DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Fatigue

Fatigue

Was ist Fatigue?

Die erhöhte Erschöpfbarkeit (Fatigue) ist ein häufiges Symptom der MS und unterscheidet sich deutlich von der Müdigkeit, wie sie gesunde Menschen erleben. MS-Erkrankte leiden unter Schwäche und Mattigkeit, die belastungsabhängig oder im Tagesverlauf stärker wird.
Fatigue bedeutet Antriebs- und Energiemangel sowie ein dauerhaft vorhandenes Müdigkeitsgefühl, das sich sowohl auf die geistige als auch die körperliche Leistungsfähigkeit auswirken kann. Wärme verstärkt oft die Fatigue. Viele Patienten leiden täglich oder nahezu täglich unter diesem Symptom, das üblicherweise sechs Stunden und mehr am Tag vorhanden ist und gegen Abend stärker wird. Nicht selten wird dadurch sowohl die Lebensqualität als auch die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit so stark beeinträchtigt, dass eine vorzeitige Berentung nötig wird. Fatigue birgt die Gefahr, dass sich die Betroffenen zunehmend aus dem sozialen Umfeld zurückziehen und damit eine Kraftquelle verlieren.

Therapieziel

Linderung der Fatigue, um wieder möglichst uneingeschränkt am Alltagsleben teilnehmen zu können.

Nicht-medikamentöse Therapie

Da die medikamentöse Therapie der Fatigue in der Regel nicht sehr erfolgreich ist, stehen nicht-medikamentöse Maßnahmen im Vordergrund des Behandlungskonzepts. Zunächst ist es wichtig, die Fatigue als solche zu erkennen und die Patienten und deren Angehörige darüber aufzuklären, dass die erhöhte Ermüdbarkeit ein Symptom der MS ist und keinesfalls auf fehlender Willenskraft oder Faulheit beruht.
Andere, zu erhöhter Müdigkeit führende Ursachen müssen ausgeschlossen und behandelt werden. Dazu zählen Nebenwirkungen von Medikamenten (insbesondere solche zur Verringerung der Spastik), akute Infektionen, Depressionen und Schlafstörungen, aber auch Blutarmut (Anämie) und niedriger Blutdruck.

  • Viele Patienten kommen gut mit der Fatigue zurecht, indem sie konsquent eine oder mehrere Ruhepausen am Tag einlegen.
  • Körperliches Training, vor allem mit Ausdauersportarten wie Nordic Walking oder auf dem Fahrradergometer, steigert die körperliche Belastbarkeit und lindert die Fatigue.
  • Die Wirksamkeit mehrwöchiger Rehabilitationsmaßnahmen ist gut belegt. Hierbei können neben regelmäßigem und intensivem körperlichen Training auch Strategien zum effektiven Einsatz der verfügbaren Energie vermittelt und die Betroffenen im Gebrauch von Hilfsmitteln geschult werden.
  • Vor allem bei Patienten mit erhöhter Wärmeempfindlichkeit kann die Senkung der Körpertemperatur und die Vermeidung von Hitze erfolgreich sein. Die Kühlung des Körpers kann entweder durch Kühlelemente, die mittlerweile in verschiedenen Bekleidungsstücken wie Kühlwesten, Stirnbändern, Nackentüchern, Kühlhauben oder Kühlstrümpfen zur Verfügung stehen, durch kalte Bäder oder durch den Einsatz von Klimaanlagen in Haus oder Auto erfolgen.
  • Da Flüssigkeitsmangel die Fatigue verstärken kann, sollten Betroffene ausreichend trinken – wünschenswert sind, sofern Herz und Nieren gesund sind, täglich 2 bis 3 Liter, bei hohen Umgebungstemperaturen entsprechend mehr.

Medikamentöse Therapie

Medikamentöse Maßnahmen sind oft unbefriedigend. Allerdings kann im Einzelfall ein Therapieversuch mit dem aus der Behandlung von Viruserkrankungen stammenden Wirkstoff Amantadin (mehrere Fertigpräparate) zumindest teilweise erfolgreich sein.
Aminopyridine (4-Aminopyridin), die auf ärztliche Einzelverordnung von einem Apotheker angefertigt werden können, werden in Deutschland in begrenztem Maß zur Behandlung der Fatigue eingesetzt. Fampridin, ein Medikament mit einer chemisch abgewandelten Form des 4-Aminopyridin, konnte in US-Studien die Gehgeschwindigkeit von MS-Patienten verbessern. In den USA ist dieses Medikament zur symptomatischen Therapie der MS-bedingten Gangstörung zugelassen.
Eine andere Behandlungsmöglichkeit stellt Modafinil (Vigil®) dar, ein Medikament, das in Deutschland zur Behandlung der Schlafattacken bei der Narkolepsie, aber nicht für die MS-assoziierte Fatigue zugelassen ist. In einer ersten, plazebo-kontrollierten Studie dazu zeigten sich positive Effekte auf die subjektiv erlebte Erschöpfbarkeit. Diese Ergebnisse konnten in einer weiteren Studie zwar nicht bestätigt werden, dennoch kann die Substanz im Einzelfall wirksam sein. Da das Medikament nicht zugelassen ist („Off-Label use“), werden die Behandlungskosten in der Regel von der Krankenkasse nicht übernommen.
Als weitere Option kann ein Behandlungsversuch mit antriebssteigernden Antidepressiva wie Noradrenalin- oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmern unternommen werden.

Verabreichungsform

Amantadin: Tabletten, tägliche Dosis von 2 x 100 mg.
Modafinil: Tabletten, tägliche Dosis: 200 mg.
Aminopyridin: Tabletten, tägliche Dosis: 3 x 5 bis 3 x 10 mg

Gegenanzeigen

Amantadin darf nicht verwendet werden bei schweren Herzerkrankungen und Nierenfunktionsstörungen. Während der Schwangerschaft muss eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen, da nicht ausgeschlossen ist, dass Amantadin das ungeborene Kind schädigt. Amantadin geht in die Muttermilch über, deshalb muss vor Behandlung abgestillt werden.
4-Aminopyridin: Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle.
Modafinil darf nicht verabreicht werden bei schwerer Beeinträchtigung der Leber-/Nierenfunktion, Hypertonie, Herz-/Kreislauferkrankungen, schweren Angstzuständen, Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Es schwächt die Wirkung der empfängnisverhütenden „Pille” (hormonale Kontrazeptiva).

Wirkweise

Alle genannten Medikamente beeinflussen die chemischen Abläufe im Gehirn und wirken antriebssteigernd, wobei die genauen Wirkweisen bei der MS-bedingten Fatigue unbekannt sind.

Nebenwirkungen

Amantadin: Die zu erwartenden Nebenwirkungen umfassen Nervosität, Schlafstörungen (und damit bei zu hoher Dosierung möglicherweise die Verschlechterung der Fatigue-Symptomatik), Herzrasen, Schwindel und Leberwertveränderungen.
Modafinil: Kopfschmerz sowie oben genannte Nebenwirkungen.
4-Aminopyridin: Benommenheit, Übelkeit, Erbrechen, Missempfindungen.

Letzte Aktualisierung: 14.11.2017 18:10