DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Für eine Welt ohne Multiple Sklerose: Die DMSG fördert die Forschung

„Den Verlauf einschätzen und den Therapieerfolg messen: Neue Wege zu Patienten-relevanten Studienendpunkten“, so lautete das Thema der Ausschreibung für die aktuelle Forschungsförderung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V. Auf Grundlage von unabhängigen Gutachten sind zwei junge Forscherinnen und ihre Teams ausgewählt worden, deren Projekte ab sofort eine Unterstützung in einer Gesamthöhe von 282.850,00 Euro erhalten.

Mit ihren aussichtsreichen Forschungsansätzen überzeugen konnten Dr. rer. nat. Kerstin Ritter, Juniorprofessorin an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, die für Ihr Projekt „DeepMS: Deep Learning for monitoring disease progression in multiple sclerosis (MS)” eine Förderung für den Zeitraum von 24 Monaten in Höhe von 170.000,00 Euro erhält und Marlene Tahedl von der Universität Regensburg, deren Forschung „Functional connectivity dynamics as a novel outcome measure in multiple sclerosis diagnosis/prognosis“ für den Zeitraum von 24 Monaten mit 112.850,00 Euro unterstützt wird. Gemäß den Forschungsförderungsrichtlinien des DMSG-Bundesverbandes wurden alle eingereichten 13 Anträge von international unabhängigen Gutachtern bewertet. Der Geschäftsführende Vorstand des DMSG- Bundesverbandes hat auf Basis der Gutachterempfehlungen die Förderung beschlossen.

Der DMSG-Bundesverband stellt die Forscherinnen und ihre Projekte vor. Den Anfang macht Marlene Tahedl:

Die Forscherin

Marlene Tahedl (links) hat ihr Studium im September 2016 mit dem Master of Science in Psychologie erfolgreich abgeschlossen und arbeitet seit November 2017 an der Fakultät für Psychologie der Universität Regensburg an ihrer Promotion zum Thema "connectivity in multiple sclerosis" unter der Leitung von Prof. Dr. rer. nat. Jens Volkmar Schwarzbach (rechts). Für ihre Promotion erhält die junge Forscherin für zwei Jahre ein Stipendium nach dem Bayerischen Eliteförderungsgesetz.

  • Die DMSG hält Sie über die Fortschritte des Projektes der jungen Forscherin auf dem Laufenden - in der Verbandszeitschrift aktiv! und auf www.dmsg.de

Wie kann es sein, dass sich die Symptome eines Schubs vor allem in der frühen Phase der Multiplen Sklerose (MS) nach einigen Tagen oder Wochen oft wieder vollständig zurückbilden?

„Um die ganze Faszination dieser Frage zu erfassen, müssen wir zunächst anerkennen, dass unser sämtliches Tun und Handeln, Reden und Denken, Erleben und Verhalten, durch eine komplexe Interaktion von vielen Milliarden kleinster Zellen in unserem zentralen Nervensystem (ZNS) entsteht. Dabei arbeiten diese Zellen hochgradig koordiniert zusammen“, verdeutlicht die Forscherin Marlene Tahedl: „Wie wir heute beginnen, zu verstehen, funktioniert das Gehirn eher so, wie ein Straßennetz konzipiert ist: Es gibt größere (z.B. Autobahnkreuze) und kleinere (z.B. der Kreisverkehr in Ihrem Heimatort) „Schaltstellen“, die aber alle miteinander verbunden sind, und auch alle wichtig sind, damit Sie von Ihrem Italienurlaub zunächst über die große A3 bis schließlich zu dem Gässchen Ihrer Heimatadresse zurückkommen. Auch das ZNS, also das Gehirn und das Rückenmark, haben solche größeren und kleineren „Schaltstellen“, die über größere und kleinere „Straßen“ verbunden sind. Bei der MS passieren immer wieder Schäden, die vor allem die Straßen betreffen. Und das Ergebnis? Im Straßenbeispiel wäre die natürliche Folge Stau. So ähnlich versucht man sich auch die Symptomatik bei der MS zu erklären – die Kommunikation der Schaltstellen ist gestört, und damit auch das korrekte Ausführen von Funktionen. Wie kann dann aber diese Funktionalität zunächst oft wieder hergestellt werden? Immerhin ist die Läsion, also der „Straßenschaden“, ja nicht komplett verheilt. Hier beginnt die Faszination der neuronalen Plastizität, der Fähigkeit des Gehirns, seine Ressourcen zu verlagern (soz. „Umleitungen“ einzubauen), um trotz eingeschränkter Kapazität optimale Leistungsfähigkeit zu ermöglichen.“

Warum aber gelingt das bei verschiedenen Menschen unterschiedlich gut, und warum wird diese Fähigkeit mit der Zeit zunehmend schlechter?

