DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Dimethylfumarat

Fragen zu Dimethylfumarat (Tecfidera)

Nachfolgend finden Sie Fragen und Antworten zum Thema "Dimethylfumarat (Tecfidera)" der beteiligten Mitglieder des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft aus den Arzt-Sprechstunden auf MS Connect.

Aus Gründen des Datenschutzes wurden Kürzungen vorgenommen.

 

Frage: Meine Tochter hat MS, nimmt Tecfidera. Ist es nicht sehr riskant, wenn sie ab Anfang Mai wieder arbeitet (Arbeitsplatz mit viel Publikumsverkehr) und ihre zweijährige Tochter in die Kita bringt (vorausgesetzt, diese öffnet überhaupt)?

Antwort: Um das Risiko für Ihre Tochter besser einschätzen zu können, wäre die Kenntnis der Lymphozytenzahl erforderlich. Eine erhöhte Infektionsgefahr besteht nach derzeitigem Wissen bei reduzierter Lymphozytenzahl, speziell dann, wenn die Lymphozyten unter 1000/µl abfallen.
Zur Frage, ob das Medikament den Verlauf bei einer tatsächlichen Infektion mit dem neuen Corona-Virus beeinflusst, gibt es allerdings wenig belastbare Daten. Generell sollte Ihre Tochter also penibel auf die üblichen Hygienemaßnahmen achten. Insbesondere der Abstand zu Gesprächspartnern wäre wichtig – und am besten, wenn diese ebenfalls einen Mund-Nase-Schutz trügen. Besserer Schutz wäre für Ihre Tochter z.B. durch eine Plexiglasscheibe zwischen ihr und dem Publikum gegeben.
Inwieweit Kleinkinder häufig Infektionsüberträger sind, ist nicht ganz klar und wird z.Zt. diskutiert. Vorläufige Daten scheinen für diese Möglichkeit zu sprechen.


Frage: Ich nehme Tecfidera, die Lymphozyten sind i.O. Ich arbeite Vollzeit mit vielen direkten Kontakten (unter 1m Abstand), habe MNS und Handschuhe an. Ich achte darauf, dass mein Gegenüber MNS trägt und möglichst wenig spricht. Was kann/muss ich noch beachten? Kann ich bedenkenlos wieder ins Fitness-Studio gehen (dann ohne MNS, auf Abstand 2m kann ich achten, aber beim Zirkeltraining ohne zwischenzeitliche Desinfektion der Geräte bin ich skeptisch)?

Antwort: Wenn kein starker Abfall der Lymphozyten vorliegt, sollte die Infektionsgefahr nicht wesentlich erhöht sein. Die wesentlichen Schutzmaßnahmen sind Ihnen ja bekannt. Den Abstand von unter einem Meter zu verschiedenen Personen sehe ich allerdings als kritisch an, auch mit MNS. Sie kennen die Diskussion um die Wirkung verschiedener Kategorien der Atemschutzmasken. Vermutlich ist ein gewisser Schutz gegeben, wenn Ihr Gegenüber einen MNS trägt, aber auch dieser ist nicht 100%. Und ließe sich nicht am Arbeitsplatz eine Abstandsregelung organisieren? Oder z.B. ein Plexiglasschutz wie jetzt oft in Kaufhallen genutzt?
Ihre Skepsis hinsichtlich des Fitness-Studios teile ich, nicht nur was das Zirkeltraining anbelangt. Auf jeden Fall sollten Sie nach der Berührung der nicht desinfizierten Geräte auf Händedesinfektion, zumindest aber gründliches Händewaschen mit Seife achten. Es wird zunehmend diskutiert, ob nicht eine Infektionsgefahr auch durch Aerosole – also kleinere Wassertröpfchen – gegeben ist, an denen Viren transportiert werden können und die länger in der Schwebe bleiben. Und gerade beim Sport mit heftigerem Atmen kommt es zum Ausstoß derartiger Aerosole. Sportliche Betätigung wäre für Sie auf jeden Fall zu empfehlen. Vielleicht finden Sie eine Möglichkeit, dies an der frischen Luft zu tun?


Frage: Meine Tochter hat MS, nimmt Tecfidera und ist alleinerziehend. Wir treffen uns oft und ich versuche, sie bei der Betreuung der 2-jährigen Enkelin zu unterstützen. Was muss ich als Großmutter beim Kontakt/Support in Coronazeiten beachten?

