Jugend und Multiple Sklerose (MS)

Inhaltsbereich

Multiple Sklerose - auf den Spuren der 1000 Gesichter

MS ist eine rätselhafte Krankheit. Die Ärzte wissen noch nicht genau, wie sie entsteht. MS äußert sich bei jedem Menschen anders. Sie wird deshalb auch die "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern" genannt. Sie kommt unangemeldet und bleibt ein Leben lang.

MS ist die Abkürzung für Multiple Sklerose. Der Name heißt frei übersetzt "vielfach harte Narben". Diese Bezeichnung wurde vor rund 100 Jahren gewählt, weil sich bei MS an verschiedenen Stellen im Gehirn und Rückenmark Nerven entzünden. Wenn die Entzündung abklingt, können sich harte Narben bilden.

Das Gehirn ist die Schaltzentrale, von der aus alle Handlungen des Menschen gesteuert werden. Das fängt beim Denken an und hört beim Heben des Fußes auf. Die dazu notwendigen Befehle sendet das Gehirn über Nerven und Nervenbahnen aus. MS beschädigt die Nervenbahnen, so dass diese Befehle verspätet oder gar nicht mehr ankommen. Welche Beschwerden die MS auslöst, richtet sich danach, welche der vielen Nervenleitungen, die ein Mensch hat, durch Entzündung und Narben beschädigt oder zerstört sind. Ist zum Beispiel der Gleichgewichtssinn gestört, führt dies zu einem torkelndem Gang.

MS kann noch nicht geheilt werden, weil noch nicht jede der vielen Ursachen, die MS auslösen, erforscht sind. Es gibt aber Medikamente, die die Krankheit in vielen Fällen aufhalten. Außerdem können die Beschwerden, die MS verursacht, gut behandelt werden. Das bedeutet:
Auch mit MS kann man ein glückliches Leben führen!

In Deutschland haben ungefähr 130.000 Menschen MS. Das entspricht der Einwohnerzahl von Göttingen. Zum Vergleich: An Alters-Diabetes (Zuckerkrankheit) leiden rund 3,5 Millionen Menschen. MS ist also eine seltene Erkrankung. Ihre Erforschung wird seit 60 Jahren von der DMSG vorangetrieben.

zur Übersicht

Wie das Nervensystem funktioniert

Um MS besser verstehen zu können, muss man mehr über das Nervensystem wissen. Es ist zuständig für unser Denken, Fühlen, Handeln und die Bewegung, steuert die inneren Organe und das Zusammenspiel von Muskeln und Knochen.

Das Nervensystem besteht aus einer riesigen Menge von Nervenzellen, die untereinander durch feine Fortsätze, Axone genannt, verbunden sind. Dieses komplizierte Geflecht leitet die Befehle des Gehirns an die Muskulatur oder die inneren Organe weiter. Auch Reize aus der Umwelt werden von Nerven (zum Beispiel den Sehnerven) durch das Rückenmark zu bestimmten Regionen im Gehirn geleitet. Als Antwort sendet das Gehirn einen Befehl und bekommt eine Rückmeldung, ob dieser Befehl korrekt ausgeführt wurde. Jede Störung dieser Nachrichtenwege unterbricht diesen Ablauf.

MS - der Bremsklotz in der Leitung
Die Übertragung der Signale im Nervensystem geschieht ähnlich, wie Strom durch elektrische Leitungen fließt. Ebenso wie Stromkabel sind Nervenbahnen von einer isolierenden Schutzschicht umhüllt. Bei MS wird diese Isolierschicht – das Myelin – ganz oder teilweise an verschiedenen Stellen zerstört. Das führt dazu, dass bestimmte Signale nur noch sehr langsam vorankommen - oder sogar in einer Sackgasse landen, keine Umleitung finden und ihr Ziel nie erreichen. Das ist der Fall, wenn nicht nur das Myelin, sondern auch das Axon selbst zerstört ist.

Du willst wissen, wieso das Myelin zerstört wird? Dann lies weiter unter: Immunsystem.

zur Übersicht

Wie das Immunsystem funktioniert

MS ist eine Autoimmunkrankheit. Abgeleitet vom griechischen Wort autós (selbst, freiwillig) bezeichnet man damit eine Krankheit, bei der sich das Abwehrsystem gegen den eigenen Körper richtet.

Als Immunsystem werden die Abwehrkräfte bezeichnet, die den Körper als Gesundheitspolizei gegen Krankheitserreger wie Bakterien und Viren verteidigen. Ein Teil dieser "Polizisten" ist ständig im Blutkreislauf unterwegs. Bei MS passiert im Immunsystem aber ein Fehler: Einige hoch spezialisierte "Polizisten" – die T-Zellen – wurden falsch programmiert. Sie greifen das Myelin an, aus dem die Isolierschicht der Nervenbahnen aufgebaut ist. Das verursacht die Entzündungen, von denen Narben zurückbleiben.

