DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Das Immunsystem

Das Immunsystem

Das Immunsystem des Menschen ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen Systemen. Hierzu gehören die unspezifischen sowie die spezifischen Abwehrmechanismen des Körpers.

Die unspezifische Immunabwehr richtet sich gegen alle Eindringlinge und Fremdstoffe im Körper. Diese Abwehrmechanismen werden allen Menschen gleichermaßen von Geburt an mitgegeben (angeborene Immunität).

Die spezifische Immunabwehr dagegen richtet sich gegen ganz bestimmte Krankheitserreger oder Fremdkörper (Antigene) im Körper, die nach einer Erstinfektion von einem immunologischen Gedächtnis immer wiedererkannt werden. Die Vorgänge der spezifischen Abwehr sind sozusagen erlernt worden (erworbene Immunität).

Neben den beiden Abwehrmechanismen wird zusätzlich zwischen der zellulären und der humoralen Abwehr unterschieden.
Hierbei umfasst die zelluläre Abwehr die, die durch bestimmte Immunzellen erfolgt. Dazu zählen z.B. die T-Lymphozyten, Makrophagen und neutrophile Granulozyten.
Die humorale Abwehr hingegen beruht auf Bestandteilen der Körperflüssigkeit, hier hauptsächlich auf der Funktion von Antikörpern, die von ausdifferenzierten B-Lymphozyten (Plasmazellen) gebildet werden.

Übersicht über die Teilsysteme des Immunsystems:

Das Immunsystem

Unspezifische AbwehrSpezifische Abwehr
Zelluläre
Abwehr
NK -Zellen
Makrophagen
Neutrophile
Granulozyten
T-Lymphozyten
Zytotoxische T-Zellen
T-Gedächtniszellen
T-Suppressorzellen
Humorale
Abwehr
Komplementsystem
Lysozym
Zytokine
Antikörper
(produziert von B-Lymphozyten)

Eine vollständige Abwehrreaktion (Immunantwort) des Körpers auf eine Infektion mit einem Erreger bzw. Fremdstoff erfolgt in drei Phasen:

Die erste Phase der Immunantwort basiert auf den angeborenen Abwehrmechanismen des Körpers.
Sie setzt sofort nach einer Infektion ein und beruht neben natürlichen Barrieren des Körpers wie Oberflächenepithelien (Haut) auf humoralen und zellulären Funktionen. Hierzu zählen die Aktivierung des Komplementsystems, das aus einer Reihe von Plasmaproteinen besteht, die bei Aktivierung extrazelluläre Krankheitserreger abtöten (humoral).

Die zelluläre Funktion basiert auf der Aktivierung von Makrophagen (phagozytierende Zellen, das sind Zellen, die einen eindringenden Erreger umschließen und auflösen können), natürlichen Killer-Zellen (NK-Zellen) und Leukozyten wie neutrophile Granulozyten, die ebenfalls phagozytierende Eigenschaften besitzen.

Die zweite Phase der Immunantwort erfolgt wenige Stunden nach der Infektion. Hier erfolgen zwar schon induzierte Abwehrreaktionen, aber sie sind niemals spezifisch und führen nicht zu einem immunologischen Gedächtnis wie die adaptive (erworbene) Immunantwort.

Die adaptive Immunreaktion basiert auf der Funktion spezifischer Lymphocyten.

Die spezifische humorale Abwehr erfolgt dabei durch die Bildung großer Mengen von Antikörpern, die von B-Lymphocyten produziert werden.
B-Lymphocyten werden im Knochenmark des Körpers gebildet und geprägt, d.h. sie werden auf das „Erkennen“ von Antigenen (Fremdkörper, Krankheitserreger) trainiert. Nach dieser Prägung werden sie über das Blut in die Lymphbahnen entlassen.
Wenn Sie mit „ihrem“ Antigen in Berührung kommen, wandeln sie sich in Plasmazellen um, die große Mengen an Antikörpern bilden, die gegen das bestimmte Antigen gerichtet sind.
Ein Teil der B-Zellen bleibt nach einer solchen Infektion im Körper als Gedächtniszellen erhalten. Dieses sogenannte immunologische Gedächtnis ermöglicht die Fähigkeit, auf das zweite Zusammentreffen mit einem Krankheitserreger schneller und stärker zu reagieren.
Das immunologische Gedächtnis ermöglicht eine erfolgreiche Impfung und verhindert die erneute Infektion mit Krankheitserregern, die bereits einmal erfolgreich durch die adaptive Immunantwort abgewehrt wurden.

