DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Allgemeine Fragen

Allgemeine Fragen

Nachfolgend finden Sie allgemeine Fragen und Antworten der beteiligten Mitglieder des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft aus den Arzt-Sprechstunden auf MS Connect.

Aus Gründen des Datenschutzes wurden Kürzungen vorgenommen.

 

Frage: In letzter Zeit häufen sich Meldungen, die besagen, dass das Coronavirus Covid19 (sehr wahrscheinlich) auch ins Nervensystem/ZNS eindringen kann. Welche Bedeutung hat dies für MS-Patienten, deren Nervensystem bereits vorgeschädigt ist? Berichtet wurde z.B., dass Covid19 - wie auch andere Coronaviren - (sehr wahrscheinlich) in die Hirnstammregion gelangen kann. Auch wenn es vielleicht noch nicht genügend Erfahrung mit diesem Thema geben sollte, was würde man aus medizinischer Sicht annehmen? Heißt dies für MS-Patienten, deren Hirnstamm bereits durch MS geschädigt ist, dass diese ein größeres Risiko für einen solchen Befall und dadurch ausgelöste schwere Verläufe haben könnten? Könnten ebenso wie die vorgeschädigte Lunge ein erhöhtes Risiko darstellt, auch vorgeschädigte Nerven ein erhöhtes Risiko bedeuten?

Antwort: Die Kenntnisse zum Befall des Nervensystems begannen mit der Beobachtung , dass die COVID 19 Infektion mit gestörten Riech- und Geschmacksstörungen einhergehen kann. Darüberhinaus sind inzwischen verschiedene anderer neurologische Komplikationen beobachtet worden. Zum einen eine direkte Virusinfektion des Nervensystems, wie man sie von anderen Virusinfektionen kennt, aber auch als Folge von Virus bedingten Veränderungen der Blutgerinnung Durchblutungsstörungen mit dem Bild von Schlaganfällen. Da die COVID-19-Infektion bisher nicht behandelbar ist, kann man diese neurologischen Komplikationen aktuell nicht verhindern oder gezielt behandeln. Ob ein vorgeschädigtes Nervensystem ein erhöhtes Risiko für solche Komplikationen darstellt ist bisher nicht bekannt. Die Daten zu COVID 19 Verläufen bei MS-Erkrankten werden aktuell international erst gesammelt (siehe Website DMSG).


Frage: Vor Kurzem habe ich nach vielen Jahren des Alleinseins einen Mann kennen gelernt. Er hat große Angst, mich möglicherweise als Überträger, mit COVID 19 anzustecken. Derzeit ist er nicht infiziert. Da er aber beruflich mit vielen Menschen zu tun hat, befürchtet er irgendwann möglicherweise Überträger des Virus zu sein. Ich habe die MS seit 29 Jahren. Seit 4 Jahren nehme ich Tecfidera. Ich bin körperlich nur leicht eingeschränkt. Was können Sie uns für unsere gerade erst beginnende Partnerschaft empfehlen/raten?

Antwort: Eine Patentlösung gibt es da sicher nicht. Ihr Partner kann nur alles tun, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Das wären die bekannten Empfehlungen wie Abstand halten, Hände waschen bzw. desinfizieren und, was ja heute zunehmend akzeptiert wird, darauf achten, dass neben ihm selbst auch die Gesprächspartner, mit denen er zu tun hat, einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Sollte tatsächlich einer seiner Kontakte erkranken und er würde schnell als Kontaktperson identifiziert werden, wäre ja eine 14-tägige Quarantäne inkl. Virustests notwendig, während der Sie dann keinen unmittelbaren Kontakt haben sollten. Für Sie wäre die Kenntnis Ihrer Lymphozytenwerte interessant, da diese möglicherweise einen Einfluss auf Ihr eigenes Risiko haben könnten. Ich drücke mich bewusst im Konjunktiv aus, da die Datenlage diesbezüglich noch sehr dürftig ist. Dennoch ist natürlich Vorsicht geboten. Zu beachten ist zudem auch Ihr – mir nicht bekanntes – Alter.


Frage: Vater hat MS und ist zur Zeit als Lehrkraft zuhause im "home-office", steht unter Therapie mit Tecfidera. Tochter ist zuhause wegen der KITA-Schließungen. Darf die Tochter, die ja möglicherweise Corona-Viren aus der KITA mitbringen könnte, wieder zur KITA, wenn diese geöffnet wird, oder sollte sie bis zum Vorliegen eines Impfstoffes zuhause bleiben, um den Vater nicht zu gefährden?