Wenn die Blut-Hirn Schranke versagt
Normalerweise sind Gehirn und Rückenmark gut vor schädlichen Eindringlingen geschützt. Eine Barriere für diese Angreifer ist die Blut-Hirn-Schranke. Sie sorgt dafür, dass den im Blut treibenden Bakterien, Viren, bestimmten chemischen Stoffe und Zellen des Immunsystems der Zugang zum Zentralen Nervensystem so gut wie verwehrt bleibt. Falsch programmierte T-Zellen tragen im Falle einer MS offenbar eine Tarnkappe, mit deren Hilfe sie die Blut-Hirn-Schranke passieren können.
Wie das funktioniert, ist noch nicht geklärt: Viele Forscher arbeiten an dieser Frage. Sie sehen an der Blut-Hirn-Schranke einen der wichtigsten Ansatzpunkte, um den Ausbruch einer MS zu verhindern.

zur Übersicht

Ursachen der MS

Die Ursache der MS ist noch nicht geklärt. Wahrscheinlich hat die Erkrankung mehrere Ursachen, bis heute sind nicht alle bekannt.

Ansteckend ist MS nicht. Eine zentrale Rolle spielt offenbar ein nicht korrekt arbeitendes Immunsystem. Ein weiterer Faktor ist wahrscheinlich ein noch unbekannter Krankheitserreger. Eine oft unbemerkte Infektion im Kindesalter könnte der Auslöser sein, warum sich das Immunsystem plötzlich gegen das Myelin richtet. Im Verdacht steht das Epstein-Barr-Virus, mit dem fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens in Berührung kommt – in den meisten Fällen ist das jedoch harmlos.

Ein dritter Grund könnten die Erbanlagen sein, die der Mensch bei der Geburt mitbekommt. Sie bestimmen mit, wie gut die Selbstheilungskräfte arbeiten. Zerstörtes Myelin kann vom Körper normalerweise wieder aufgebaut werden. Bei MS funktioniert das nicht richtig.

Als vierter Grund kann es wichtig sein, wo ein Mensch während seiner Kindheit lebt: Auf der nördlichen Erdhalbkugel ist MS viel häufiger anzutreffen als auf der südlichen. Zieht ein Mensch später um – also als Jugendlicher oder Erwachsener – hat dies keinen Einfluss mehr darauf, ob eine MS ausbrechen kann oder nicht.

zur Übersicht

Was ist ein Schub?

MS beginnt meist mit Symptomen, die nach 24 Stunden bis vier Wochen ganz oder teilweise wieder verschwinden. Dann "schläft" die Krankheit – bis sich die Beschwerden wieder verstärken oder neue auftreten: Das nennt man einen Schub.

Eine neue Entzündung im Gehirn oder Rückenmark äußert sich also als Schub. Die Angriffe der Immunzellen auf die Markscheiden verstärken sich. Als direkte Folge kommt es zu Beschwerden. Ein Schub wird – oft im Krankenhaus – mit hoch dosiertem Kortison behandelt. Das bekämpft die Entzündung und oft heilen die Stellen wieder, so dass keine Beeinträchtigungen zurückbleiben.

Meist verläuft MS in Schüben. In welchen Abständen Schübe auftreten, lässt sich nicht vorhersagen. Manchmal vergehen Monate oder Jahre bis zum nächsten Schub. Nach ungefähr zehn Jahren geht ein schubförmiger Krankheitsverlauf jedoch bei der Hälfte der MS-Kranken schleichend in einen gleichförmigen Verlauf über. Die Beschwerden verschlechtern sich langsam, Schübe bleiben aus. Dies nennt man einen sekundär-progredienten Verlauf. Progredienz ist der medizinische Begriff für die zunehmende Verschlimmerung einer Krankheit. Sekundär bedeutet, dass dies zweitrangig, nachträglich geschieht.

Seltener gibt es Krankheitsverläufe, bei denen sich die MS von Beginn an stetig verschlimmert. Dann spricht man vom primär-progredienten Verlauf. Etwa zehn Prozent der MS-Erkrankten sind davon betroffen.
Wichtig: MS verläuft nicht immer mit schweren Folgen. Es gibt gutartige Verläufe mit wenig Schüben und Beschwerden, die sich völlig zurückbilden.

Die gute Nachricht: Kinder und Jugendliche mit MS haben in der Regel günstigere Krankheitsverläufe. Möglicherweise können ihre jungen Körper die Angriffe der Immunzellen noch besser reparieren als im Erwachsenenalter.

zur Übersicht

Symptome der Krankheit

Bei MS können viele verschiedene Beschwerden, sogenannte Symptome, auftreten. Das Verwirrende: Jedes einzelne Symptom kann auch andere Ursachen als MS haben.

Das sind die häufigsten Symptome:

Sehstörungen kommen bei MS häufig vor und gehören häufig zu den ersten Vorboten einer MS. Verursacht wird dies meist durch eine Entzündung des Sehnervs. Doppelbilder oder verschwommenes Sehen treten auf, wenn die Bewegungen der Augen von den dafür zuständigen Hirnnerven nicht mehr exakt gesteuert werden. Möglich sind auch ruckartige Augenbewegungen, sogenannte Nystagmus, die dazu führen, dass man nicht mehr lesen und schreiben kann, obwohl die Sehschärfe normal ist.

