DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Mutmachgeschichten

"Ich bin gerne anders": Kim kämpft gegen Hindernisse im Leben mit Multiple Sklerose

Kim ist jung, selbstbewusst und will die Welt verbessern. Auf den ersten Blick eine ganz normale 18-Jährige. Im Gepäck hat sie jedoch eine Krankheit, die sie bereits seit ihrer Kindheit begleitet: Multiple Sklerose.Doch Kim ist eine Kämpferin.Angst vor MS?"Nein!Ich will kämpfen, über MS informieren und anderen Mut machen", nennt sie ihre Motivation, an der Kampagne des DMSG-Bundesverbandes zum Welt MS Tag teilzunehmen. Unter dem Motto "MS reißt Löcher in den Alltag" sind MS-Erkrankte und ihre Angehörigen dazu aufgerufen, über ihre Erfahrungen zu berichten.

In ihrer Freizeit arbeitet Kim gerne als Model

Kim kennt die Krankheit schon seit Kindertagen. Ihre Mutter (43) lebt seit über 22 Jahren mit MS. Als Achtjährige erhielt Kim ebenfalls diese Diagnose - ein Schock für die ganze Familie: "Ich bin eines morgens aufgewacht und hatte kein Gefühl mehr in der rechten Hand. Der Kinderarzt schickte mich mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus. Nach der Untersuchung war klar, dass ich MS habe", berichtet Kim im Interview mit dem DMSG-Bundesverband.
Mittlerweile blickt sie auf zehn Jahre persönliche Erfahrung als MS-Erkrankte zurück. Die attraktive junge Frau kennt die "schwarzen Löcher", die Brüche im Lebensalltag, die das Leben mit MS so unberechenbar machen können.
Sie weiß, dass die unsichtbaren Symptome der MS nicht nur körperlich belasten, sondern auch im Umfeld für Unverständnis sorgen: "Viele können es nicht verstehen, weil man mir die Krankheit nicht ansieht."

Warum?

Kim will über MS aufklären

Im letzten Jahr wurde Kim von schweren Schüben geplagt. "Ich konnte nicht mehr aus dem Haus gehen, nicht mehr essen und wurde eines Tages sogar auf der Toilette ohnmächtig", berichtet sie. Mittlerweile hat sie sich erholt und sammelte in einer Reha-Klinik neue Kraft. "Ich habe mir eine Auszeit genommen", erklärt Kim. Ihr drittes Ausbildungsjahr zur Bürokauffrau will sie nachholen. "Gott sei Dank habe ich Freunde, die zu mir halten und Rücksicht nehmen, wenn wir feiern gehen und ich mich zwischendurch ausruhen muss." Das war nicht immer so. In der Schule fühlte Kim sich durch einige Mitschüler gemobbt. Immer wieder habe sie sich die Frage nach dem Warum gestellt. Sie begriff schnell, dass sie stark sein muss und begann, ihr Umfeld über die Krankheit aufzuklären. Die Schübe kommen und gehen: Das ist das Tückische an der Krankheit, weiß Kim:

"Ich weiß nie, was morgen kommt."

Kim und ihr Bruder (links) sind ein eingespieltes Team

Früh musste Kim selbstständig werden, übernahm Aufgaben im Haushalt und kümmerte sich um ihren kleinen Bruder. "Er ist mein ein und alles", schildert sie den Zusammenhalt in ihrer Familie. Sie will stark sein – für sich und vor allem für ihre Mutter. "Meine Mama (43) sitzt leider im Rollstuhl, war durch die Krankheit zeitweise blind und gelähmt", so Kim.

Ob ich Angst habe, wenn ich meine Mama so sehe?

"Naja, Angst würde ich es nicht nennen. Jeder MS-Patient ist anders! Es macht mich eher traurig, sie so zu sehen", betont Kim, wie wichtig ihr die Gespräche mit ihrer Mutter sind: Sie ist mein bester Ansprechpartner zum Thema MS." Umso mehr ärgern sie einige Reaktionen der Umwelt. "Wenn wir mit der Familie unterwegs sind und andere meine Mutter im Rollstuhl sehen, schauen viele von oben herab oder weg. Diese Ausgrenzungen stören mich sehr. Da muss sich etwas ändern. Wir sind Menschen, die anders sind, aber muss das schlecht sein?", betont sie entschieden: "Ich jedenfalls bin gerne anders." Diese positive Lebenseinstellung strahlt sie auch aus, wenn sie nebenberuflich als Model arbeitet.

10 Jahre mit MS: Wissen schafft Sicherheit

Kim ist zu 50 Prozent schwerbehindert. Schon als Kind habe sie begriffen, dass sie stärker sein muss als andere. Mobbing in der Schule begegnete sie mit Aufklärung: "Viele Menschen wissen mit MS nicht viel anzufangen", betont sie. Die 18-Jährige verfügt über eine bewegte Therapie-Geschichte: "Ich muss viele Medikamente nehmen." In 10 Jahren mit MS hat Kim Informationen zur Krankheit aufgesogen – aus Büchern, Broschüren und auf der Website der DMSG. Dieses Wissen gibt ihr die Sicherheit, im Gespräch mit Ärzten zu hinterfragen, welche Therapie für sie infrage kommt.