Antwort: Ganz allgemein gefährdet ein Kind aus der Kita heraus die Familie. Dieses Risiko wird aber aktuell noch genauer untersucht, insbesondere indem man Kita-Kinder in einer Studie bezüglich ihres Übertragungsrisiko für andere genauer untersucht. Wenn Sie unter Tecfidera normale Lymphocytenzahlen haben, gelten Sie nicht als stärker Infekt-gefährdet. Falls Sie weiterhin als Lehrkraft wegen Ihrer MS im Home-office arbeiten dürfen, könnten Sie ihr persönliches Risiko ganz allgemein natürlich mindern, je geringer die Zahl der Außenkontakte Ihrer Familie ist.


Frage: Ich hatte am 24.1.2020 eine "Shingrix"-Impfung gegen Gürtelrose deren Auffrischung Ende April ansteht, zu der mir mein Neurologe geraten hat. Ich gehöre vom Alter und den Vorerkrankungen her zur Risikogruppe bei Corona, hatte nach der ersten Impfung eine erhebliche Verschlechterung meiner MS-Symptome und würde gerne wissen, ob eine Auffrischung jetzt sinnvoll ist oder, ob ich die Auffrischung verfallen lassen soll.

Antwort: Auffrischimpfungen sind möglich, wenn keine Kontraindikationen wie ein MS-Schub oder ein systemischer Infekt vorliegen. Eine erhöhte Wachsamkeit und Einhaltung der üblichen Hygienestandards sind natürlich eine Voraussetzung!


Frage: Danke für die Möglichkeit, hier Fragen zu stellen. Das tut mir sehr gut! Ich habe seit 13 Jahren MS, bin nun 29 Jahre alt und hatte seit 11 Jahren keinen Schub sowie keine neuen Läsionen im MRT (RRMS). Leichte Behinderungsprogression, aber im Grunde voll erwerbstätig. Derzeit lerne ich allerdings für den Abschluss meiner Weiterbildung zur Psychotherapeutin und behandle nur übers Internet. Dies kann ich bis September aufrechterhalten, dann habe ich mein Staatsexamen und möchte meinem Mann nachziehen. Dort wollte ich eigentlich nach einer Reha (geplant für Oktober/November) eine Festanstellung in einer psychosomatischen Klinik anstreben. Da ich aber seit Jahren unter einer Infektanfälligkeit leide (v.a. obere Atemwege, aber auch Pilzinfektionen), isoliere ich mich derzeit, soweit es irgendwie geht. Ich spritze seit 2,5 Jahren GLAT, anfangs Rebif (erhöhte Leberwerte) und dann ca. 8 Jahre Betaferon. Wegen der Infektanfälligkeit empfahl mein Arzt, zu GLAT zu wechseln, aber es wurde nicht besser. Im März 2019 ergab ein Differenzialblutbild eine Gesamtzahl von Lymphozyten von 963/Mykroliter. Die T-Lymphozyten und T-Suppressorzellen sind ebenfalls unterdurchschnittlich (606 bzw. 140/Mykroliter). Das Labor schrieb, ich litte unter einer "T-zell-assoziierten Immundefizienz".

Frage 1: Soll ich mich gegen Meningokokken impfen lassen? Die Pneumokokken-Impfung habe ich gerade bekommen.

Antwort: Meningokokken-Impfung wird bei Immundefizienz empfohlen.

Frage 2: Sollte bei mir grundsätzlich nach einer Impfung ein Titer bestimmt werden, um die Stärke der Impfreaktion abzuschätzen?

Antwort: In Ihrem Fall grundsätzlich ja.

Frage 3: Kommt die Immundefizienz von der MS selbst oder durch die Medikamente?

Antwort: Die Immundefizienz hat mit der MS nicht direkt zu tun; ist entweder durch die Medikamente oder auch spontan durch andere Erkrankungen bedingt.

Frage 4: Auch wenn niemand in die Zukunft sehen kann - würden Sie mir empfehlen, im Herbst eine Reha zu machen? In Gemeinschaftseinrichtungen kann man ja schlechter Abstand halten als zuhause...

Antwort: Reha ja.

Frage 5: Ich denke, dass ich vorerst (bis es eine Impfung gib) auch selbst nicht in einer Klinik arbeiten kann, oder?

