DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Ataxie & Tremor

Ataxie & Tremor

Was ist Ataxie? Was ist Tremor?

Die MS-bedingte Ataxie – auch ataktische Bewegungsstörung genannt – bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln – vor allem der Arme und Beine, seltener des Rumpfes – ist beeinträchtigt. Feinmotorische, zielgerichtete Bewegungen, wie sie in vielen Alltagssituationen gebraucht werden, sind eingeschränkt. Dazu gehören zum Beispiel das sichere Greifen eines Glases, das Zähneputzen, das Ankleiden, Arbeiten im Haushalt und Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Sturz- und Stolpergefahr sind erhöht.

Tremor, eine Form ataktischer Bewegungsstörungen, bezeichnet das gleichmäßige Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.

Ataktische Bewegungsstörungen betreffen etwa jeden zweiten MS-Patienten (Deutsches MS-Register). Die Ausprägung von Ataxie und Tremor ist oft abhängig von der seelischen und körperlichen Verfassung der Patienten: Schmerzen, Erschöpfung, Stress, Aufregung, Angst, manchmal nur die Gewissheit, beobachtet zu werden, verstärken die Symptome.

Therapieziele

  • Verbesserung der Feinmotorik mit dem Ziel, die Selbstständigkeit im Alltag und möglichst auch die Berufsfähigkeit zu erhalten.
  • Erhalt der Gehfähigkeit.

Nicht-medikamentöse Therapie

Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere), kombiniert mit Ergotherapie.

Sinnvoll ist darüber hinaus, Entspannungstechniken zu erlernen und anzuwenden, zum Beispiel Autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.

Hilfsmittel – Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke – erleichtern den Alltag.

Eisanwendungen (eine Minute Kältekompresse oder Eiswasserbad) können die Ataxie der Arme kurzfristig (für ca. 45 Minuten) bessern: hilfreich etwa vor dem Einnehmen einer Mahlzeit oder dem Leisten einer Unterschrift.

Medikamentöse Therapie

Medikamente sind wenig hilfreich und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Zudem könnnen sie ausschließlich den Tremor lindern. Deshalb werden Clonazepam (Rivotril®), Propranolol (Dociton®), Primidon (Liskantin®) oder Ondansetron (Zofran®) erst versucht, wenn nicht-medikamentöse Therapien bei Tremor versagen. Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat, sonst bei Migräne oder Epilepsie eingesetzt.

Verabreichungsform

Clonazepam (Rivotril®): Tabletten, tägliche Dosis 1-3 mg
Propranolol (Dociton®): Tabletten/Kapseln, tägliche Dosis 80-240 mg
Primidon (Liskantin®): Tabletten, tägliche Dosis 62,5-250 mg
Ondansetron (Zofran®): intravenöse Injektion/Tabletten, tägliche Dosis 1-2 x täglich 4-8 mg

Gegenanzeigen

Clonazepam (Rivotril®): Müdigkeit, schwere Muskelschwäche (Myasthenia gravis), Schwangerschaft, Stillzeit.
Propranolol (Dociton®); Asthma, ausgeprägt niedriger Blutdruck, schwere Durchblutungsstörungen, Herzschwäche, Schwangerschaft und Stillzeit.
Primidon (Liskantin®): Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Herzmuskelschwäche, Asthma, Schwangerschaft und Stillzeit.
Ondansetron (Zofran®): chronische Verstopfung, Verengungen im Magen-Darmtrakt, Schwangerschaft und Stillzeit.

Wirkweise

Clonazepam (Rivotril®) gehört zur Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine und ist ein Antiepileptikum, das normalerweise zur Krampfunterdrückung (Epilepsie) eingesetzt wird. Es wirkt allgemein dämpfend auf das Zentrale Nervensystem (ZNS).
Propranolol (Dociton®) ist ein unspezifischer Beta-Rezeptoren-Blocker, der nicht ausschließlich am Herzen wirkt (Beta-Blocker werden überwiegend bei Herz-Kreislauferkrankungen eingesetzt). Auf welche Weise er gegen Zittern wirkt, ist nicht bekannt.
Primidon (Liskantin®) gehört zur Wirkstoffgruppe der Barbiturate und ist ein Antiepileptikum, das krampflösend wirkt. Der Mechanismus der Wirkweise ist nicht bekannt.
Ondansetron (Zofran®) blockiert die Serotonin-Rezeptoren im Zentralen Nervensystem. Der Wirkstoff ist als Antiemetikum bekannt; er wird vor allem zur Behandlung von Erbrechen in der Tumor-Strahlentherapie oder nach Operationen eingesetzt.

Nebenwirkungen

Clonazepam (Rivotril®): Müdigkeit, Mattigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Muskelspannung, Nervosität, Schlafstörungen. Clonazepam verstärkt Psychopharmaka, Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel sowie muskelentkrampfende Wirkstoffe. Darf nicht kombiniert werden mit MAO-Hemmern zur Behandlung einer Depression.
Propranolol (Dociton®): Müdigkeit, Schwindel, Durchblutungsstörungen, Empfindungsstörungen, trockene Augen. Beta-Blocker können allergische Reaktionen verstärken.
Primidon (Liskantin®): Gleichgewichts- und Sehstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Zittern, Sprachstörungen, Abgeschlagenheit, kognitive Störungen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Psychopharmaka kann es zu gegenseitiger Verstärkung der Wirkung kommen. Die Wirkung von Antibaby-Pillen, Beta-Blockern, Blutgerinnungshemmern und Antibiotika kann verringert werden.
Ondansetron (Zofran®): Müdigkeit, Verstopfung, Durchfall.

Invasive Therapie

Bei erheblichem Tremor bleibt als letzte Möglichkeit die stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien an spezialisierten Zentren: Eine sehr dünne Sonde wird in einem bestimmten Gehirnareal (Thalamus) platziert, gleichzeitig ein Schrittmacher am Schlüsselbein unter der Haut eingesetzt und mit der Sonde verbunden. Vom Schrittmacher aus kann über die Sonde ein sehr schwacher elektrischer Strom verabreicht werden, der das Zittern verringert oder unterbindet. Die Einstellung des Schrittmachers lässt sich von außen ohne Operation verändern.

Wissenswertes

Clonazepam (Rivotril®) und Primidon (Liskantin®): Eine längere Behandlung kann zur Abhängigkeit führen. Sollen die Medikamente abgesetzt werden, muss die Dosis schrittweise verringert werden, da es sonst zu Entzugserscheinungen/Krampfanfällen kommen kann.

Wichtig

Ataxie und Tremor werden von Außenstehenden oft als Trunkenheit missdeutet. Die Aufklärung über den wahren Sachverhalt ist wichtig, um gesellschaftlicher Ausgrenzung vorzubeugen.

stereotaktische Hirnoperation = Hirnoperation, die durch kleine Bohrlöcher im Schädel mit feinen nadelähnlichen Operationsinstrumenten an vorberechneter Stelle durchgeführt wird.

Letzte Aktualisierung: 14.11.2017 18:10