedizinische Therapie lediglich von gynäkologischen/ reproduktionsmedizinischen Erwägungen abhängig gemacht werden.

Schwangerschaft/Stillzeit und MS Medikation

Da die gängigen Medikamente in der Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert oder eingeschränkt zugelassen sind, wird eine Unterbrechung der Therapie bzw. eine Beendigung meist schon vor einer geplanten Konzeption, spätestens mit Eintritt der Schwangerschaft empfohlen. Zu den meist ungeplanten Schwangerschaften unter Immuntherapie gibt es lediglich wenige Untersuchungen mit zum Teil uneinheitlichen Ergebnissen.

Männer mit MS und Kinderwunsch

Männer müssen die gängigen MS Medikamente Interferone, Copaxone®, Natalizumab und Gilenya® vor einer geplanten Zeugung nicht absetzen. Dies gilt jedoch nicht für Mitoxantron.
Da es sich hierbei um ein Immunsuppressivum mit genotoxischem Potential handelt, wird MS Patienten beider Geschlechter empfohlen, die Therapie mindestens 6 Monate vor geplanter Schwangerschaft abzusetzen. Männer sollten über die Möglichkeit der Kryokonservierung von Spermien vor der Behandlung aufgeklärt werden (leider keine Kostenübernahme der Krankenversicherung; Jahreskosten liegen bei ca. 300 Euro/Jahr).

Übersicht MS- Medikamente und Schwangerschaft

Interferone

Interferone können nach Risiko-/Nutzenabwägung durch den behandelnden Arzt in der Schwangerschaft gegeben werden. Hierbei ist das Risiko einer Fehlgeburt (vornehmlich aus frühen Tierversuchsdaten, aber auch von Schwangerschaften bei Frauen) gegen das Risiko, einen Schub durch das Absetzen der Interferone zu erleiden, abzuwägen. Neuere Daten der firmeneigenen Schwangerschaftsregister zeigen, dass die Abortrate im Bereich gesunder Frauen liegt, ohne Hinweise für Fruchtschädigung der Substanz.

Glatirameracetat/Copaxone®

Copaxone® zeigt im Tierversuch und in klinischen Fallsammlungen weder teratogenes noch abortives Potential. Copaxone® ist in Deutschland nicht zur Behandlung von Schwangeren zugelassen. Gängige Praxis ist es, sowohl Interferone als auch Copaxone entweder mit der "Verhütung" zusammen oder bei Feststellen der Schwangerschaft abzusetzen.

Natalizumab/Tysabri®

Daten zur Sicherheit existieren aus dem firmeneigenen Schwangerschaftsregister (ca. 270) und unserem Deutschen MS und Schwangerschaftsregister (ca. 60) ohne Hinweise für eine erhöhte Fehlgeburtsrate, noch ein erkennbares spezifisches Fehlbildungsmuster.
Neu aufgenommen in die Fachinformation wurde der Text, dass "Natalizumab nicht während einer Schwangerschaft verwendet werden darf, es sei denn der klinische Zustand der Frau erfordert es." Ebenso: "Natalizumab geht in die Muttermilch über, es sollte darunter nicht gestillt werden". Dies bedeutet für die Praxis, dass Natalizumab maximal 3 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden sollte. Über das zeitliche Intervall sollte individuell entschieden werden, da es in der Regel 4-6 Monate nach dem Absetzen von Tysabri® zu einem Anstieg der Krankheitsaktivität kommen kann. Sollte die Gabe von Natalizumab in der Schwangerschaft auf Grund erhöhter Krankheitsaktivität notwendig werden, ist dies möglich, sollte jedoch in erfahrenen Zentren erfolgen.

Fingolimod/Gilenya®

Vor Therapiebeginn im gebärfähigen Alter muss bei Frauen ein negativer Schwangerschaftstest vorliegen. Frauen sollten unter Therapie nicht schwanger werden. Tritt dennoch eine Schwangerschaft auf, muss die Therapie beendet werden.
Reproduktionstoxizität im Tierversuch und pharmakokinetische Daten der Substanz führen zur Empfehlung, dass Frauen Fingolimod 2-3 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft absetzen sollen. Tritt dennoch unter Fingolimod bzw. innerhalb von 2 Monaten nach der letzten Einnahme eine Schwangerschaft auf, werden diese wichtigen Daten in einem weltweiten zentralen Schwangerschaftsregister gesammelt. Die Daten können in Deutschland zentral über Frau Dr. Hellwig/Universitätsklinik St. Josef Hospital (k.hellwig@klinikum-bochum.de) erfasst werden.