Antwort: Sehe ich auch so. Kommt auf die Arbeitsplatzsituation an, die wahrscheinlich eine gute räumliche Abschirmung wie unter Selbstquarantäne-Bedingungen nicht bieten kann.

Frage 6: Vermutlich sollte ich weiterhin nicht einkaufen gehen etc., selbst nicht mit Maske, oder?

Antwort: Einkaufen ist unproblematisch unter Einhaltung der empfohlenen Standardmaßnahmen (Abstand und Maskenschutz).


Frage: Mein Vater hat mir zwei FFP-2-Masken geschickt. Ich habe ihn geschimpft, dass die ja den Krankenhäusern etc. vorbehalten bleiben sollen. Aber er hat sie ja schon gekauft... Sie haben eine DIN-Norm und ein CE-Zeichen drauf, aber ich traue dem Ganzen irgendwie nicht... Sie haben kein Atemventil. Meinen Sie, ich soll diese lieber tragen als selbstgenähten Mundschutz, der mehrlagig, kochbar ist und wo man einen Kaffeefilter zwischen die beiden Baumwolllagen stecken kann?

Antwort: Selbstgenähte Mundschutz-Masken sind für den Alltag außerhalb von Gesundheitseinrichtungen völlig ausreichend.


Frage: Wäre eine Pneumokokken-Impfung ratsam und Krankengymnastik nur mit Mundschutz auf beiden Seiten? Wie ist das mit dem Einkaufen: Geht das alles mit allgemeinem Mundschutz? Bis jetzt geht nur mein Mann. Es stehen im Haus auch Arbeiten mit Handwerkern an. Abstand halten und Mundschutz, reicht das aus?

Antwort: Pneumokokken-Impfung ist ratsam, wenn Sie zu den Risikogruppen gehören, für die diese Impfung empfohlen wird, und wenn keine Kontraindikation seitens der MS oder ein Infekt vorliegen. Krankengymnastik nur mit Mundschutz auf beiden Seiten: OK. Einkaufen und Hausarbeiten mit Handwerkern: Ja, unter Beachtung der Hygiene- und Schutzmaßnahmen, um sich selbst und andere zu schützen.


Frage: Seit gestern gilt im öffentlichen Bereich eine dringende Maskenempfehlung. Welche Masken sollten Risikogruppen benutzen? Vielen Dank für die Info.

Antwort: Außerhalb der Risikobereiche mit direktem Umgang mit Covid-Patienten besteht keine Indikation für das Tragen von filtrierenden Halbmasken (FFP2-Masken). Wenn man diese Masken trägt, ist eine Schulung dringend notwendig. In der Öffentlichkeit werden diese Masken in der Regel nicht korrekt getragen. Zudem sind FFP2-Masken nach wie vor knapp und werden dringend in den Hochrisikobereichen benötigt.


Frage: Auf dem Weg zur Therapie ist z.B. der Abstand 1,5 m zu anderen Personen nicht immer gewährleistet. Ich habe zwar Mundschutz, aber die andere Person nicht, schützt er trotzdem? Im PKW ist der Abstand auch nicht möglich, wie da handhaben? Darf ich jemanden besuchen oder darf ich Besuch empfangen (Ausgangsregeln)? Wenn ja, was muss da berücksichtigt werden? Kann ich auch mehrere Personen gleichzeitig treffen oder darf ich nicht (Ausgangsregeln)?

Antwort: Die epidemiologischen Daten v.a. aus Hainsberg/Virologie Bonn sprechen klar für ein erhöhtes Risiko durch Körperkontakt in jedweder Form. Mit Mundschutz würde ich durchaus 1-2 Besuche zulassen, aber eher mit Personen, die man sonst auch trifft. Die Ausgangslimitationen der Regierung gelten leider auch für MS-Patienten/innen.


Frage: Bis Ostern habe ich mit der Physiotherapie- und Ergotherapie, die meistens bei mir zu Hause stattfinden, ausgesetzt und Übungen allein gemacht. Ich bin beruflich jetzt teilweise zu Hause tätig ansonsten im Einzelbüro. Ich bin mit Rollator mobil und nehme im Moment keine Immunmodulatoren, nur Fampridin (Handelsname Fampyra®) und Baclofen. Kann die Physiotherapie wieder fortgeführt werden? Die Physio- und Ergotherapeuten hätten Handschuhe, Desinfektionsmittel und eine selbstgenähte Maske zur Verfügung. Vielen Dank!