Die wichtigsten Zellen der spezifischen zellulären Abwehr sind die T-Lymphocyten. Nicht immer gelingt es der unspezifischen Abwehr und der spezifischen humoralen Abwehr, alle Krankheitserreger vollständig zu vernichten.

Hier müssen schließlich die T-Zellen in Aktion treten. Die T-Zellen werden im Thymus produziert und, ähnlich den B-Zellen im Knochenmark, dort auf ihre besondere Aufgabe hin ausgebildet. Nach dieser Prägung der T-Zellen im Thymus zirkulieren sie im Blut und den Lymphbahnen, bis sie auf „ihr“ Antigen stoßen. Dieses wird auf spezifischen „antigenpräsentierenden“ Zellen auf der Oberfläche gezeigt. Die T-Zellen docken mit ihrem Rezeptor auf der entsprechenden Zelle an und beginnen anschließend, sich in spezielle T-Zellen umzuwandeln. Diese durchstreifen den Körper auf der Suche nach ihrem Zielantigen (Fremdkörper, Krankheitserreger).
T-Lymphocyten üben mehrere verschiedene Funktionen aus:
sie können als T-Helferzellen Antigene auf antigenpräsentierenden Zellen erkennen. Dazu erkennt ihr T-Zellrezeptor ein spezielles Molekül auf den antigenpräsentierenden Zellen, das MHC-Molekül. Dieses passt zusammen mit dem speziellen Antigen auf den T-Zell-Rezeptor. Durch diesen Vorgang der Erkennung werden zahlreiche T-Effektorzellen produziert, die einerseits als zytotoxische Zellen, infizierte Zellen angreifen und abtöten. Als T-Helferzellen können sie andererseits Makrophagen aktivieren und die Antikörperproduktion in den B-Zellen anregen.

T-Suppressorzellen hemmen und kontrollieren damit eine Immunantwort. Sie wirken reduzierend auf die Ausschüttung von Zytokinen. Dies sind lösliche Stoffe, die von Zellen des Immunsystems wie Makrophagen und Lymphocyten abgegeben werden und das Verhalten anderer Zellen beeinflussen. Sie sind nötig zur Aktivierung von T-Zellen.

Die Rolle des Immunsystems bei MS

Die Ursachen, warum es zu einer Multiplen Sklerose kommt, sind bis heute nicht vollständig geklärt. Sicher ist aber, dass das Immunsystem dabei eine wesentliche Rolle spielt. Im Rahmen der MS wird häufig von einer Autoimmunerkrankung gesprochen.
Autoimmunerkrankungen sind Immunreaktionen des Körpers, die sich gegen körpereigene Antigene richten. Das bedeutet, die oben beschriebenen Abwehrmechanismen richten sich gegen körpereigenes Gewebe und zerstören es.

Bei der Bildung von Lymphocyten entstehen durch einen Zufallsprozeß unweigerlich Zellen, die nicht nur auf körperfremdes, sondern auch auf körpereigenes Gewebe reagieren. Normalerweise unterliegen solche Zellen im Körper einer Kontrolle durch bestimmte Mechanismen, die eine Selbstzerstörung des Gewebes verhindern.
Trotz allem können T-Effektorzellen und Antikörper entstehen, die körpereigenes Gewebe angreifen und dann wie bei der Multiplen Sklerose zu einer Autoimmunkrankheit führen.

Die Effektorzellen reagieren auf sogenannte Autoantigene, bei der MS handelt es sich wahrscheinlich um ein Myelinprotein. Durch Aktivierung der autoreaktiven Zellen kommt es zu einem Entzündungsprozeß, in dessen Verlauf sich die Blut-Hirn-Schranke öffnet und sich damit eine vollständige Entzündungsreaktion entwickelt.
Hierbei werden durch molekulare Signale weitere Lymphocyten, wie T-Entzündungszellen angelockt, die wiederum Makrophagen aktivieren und Zytokine wie Interferon-gamma und Tumornekrosefaktor bilden. Während des Entzündungsprozesses kommt es außerdem zur lokalen Ansammlung von Flüssigkeit, Plasmaproteinen und weißen Blutkörperchen (Granulozyten).

Unter einer akuten Entzündung versteht man frühe und häufig vorübergehende Reaktionen, während man von einer chronischen Entzündung spricht, wenn die Infektion persistiert (länger andauert) oder eine Autoimmunkrankheit vorliegt.
Bei der MS werden gezielt die Myelinscheiden der Nervenzellen angegriffen, was auf Dauer zur Zerstörung dieser Myelinschicht führt, die so wichtig ist zur Weiterleitung von Nervenimpulsen zwischen Körper, Gehirn und Rückenmark.

Letzte Aktualisierung: 14.11.2017 18:10