DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Sehstörungen

Sehstörungen

Seh- und Augenbewegungsstörungen bei MS

Die häufigsten MS-bedingten Sehstörungen haben im Wesentlichen zwei verschiedene Ursachen:

  1. Eine Sehnerv-Entzündung (Optikus-Neuritis) äußert sich in Verminderung der Sehschärfe bis hin zum vollständigen Sehverlust (nach wiederholten Entzündungen), verschwommenem Sehen, veränderter Farbwahrnehmung, Gesichtsfeldausfällen (unregelmäßig verteilte Flecken auf dem wahrgenommenen Bild), Schmerzen des betroffenen Auges.
  2. Entzündungen an anderen Stellen der Hirnnerven können dazu führen, dass Bewegungen der Augäpfel nicht mehr richtig gesteuert werden. Die vielfältigen Augenbewegungsstörungen äußern sich zum Beispiel in Doppelbildern, Verschwommensehen, Gleichgewichtsstörungen, meist aber Augenzittern (Nystagmus). Solche ruckartigen Augenbewegungen können trotz normaler Sehschärfe zu Scheinbewegungen der Umwelt („Oszillopsien“) führen und damit zum Beispiel das Lesen oder Fernsehen extrem erschweren.

Sehleistungsstörungen sind bei rund einem Drittel der MS-Erkrankten das Erstsymptom (Deutsches MS-Register).

Therapieziele

Verbesserung der Sehkraft bei Sehnerv-Entzündung. Verminderung der Doppelbilder und des Verschwommensehens bei Augenbewegungsstörungen.

Nicht-medikamentöse Therapie

Treten Sehstörungen im Zusammenhang mit Wärmebelastung (Uhthoff-Phänomen) oder körperlicher Belastung auf, können Verhaltensänderungen, die zur Abkühlung beitragen, zur Besserung führen.

Medikamentöse Therapie

Optikus-Neuritis: Eine akute Sehnerv-Entzündung zeigt einen Schub an; sie wird deshalb wie ein Schub mit Kortison-Infusionen behandelt (Eskalationsmöglichkeiten, siehe Schub). Besteht eine erhöhte Empfindlichkeit, kann das Tragen einer Sonnenbrille hilfreich sein.

Augenbewegungsstörungen: Akut im Rahmen eines Schubs auftretende Augenbewegungsstörungen werden ebenfalls wie ein Schub behandelt.

Fortbestehende Augenbewegungsstörungen können – je nach Art – mit Medikamenten behandelt werden (off-label-use). Dies ist jedoch nicht immer erfolgreich. Zu den Wirkstoffen zählen Gabapentin und Memantine sowie Baclofen.

Verabreichungsform

Gabapentin (Gabax®, Neurontin®): Tabletten, tägliche Dosis beginnend mit 300 mg, Steigerung bis 1800-3000 mg.
Memantine (Ebixa®, Axura®): Tabletten, Lösung zum Einnehmen), tägliche Dosis 40-60 mg in mehreren Einzelgaben.
Baclofen (Lioresal®): Tabletten, tägliche Dosis 3 x 5 mg bis 4 x 30 mg

Gegenanzeigen

Baclofen: schwere Beeinträchtigung der Nierenfunktion, Epilepsien oder andere Anfallsleiden.

Wirkweise

Gabapentin: Der Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt; angenommen wird, dass Gabapentin die Erregungsleitung von Nervenzellen hemmt.
Memantine, zur Behandlung der Alzheimer-Demenz zugelassen, hemmt im Gehirn schädliche Wirkungen des Botenstoffs Glutamat.
Baclofen, üblicherweise zur Behandlung der Spastik eingesetzt, senkt den Muskelwiderstand.

Nebenwirkungen

Gabapentin: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Nervosität, Schlaflosigkeit.
Memantine: Schwindel, Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Verstopfung. Memantine schwächt die Wirkung von Neuroleptika und Schlafmitteln, verstärkt die Wirkung von Anticholinergika, die zum Besipiel zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels eingesetzt werden (siehe Blasenstörungen).
Baclofen verstärkt die Müdigkeit und senkt allgemein die Muskelspannung, sodass sich die Stand- und Gangfähigkeit bzw. die Rumpfstabilität verschlechtern kann.

Wichtig

Eine akute Sehverschlechterung muss umgehend durch einen Augenarzt und einen Neurologen abgeklärt werden. Sie kann auch andere Ursachen als die MS haben.
Ursache vorübergehender Sehverschlechterungen oder Augenbewegungsstörungen kann auch das Uhthoff-Phänomen sein.

Letzte Aktualisierung: 14.11.2017 18:10