Antwort: Eindeutig: Ja, weitermachen mit der Physiotherapie. Unsere Physiotherapeuten in der Klinik behandeln mit vergleichbaren Schutzmaßnahmen auch stationäre Patienten.


Frage: Ich wüsste gerne, wie der Verlauf einer Corona-Infektion für MS-Erkrankte eingeschätzt wird. Corona löst ja starke Entzündungen aus, was für uns ja im Allgemeinen schon nicht gut ist. Ist mit einem schwereren Verlauf zu rechnen? (Auch ohne Rollstuhl) Gehöre ich zur Risikogruppe? (Frage bezieht sich nicht auf eine schnellere Ansteckung, sondern auf den Verlauf einer Infektion.) Meine Basistherapie: Tecfidera / Dimethylfumarat

Antwort: Wir kennen, offen gesagt, in den deutschen Netzwerken nur wenig Corona infizierte MS-Patienten/innen und keine schweren Verläufe. In den italienischen Katastrophenregionen gibt es leider einige verstorbene MS-Patienten, die schon älter und progredient waren. Unter Dimethylfumarat (DMF) besteht keine Immunsuppression. Und ganz allgemein: Seit über 30 Jahren in der Neurologie habe ich bei MS-Patienten/innen immer weniger Infektionen durch Viren im Nase-Rachenbereich beobachtet. Typisch Influenza - aber Corona vergleichbar. Also: Übliche Schutzmaßnahmen beachten, aber keine Riesenangst bitte.


Frage: Falls sich jemand mit MS, der nicht stärker gefährdet ist als gesunde Menschen, mit dem neuen Virus infiziert, gibt es da schon Erfahrungen, ob der Verlauf der Corona-Erkrankung schwerer verläuft, als bei ansonsten gesunden Menschen? 

Antwort: Diese Daten gibt es noch nicht, man wird aber sicherlich durch die weltweiten Registerinitiativen eine Antwort auf diese Frage geben können. Ich persönlich glaube nicht, dass die MS per se das Risiko für die Infektion oder einen schweren Verlauf der Erkrankung erhöht. Auch bei MS-Erkrankten werden mehr der allgemeine Gesundheitszustand und die Vorerkrankungen und vor allem die Art der Immuntherapie eine Rolle spielen. 


Frage: Meine PPMS hat einen milden Verlauf, ich nehme keine MS-bezogenen Medikamente. Für mich ist die regelmäßige Krankengymnastik ZNS und KGG sehr wichtig, die findet auch weiterhin statt. Kann ich dafür außer Haus gehen und den Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) benutzen, wenn ich im Alter von 75 Jahren zur Risikogruppe gehöre?

Antwort: ÖPNV ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko, da man davon ausgehen muss, dass es eine hohe Dunkelziffer an asymptomatischen Corona-Infizierten gibt. Darüber hinaus sind auch die Physiotherapeuten einem höherem Infektionsrisiko ausgesetzt. Am besten Sie klären mit Ihrer Physiotherapeutin, welche Schutzmaßnahmen die Praxis aktuell anbieten kann. Ich würde das Tragen eines Mundschutzes und von Handschuhen empfehlen, wenn auch der Nutzen und die Wirkung nicht bewiesen sind.


Frage: Kann ich als langjährige MS-Patientin ohne Basis-Therapie normal zur Arbeit gehen? Ich fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln und arbeite in einem Großraum-Büro. Sollte ich hier etwas beachten?

Antwort: Es gibt keine Hinweise, dass für unbehandelte MS-Patienten ein höheres Infektionsrisiko im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung besteht. 


Frage: Ich, 62 Jahre, habe PPMS, nehme außer Schmerzmitteln keine Medikamente. Bin ich stärker gefährdet als ein gesunder Mensch? Sollte ich etwas aufbauendes einnehmen? Vielen Dank!

Antwort: Sie sind nicht stärker gefährdet als andere Personen Ihrer Altersgruppe. Leider gibt es keine Substanzen , die vor einer Corona-Infektion schützen. Bewegen Sie sich aber möglichst viel in frischer Luft. 


Frage: Gibt es schon Erkenntnisse zu einem erhöhten Schubrisiko bei Erkrankung an Covid-19?

Antwort: Es gibt noch keine gesicherten Erkenntnisse. Man weiß aber, dass Infektionserkrankungen, insbesondere wenn die MS instabil und unzureichend behandelt ist, Schübe triggern können.

Letzte Aktualisierung: 18.06.2020 11:34