Mitoxantron

Es ist bekannt, dass unter Mitoxantron eine bleibende Amenorrhoe (bis zu 30%), vor allem bei Frauen, die älter als 35 Jahre sind, auftreten kann.
Da es sich um ein Immunsuppressivum mit genotoxischem Potential handelt, wird MS Patienten beider Geschlechter empfohlen, die Therapie mindestens 6 Monate vor geplanter Schwangerschaft abzusetzen.

Kortikosteroide

Tritt ein Schub in der Schwangerschaft auf (bei etwa 25% der Patienten), kann man bei einer schweren Symptomatik nach dem ersten Trimenon (Schwangerschaftsabschnitt) wie gewohnt hochdosiert mit Kortison behandeln: Bevorzugt eingesetzt werden sollte Prednisolon, das im Gegensatz zu Dexamethason nur zu ca. 10% plazentagängig ist.
Da im Tierversuch und zum Teil auch beim Menschen das Risiko einer Kiefer-Lippen-Gaumen Spaltbildung nicht ausgeschlossen ist, und Steroide als "schwache Teratogene" diskutiert werden, sollte man zwischen der 8. und 11. Gestationswoche mit einer Kortisontherapie zurückhaltend sein. In der Regel wird nur ein Kortisonpuls in der Schwangerschaft erforderlich sein.
Bei Mehrfachbehandlungen mit Steroiden kann es
- zur intrauterinen Wachstumsverzögerungen (IUGR),
- zur Frühgeburt
- zur vorübergehenden Hypoglykämie, Hypotonie und Elektrolytstörungen beim Neugeborenen kommen.
Sollte in seltenen Fällen eine Glukokortikoidtherapie bis kurz vor der Geburt notwendig sein, ist auf eine mögliche Nebenniereninsuffizienz des Neugeborenen zu achten. Ein sogenannter Magenschutz mit Protonenpumpenhemmer kann gegeben werden.
Zusammenfassend können und sollten schwere Schübe während der Schwangerschaft mit Kortison behandelt werden, die Indikation für eine Schubtherapie sollte jedoch streng gestellt werden, insbesondere im ersten Trimenon.

Autorin: Dr. Kerstin Hellwig
Neurologische Klinik
St. Josef Hospital Bochum
MS- und Schwangerschaftsregister

Vieles ist schon bekannt zum Thema MS und Kinderwunsch. Dennoch gibt es eine Menge offener Fragen. Um diese zu beantworten, existiert ein bundesweites MS- und Schwangerschaftsregister an der Universitätsklinik St. Josef Hospital in Bochum, das die Erfahru

Wenn Sie...

  • aktuell schwanger sind
  • es in den nächsten 2-3 Monaten werden wollen
  • einen unerfüllten Kinderwunsch mit geplanter hormoneller Stimulationsbehandlung haben
  • oder zu den Männer mit MS gehören, die demnächst Vater werden wollen

würden sich Milena Rockhoff oder PD. Dr. Kerstin Hellwig vom MS- und Kinderwunschregisterteam gerne telefonisch mit Ihnen in Verbindung setzen. Bitte melden Sie sich unter k.hellwig@klinikum-bochum.de.

  • Die Internetseite www.ms-und-kinderwunsch.de liefert nützliche Informationen zum Thema MS und Kinderwunsch. Mehr
  • Einen weiteren Artikel zu Schwangerschaft und Familienplanung, an dem Dr. Hellwig mitgearbeitet hat, wurde jetzt online im EPMA-Journal in englischer Sprache veröffentlicht. Mehr Quellenangabe: Die hier veröffentlichten Ergebnisse entsprechen den Leitlinien des DMSG-Bundesverbandes und den Informationen des Kompetenznetzes Multiple Sklerose. Die Fachinformationen der einzelnen Hersteller sind bei der Beurteilung der Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und der Fertilität auf Grund der gesetzlichen Rahmenbedingungen für Medikamentenhersteller strenger gefasst. (Anm. der Redaktion)

- 26.06.2012