Müdigkeit (Fatigue) ist ein häufiges und den Tagesablauf sehr behinderndes Symptom. Diese MS typische starke Erschöpfung zwingt MS-Kranke, Pausen einzulegen und sich auszuruhen. Fatigue ist eine körperliche und eine geistige Müdigkeit: Nicht nur die Fähigkeit, sich zu bewegen und zu handeln ist eingeschränkt. Es fällt auch schwer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Fatigue kann dazu führen, dass bestimmte berufliche Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt werden können.
Wichtig: Fatigue hat nichts mit fehlendem Willen oder Unlust zu tun!

Unsichere Bewegungen und Zittern (Ataxie und Tremor) sind Fachbegriffe für Störungen der Feinmotorik. Das bedeutet: Der Gang wird unsicher, die Schrift unleserlich. Die Hand greift daneben, der Arm zittert so, dass ein Glas nicht mehr sicher zum Mund geführt werden kann. Wenn Bewegungen unsicher werden, spricht man von Ataxie. Wenn Bewegungen zittrig sind, von Tremor. Aufregung, Erschöpfung und Stress verschlimmern diese Beschwerden.

In der Multimedia-Anwendung 'MS verstehen' findest Du weitere Informationen

Blasenstörungen sind bei MS sehr häufig, oftmals auch als eines der ersten Symptome. Entzündungen des Rückenmarks sind in der Regel für diese Beschwerden verantwortlich. Blasenstörungen äußern sich unterschiedlich: Häufiger Harndrang ist ebenso möglich wie das Gegenteil: Auf der Toilette gibt es "Starthemmungen" oder die Blase entleert sich nur in kleinen Portionen. Es kommt auch beides vor: Blasenmuskel und -schließmuskel lassen sich nicht mehr koordinieren.

Die Darmtätigkeit kann von der MS beeinträchtigt sein. Verstopfung ist ein häufiges Symptom. Seltener ist die sogenannte Stuhlinkontinenz, wenn sich der Darm unkontrolliert entleert.

Spastik ist, vereinfacht gesagt, eine Muskelsteifigkeit. Sie führt dazu, dass man den Arm oder das Bein nicht mehr normal locker bewegen kann. Die Muskeln setzen den Bewegungen, die man ausführen möchte, Widerstand entgegen - die Bewegungen sind verlangsamt und nicht mehr flüssig. Darunter leidet oft auch die Geschicklichkeit. Von Spastik kann jeder Muskel betroffen sein; in der Regel sind es die Beine. Gut zu wissen: Spastik tritt zu Beginn einer MS selten auf.

Depressionen und depressive Verstimmungen: Darunter versteht man länger andauernde große Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit, die mit dem eigenen Willen nicht beeinflussbar ist. An MS erkrankte Menschen leiden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weit häufiger an depressiven Symptomen. Dazu tragen die MS-Beschwerden bei, die den Alltag erschweren. Hinzu kommt das Wissen, dass die Erkrankung nicht heilbar und eine Vorhersage, wie sie sich entwickelt, so gut wie unmöglich ist. Unter MS kann das Selbstwertgefühl leiden. Hoffnungslosigkeit führt zu Schlafstörungen, Müdigkeit und Appetitlosigkeit. Psychotherapie und Medikamente können helfen, die Lebensfreude wiederzufinden.

Schmerzen sind bei MS nicht selten: Bis zu 90 Prozent der Patienten leiden im Verlauf der Erkrankung einmal darunter. Sie können eine direkte Folge der MS sein, zum Beispiel eine Sehnerv-Entzündung oder anfallsartige Gesichtsschmerzen. Sie können aber auch eine indirekte Folge der MS sein, wenn sie durch Symptome verursacht werden. Hierzu zählen zum Beispiel Gelenk- und Muskelschmerzen, die durch Fehlhaltungen oder Spastik hervorgerufen werden. Aber auch Nebenwirkungen der Medikamente, die den Verlauf der MS aufhalten sollen (und können), sind manchmal Ursache von Schmerzen. Das kann vor allem bei einer Therapie mit Beta-Interferonen und Glatirameracetat passieren, lässt sich aber durch schmerzlindernde Mittel beheben.

Eingeschränktes Denken, Planen, Handeln: Wenn die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis sowie die Fähigkeit zu planen und zu handeln eingeschränkt sind, spricht man von kognitiven Störungen. MS-Kranke können unter Umständen ihre Aufmerksamkeit nicht zwei Problemen gleichzeitig widmen. Solche Störungen lassen sich gezielt behandeln – Hirnjogging oder Gedächtnistraining ist zwar nicht verkehrt, hilft aber nicht so eindeutig weiter wie ein spezifisches Training bei einem Neuropsychologen.

zur Übersicht

W3 WERK Internetagentur Stuttgart © 2017 Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V. Impressum