"Nebenprobleme" von Barrierefreiheit bis zum Führerschein

Kim feiert den 50. Geburtstag ihres Vaters (Mitte)

Es sind nicht nur körperliche Begleiterscheinungen, die Kim belasten. Nachdem sie an der Bushaltestelle in ihrem Wohnort umgefallen ist, setzte sie bei den zuständigen Behörden alles in Bewegung, um für Abhilfe zu sorgen. Wenig später stand an der Bushaltestelle eine Bank. Als Kim anfing, ihren Führerschein zu machen, bremste sie eine sechsmonatige Sperre. "Wegen der Krankheit", ärgert sie sich: "Für die MPU (Medizinisch-Psychologische Untersuchung) mussten die Rücklagen von meiner Konfirmation und die Hälfte des Ausbildungsgehalts dran glauben." Die Busverbindung in ihrem kleinen Heimatort ist schlecht. Eine Fahrerlaubnis würde vieles erleichtern. Aus Benterode wegziehen will sie nicht. "Mein Papa ist mein bester Freund", sagt sie, wohlwissend, wie viel Verantwortung auf ihm lastet. Meine Eltern sind seit 18 Jahren glücklich verheiratet und mein Vater (50) ist für mich der stärkste Mann auf Erden. Er liebt meine Mutter trotz der Krankheit und er liebt mich, er ist für uns da und versucht alles Menschenmögliche, damit es uns gut geht. Ich versuche ihn zu unterstützen, wo ich kann, ihm die Last etwas abzunehmen, weil ich genau weiß, wie viel er leistet."

"Ich will mich für die Rechte von Schwerbehinderten einsetzen"

Die 18-Jährige weiß nicht, welche körperlichen Belastungen in Zukunft auf sie zukommen werden. Aber dass sie kämpfen wird, weiß sie schon jetzt: "Ich habe Ziele, will mich für die Rechte Schwerbehinderter einsetzen. Ich habe eine soziale Ader, engagiere mich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde." Kim möchte Sozialpädagogik oder Psychologie studieren. Ihr Traum ist es, dass "zukünftig in jedem Krankenhaus nach der Diagnose jemand wie ich für die Erkrankten da ist."

"Einfach zuhören, das ist viel wert"

© Privat

Kim kämpft gegen die MS

Zum Welt MS Tag 2014 beteiligte sich Kim ebenfalls an der Kampagne des DMSG- Bundesverbandes, die danach fragte, wo Menschen mit MS im Alltag auf Barrieren stoßen. Kim entwarf für ihre Antwort ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Mein Leben mit MS wäre leichter, wenn ich wüsste, dass alle den Mut haben dagegen anzukämpfen." Seitdem ist Kim eine gefragte Ansprechpartnerin für den Austausch zum Thema MS. "Ich finde es toll, wenn Jugendliche und junge Erwachsene mit MS mich anschreiben. Ich weiß, im Alltag wünscht man sich jemanden, der einen versteht. Einfach zuhören, das ist viel wert", betont sie.

Ob ich Angst vor meiner Zukunft habe?

"Eine Zeitlang, ja!", verrät Kim: "Aber ich hab für mich Antworten gefunden. Egal was kommt, wie schlimm die Krankheit wird: Ich bin stark und ich liebe mein Leben! Mir wurden für meine 18 Jahre schon so viele Steine in den Weg gelegt, wie manch 50-jährigen nicht. Wenn es etwas gibt, was ich kann, dann ist es Hindernisse aus dem Weg zu räumen."

Wieso ich mit meiner Krankheit in die Öffentlichkeit gehe?

"Ich mag zwar noch sehr jung sein im Vergleich zu anderen MS’lern, aber ich habe für mich eine Riesenstärke entwickelt und gehe meinen Weg mit der MS", erklärt Kim, sie wolle ihre Vorbildfunktion nutzen, um Jung und Alt zu zeigen: "HEY! Du kannst leben auch mit der MS, du bist trotzdem wundervoll. In jedem von uns steckt ein Kämpfer!" Am Welt MS Tag ist sie wieder dabei: "Das ist fest geplant", motiviert Kim zum Mitmachen.

Mehr verrät Kim im Interview mit dem DMSG-Bundesverband im Rahmen der Kampagne zum Welt MS Tag im Jugendportal der DMSG:

"Ich will ich in jedem von euch den Kämpfer wecken!", lädt Kim zum Mitmachen ein. "Ich selbst hatte oft das Gefühl, wenn ich Antworten gesucht habe, ich fand sie zwar…aber nicht so, wie ich wollte. Ich wollte von "Gleichgesinnten" Erfahrungen, Meinungen und Tipps hören. Gerade weil ich noch so jung bin."

Gemeinsam stärker als MS

Kim hat ihn schon: den DMSG-PicBadge zum Welt MS Tag 2015. Download

Welt MS Tag: Ihre Meinung ist gefragt:

Welche Hindernisse erleben Sie im Alltag mit MS? Welche schwarzen Löcher hat die Krankheit in Ihrem Leben aufgerissen?

Schreiben Sie an dmsgdmsgde oder posten Sie auf Facebook und teilen Ihre Erfahrungen mit anderen MS-Erkrankten. Wir freuen uns auf Ihre Geschichte.

- 24.04.2015