Antwort: Ihre Tochter ist als MS-Erkrankte unter Tecfidera, insbesondere wenn die Lymphocytenzahlen nicht unter 1,0/nl liegen, wahrscheinlich nicht stärker gefährdet als die Normalbevölkerung. Wichtig wäre, wenn Sie als Großmutter die Enkelin mit betreuen, dass die Zahl der Personen, die in die Betreuung eingebunden sind, möglichst klein ist und alle die Sicherheitsrichtlinien zum Schutz vor einer Infektion beachten. 


Frage: Guten Tag, ich bin 25 Jahre, diagnostiziert in 2018 und nehme seit ca. 1,5 Jahren Tecfidera. Meine Lymphozyten-Werte sind immer im Grenzbereich, letzter Test im Januar bei 1015/μl. Ich fühle mich vielleicht auch aufgrund der allgemeinen Situation extrem abgeschlagen und schwach. Mein nächster regulärer Termin in der MS-Sprechstunde wäre erst Mitte April, ich bin jedoch etwas unsicher, was die weitere Einnahme des Medikaments und das Infektionsrisiko angeht. Haben Sie eine Empfehlung, wie ich mich verhalten sollte? Ich befinde mich derzeit in Isolation.

Antwort: Guten Morgen. Der Wert von 1015/µl muss an sich noch nicht beunruhigen. Man kann zwar nicht ganz ausschließen, dass man damit ein leicht erhöhtes Risiko im Fall einer COVID-Infektion hat, aber ich würde die Therapie deshalb nicht aussetzen. Besprechen Sie das nochmal mit Ihrem Neurologen in Abhängigkeit von Ihrem Verlauf. Halten Sie unbedingt die derzeitigen Regeln zur Vereinzelung weiter ein. Im Falle von Infektsymptomen kontaktieren Sie ggf. telefonisch Ihren Hausarzt. Wenn die Abgeschlagenheit für Sie neu ist, kontaktieren Sie ggf. telefonisch Ihren Hausarzt. 


Frage: Guten Tag, im Artikel zur Corona-Situation für MS Patienten der DMSG wurde für Tecfidera folgende Risikoeinschätzung vorgenommen: 'Dimethylfumarat/Tecfidera: Bei normalen Lymphocytenzahlen kann davon ausgegangen werden, dass das Infektionsrisiko nicht erhöht ist.' Eine Frage dazu: sind Lymphocytenzahlen absolut von 1,05 / nl als normaler Lymphcytenwert in Bezug auf das Infektionsrisiko anzusehen oder ist dieser bereits zu niedrig? Sollten besondere Vorsichtsmaßnahme getroffen werden, wie z.B. nicht selber zum Einkaufen gehen?

Antwort: Lymphozytenzahlen von 1,05/nl sind fast normal. Das Risiko ist, soweit bekannt, nicht erhöht. 


Frage: Sehr geehrtes Ärzte-Team, im Artikel der DMSG steht zu Dimethylfumarat/Tecfidera folgendes: "Bei normalen Lymphocytenzahlen kann davon ausgegangen werden, dass das Infektionsrisiko nicht erhöht ist." Was ist unter "normalen Lymphocytenzahlen" zu verstehen? Sollte ich meine Blutwerte momentan häufiger überprüfen lassen um ggf. frühzeitig reagieren zu können? Welchen Rhythmus würden Sie mir empfehlen? Und wie wirkt sich die Einnahme von Tecfidera auf den Verlauf der Krankheit aus?

Antwort: Die untere Grenze für die Lymphocytenzahl ist aktuell mit 1,0 /nl unter der Tecfideratherapie zu empfehlen, da erst unter dieser Zahl eine leicht erhöhte Infektanfälligkeit auf dem Boden der Studiendaten anzunehmen ist. Wie sich Tecfidera auf den Verlauf einer Coronainfektion auswirkt, wissen wir noch nicht. Diese Daten werden aktuell europaweit gesammelt. 


Frage: Ich arbeite als Krankenschwester, habe MS - behandelt mit Tecfidera. Lt. DMSG ist die Ansteckungsgefahr nicht höher, aber wie verhält es sich mit dem Verlauf von Corona bei einer evtl. Infektion.

Antwort: Es gibt bisher keine Daten zum Verlauf einer Corona-Infektion von MS-Betroffenen unter Tecfidera. Diese werden aktuell europaweit gesammelt und auch im MS-Register der DMSG. Da das Risiko von Infektionen bei normalen Lymphocytenzahlen unter Tecfidera nicht erhöht ist, würde man zunächst nicht unbedingt von einem ungünstigeren Verlauf ausgehen. 


Frage: Ich habe seit 2016 MS, werde mit Tecfidera behandelt und hatte seit der Erstdiagnose keinen Schub. Wie gefährlich ist das Coronavirus für mich? Würde eine Erkrankung mit Covid-19 unter Tecfidera eventuell zu einem schweren Verlauf führen? Man hört ja von einem sogenannten Zytokinsturm, der als heftige Immunreaktion bei Covid-19 auftreten kann. Gibt es dafür eine höheres Risiko bei MS-Patienten?

