DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Interessenvertretung

Die Barrieren in den Köpfen einreißen: Verena Bentele im Interview mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft

Mein Leben mit Multiple Sklerose wäre einfacher, wenn…: Von weniger Bürokratie, einem leichteren Zugang zu Hilfsmitteln bis zum Abbau von Hürden im Berufsleben reichen die Einträge auf der Wunschwand der DMSG.Im Interview mit dem DMSG-Bundesverband ermutigt Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, auch alle MS-Erkrankten ihre Rechte aktiv einzufordern.

Verena Bentele

Verena Monika Bentele ist ehemalige Biathletin, Skilangläuferin, vierfache Weltmeisterin und zwölffache Paralympics-Siegerin. Fünf der zwölf Goldmedaillen gewann Bentele, die von Geburt an blind ist, bei Wettbewerben der 10. Paralympischen Winterspiele. Seit Beginn des Jahres 2014 ist sie die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und begleitet aktiv die Gesetzgebung auf Bundesebene. Mehr

Im Interview mit dem DMSG-Bundesverband verrät die 32-Jährige, wo sie Handlungsbedarf sieht und in welchen Bereichen sie sich einsetzen will.

Die UN-Rechtskonvention gilt seit 2009 auch in Deutschland. Legt man die dort festgelegten Kriterien für eine selbstbestimmte Teilhabe zugrunde, stellt sich die Frage: Ist Deutschland ein behindertenfreundliches Land?

Verena Bentele: Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ist ein Prozess, der sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Das ist auch verständlich, wenn man sich klarmacht, dass wir hier wirklich dicke Bretter bohren möchten. Aber ich denke, wir befinden uns auf einem guten Weg. Es gibt bereits viele gute Regelungen, die allerdings vielfach noch zu unbekannt sind. Hier müssen wir vermehrt darauf drängen, dass Menschen mit Behinderungen diese Rechte nicht nur haben, sondern in der Praxis auch bekommen. Zweifelsohne sind auch noch einige gesetzliche Anpassungen notwendig, die in den nächsten Jahren in Angriff genommen werden. Die größte Herausforderung ist aber aus meiner Sicht das Einreißen der Barrieren in den Köpfen. Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken in allen Bereichen der Gesellschaft. Ich sehe, dass sich auch hier bereits etwas tut. Es gibt aber nach wie vor viele Menschen, die die UN-BRK nicht kennen und überzeugt sind, Politik für Menschen mit Behinderungen sei eine Politik für eine kleine Minderheit und beträfe sie selbst nicht. Das muss sich ändern!

Inklusion ist ein abstrakter, weitgefasster Begriff. Was sind Ihrer Meinung nach die dringlichsten Probleme, die in diesem Zusammenhang angegangen werden müssen?

Die aktuellen Diskussionen zur gemeinsamen Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder zeigen eindrücklich, dass es hier noch große Schwierigkeiten und großen Diskussionsbedarf gibt. Gerade ein gemeinsamer Schulbesuch aller Kinder legt aber den Grundstein für eine inklusive Gesellschaft, für ein selbstverständliches Miteinander aller Menschen in all ihrer Vielfalt. Wenn Vorurteile gar nicht erst entstehen, muss man sie auch nicht im Erwachsenenalter mühevoll abbauen. Ich halte es daher für dringend geboten, im die Probleme im Bildungsbereich engagiert anzugehen. In Anbetracht der demografischen Entwicklung müssen wir aber auch den Arbeitsmarkt verstärkt betrachten. Viele Menschen mit Behinderungen sind gut qualifiziert und würden ihre Leistungsfähigkeit gern in den allgemeinen Arbeitsmarkt einbringen. Sie bekommen dazu aber oft keine Möglichkeit, weil Arbeitgeber sich nach wie vor scheuen, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Hier muss dringend ein Bewusstseinswandel vollzogen werden.
Ein anderer wichtiger Bereich ist eine ganz grundsätzliche Regelung: Das Bundesteilhabegesetz, das in dieser Legislaturperiode in Kraft treten soll. Hier muss geregelt werden, dass Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen selbstbestimmt teilhaben können und dafür genau die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Und dies ohne Anrechnung ihres Einkommens und Vermögens.

Mit welchen Strategien wollen Sie zur Lösung dieser Probleme beitragen?

Zunächst werde ich natürlich, wie es meine Aufgabe ist, alle Vorhaben der Bundesregierung kritisch und konstruktiv begleiten. Das tue ich immer im engen Kontakt mit den Verbänden behinderter Menschen. Es gibt einige Bereiche, in denen noch bundesgesetzliche Lösungen notwendig sind, um die Umsetzung der UN-BRK voranzutreiben. Ohne eine solide rechtliche Basis kommen wir hier nicht weiter und ich werde mich dafür einsetzen, dass die Lösungen so passgenau wie möglich sind.

Außerdem arbeite ich dafür, den Prozess gesellschaftlichen Umdenkens anzutreiben. Ich möchte noch mehr Menschen überzeugen, dass eine inklusive Gesellschaft eine gute Gesellschaft ist - für Menschen mit und ohne Behinderung. Hierfür braucht es meines Erachtens vor allem einer Aufklärung und Information derjenigen, die sich bislang noch nicht mit Inklusion und der UN-BRK befasst haben. Es muss noch mehr miteinander gesprochen und diskutiert werden, um eine gesellschaftliche Sensibilität für das Thema zu erzeugen.

Auf der Wunschwand des DMSG-Bundesverbandes zum Welt MS Tag 2014 sind zahlreiche Einträge zu lesen, die sich weniger Bürokratie, mehr Freundlichkeit im Behördenalltag und einen leichteren und selbstverständlicheren Zugang zu benötigten Hilfsmitteln wünschen. Was antworten Sie diesen Menschen?

Ich kenne die Probleme und Herausforderungen, vor denen Menschen mit Behinderungen oft stehen und die ihnen den Alltag erschweren. Ich versuche aber auch immer, die Gegenseite zu verstehen. Oft ist es Unsicherheit und Unwissenheit, die zu bürokratischen Auswüchsen und blockierenden Reaktionen von Behördenmitarbeitern führen. Auch wenn es manchmal schwerfällt, versuche ich, dennoch selber freundlich zu bleiben und die eine mir gegenüber sitzende Person zu informieren und zu überzeugen. Aber wenn das nicht hilft, bleibt nur der Klageweg. Es ist in Deutschland nun mal so, dass Rechte im Zweifelsfall eingeklagt werden müssen. Das ist nicht schön und auch ein anstrengendes Unterfangen, aber leider unumgänglich. Wenn Rechte nicht zugestanden werden, gibt es keinen anderen Weg. Und jede Klage und jedes Urteil bringen das Thema in die Öffentlichkeit, bringen Menschen dazu, sich mit der Thematik zu befassen und führen mittelfristig zum Ziel: informierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die über die Rechte behinderter Menschen informiert sind, die keine Angst vor Kunden mit besonderen Anforderungen haben und willens sind, individuelle Lösungen zu ermöglichen.

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- 07.07.2014