„Wir verstehen bisher nur sehr wenig davon. Allerdings sehen wir genau hierin eine sehr große Chance – denn würde man verstehen, wie es das Gehirn schafft, sich selbst zu reparieren, dann könnte man darauf aufbauend versuchen, Therapiemethoden zu entwickeln, die diesen spontanen Prozess nachahmen, wenn er natürlicherweise zu versiegen beginnt. Genau diese Umstände genauer zu begreifen, ist das Ziel der Studie, für die wir ab August Forschungsförderung durch die DMSG erhalten. Darauf sind wir sehr stolz“, betont Marlene Tahedl. „An der Universität Regensburg im Labor von Prof. Jens Schwarzbach untersuchen wir die Veränderungen der Kommunikationsmuster im Gehirn von neuerkrankten MS-Patienten: zunächst während eines Schubs, sowie anschließend in Abständen von wenigen Wochen erneut, bis eine vollständige Erholung der Symptome eingetreten ist. Wir benutzen dabei eine vollständig noninvasive Technik, eine spezielle Form der funktionellen Magnetresonanztomographie, mit der es möglich ist, ganz ohne Kontrastmittel die Leistungsfähigkeit oder „funktionelle Konnektivität“ des Gehirns zu beurteilen. Besonders interessieren wir uns dabei für die Dynamik der Kommunikation, denn wir wissen heute, dass die verschiedenen Hirnareale hochdynamisch miteinander im Austausch stehen (wir denken ja auch nicht immer dasselbe!), und wir glauben, dass es genau diese Dynamik ist, die über Kommen und Gehen von Symptomen entscheidet. Um unsere Hypothese weiter zu evaluieren, wollen wir die Teilnehmer der Studie auch ein Jahr später und darüber hinaus erneut untersuchen. Denn nur so können wir herausarbeiten, wie die frühen Änderungen in der Dynamik mit dem weiteren Krankheitsverlauf zusammenhängen.“

Das Ziel ihrer Forschung sei es, die spontane Erholung in der frühen Phase der MS so gut zu verstehen, dass versucht werden könne, diese Prozesse therapeutisch zu imitieren, so Mahedl weiter. „Es ist ein langer Weg, aber wir beginnen ihn hier und jetzt, und ich freue mich sehr, meinen Beitrag dazu leisten zu können“, betont die Forscherin. „Wir sind geehrt, dass unser Labor nun dabei auf die große Unterstützung der DMSG bauen darf.“ Einen besonderen Dank richtet die junge Forscherin an die MS-Erkrankten, die sich an den Studien beteiligen: „Ohne Ihre beständige Bereitschaft zur Teilnahme an dieser und ähnlichen Studien wäre Forschung nicht möglich.“

 

 

Hintergrund und Ziele der DMSG-Forschungsförderung des DMSG-Bundesverbandes

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. will, in Zusammenarbeit mit Ärzten, Wissenschaftlern, MS-Erkrankten, Angehörigen und allen Interessierten, die Erforschung der Multiplen Sklerose vorantreiben. 2015 wurde zu diesem Zweck die Richtlinie zur Forschungsförderung weiterentwickelt. Hierbei ist der DMSG die Unterstützung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein besonderes Anliegen. Die Förderung der Einzelprojekte kann für maximal 24 Monate erfolgen. Neben der Einzelprojektförderung bietet der DMSG-Bundesverband weiterhin die bewährte Fehlbedarfsförderung an, mit der Lücken anderweitig geförderter MS-bezogener Projekte geschlossen werden können. Darüber hinaus werden Stipendien vergeben und wissenschaftliche Symposien zu MS-bezogenen Themen gefördert.

Die Forschungsförderung der DMSG wird finanziell unterstützt von:

Biogen GmbH, Celgene GmbH, Merck Serono GmbH, Mylan Healthcare GmbH, Novartis Pharma GmbH, Roche Pharma AG, Sanofi Aventis GmbH, Teva GmbH.

Quelle: DMSG-Bundesverband - 16.07.2019

15.07.2019