Antwort: Das einzige Problem bei Tecfidera ist, dass es bei einem geringen Prozentsatz der Patienten zu einer lang-andauernden Lymphozytopenie kommen kann. In einem solche Fall, also wenn die Lymphos relativ bald nach Beginn der Medikation rund 800/µl und dann noch weiter nach unten gehen, hätte ich Bedenken bei dem Medikament, allerdings nicht nur in Zeiten von Corona, sondern generell. Ich würde dann einen Alternative suchen. 


Frage: Ich bin 39 Jahre alt und nehme seit meiner Diagnose 2017 Tecfidera und vertrage es recht gut. Meine Lymphozyten sind im guten Bereich, wenn auch eher im unteren Bereich. Vor meiner Diangosestellung hatte ich die Neigung bei einer Erkältung eine leichte Bronchitis zu entwickeln. Seit ich die Therapie nehme war ich nicht mehr krank. Ich bin aber auch kurz nach Diagnosestellung in Erwerbsminderungs-Rente gegangen und habe nicht mehr viele persönliche Kontakte. Zur Zeit halt gar keine außer meinen Mann. Jetzt habe ich große Angst, dass durch eine Covid19- Infektion und meine Neigung zu Bronchitis das Schubrisiko für mich steigt. Ich bleibe zur Zeit komplett Zuhause und mein Mann ist sehr vorsichtig. Ich bin komplett gehfähig und benötige keine Gehhilfe. Ist die Angst berechtigt? Ist eine Pneumokokkenimpfung dringend zu empfehlen? Die Impfungen sind zur Zeit leider alle vergriffen und meine Ärzte haben mir von alleine nicht gesagt, dass es eine Stiko- Impfung ist. Jetzt bekomme ich die erstmal nicht. Muss ich wirklich solche Angst haben? Oder bin ich nicht gefährdet, eine Behinderung von der Erkrankung davonzutragen?

Antwort: Wenn Sie so konsequent zuhause bleiben und ihr Mann so vorsichtig ist, ist das der beste Schutz derzeit. Bzgl. Pneumokokken: Es gibt keine spezifischen Daten oder Empfehlungen zur MS. Die Impfung ist indiziert bei Personen über 60 und Personen mit chronischen Erkrankungen. Vor allem Personen, die körperlich eingeschränkt sind, aufgrund der MS und vor einer Immunsuppression - insbesondere mit Ocrelizumab oder Rituximab - würde ich die Impfung empfehlen. 


Frage: Ich bin diese Woche noch krankgeschrieben. Nächste Woche soll ich wieder an der Kasse arbeiten. Ich werde mit Tecfidera behandelt. Nun sind allerdings meine Blutwerte nicht so toll. Meine Lymphozyten sind bei 12,8, die Lymphozyten absolut auf 0,66. Laut dem Bericht der DMSG besteht da ein erhöhtes Ansteckungsrisiko für Corona. Oder sehe ich das verkehrt? Sollte ich mich weiter krankschreiben lassen oder was würden Sie mir raten? 

Antwort: In Zusammenhang mit der Corona-Epidemie sollten bei Tecfiera-Patienten die Lymphocyten nicht unter 1,0/nl liegen. Unter diesem Wert besteht ein leicht erhöhtes Infektionsrisiko. Wenn Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz nicht ausreichend schützen können, stellt das Arbeiten an der Kasse für Sie möglicherweise ein erhöhtes Risiko dar. Es gibt allerdings keine Daten, ob die Corona-Infektion unter Tecfidera einen ungünstigeren Verlauf nimmt. 


Frage: Ich habe ein Basistherapie mit Tecfidera die ich sehr gut vertrage - ich habe leichtes Asthma und arbeite in einer Allgemeinarztpraxis ohne irgendwelche Schutzausrichtung - sollte ich in der aktuellen Situation weiter arbeiten? 

Antwort: Derzeit gehen die Experten davon aus, dass Tecfidera nicht soviel Dämpfung im Immunsystem macht, dass man sie aus dem Verkehr ziehen muss. Aber sie sollten sehr konsequent vorsichtig sein. Wenn bei Ihnen die Zahl der Lymphozyten deutlich unter 1,0/nl liegt, sollten Sie besonders vorsichtig sein oder mit dem Arbeitgeber sprechen, ob es für Sie eine Arbeit ohne Patientenkontakt gibt.

Letzte Aktualisierung: 18.06.2020 11:34