DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Update: Empfehlungen für Multiple Sklerose-Erkrankte zum Thema Corona-Virus aktualisiert

Immer mehr Fälle des Corona-Virus (SARS-CoV-2) werden weltweit bekannt - auch in Deutschland. Die momentan bekannte Zahl der in Deutschland infizierten Multiple Sklerose-Patienten liegt jedoch deutlich unter dem statistisch erwarteten Wert und unterstützt die Annahme, dass kein primär erhöhtes Risiko aufgrund der MS besteht.

Die aktuellen Fallzahlen entnehmen Sie bitte der Website des Robert Koch-Instituts (RKI, www.rki.de). Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. Das RKI erfasst kontinuierlich die aktuelle Lage, bewertet alle Informationen, gibt Empfehlungen und schätzt das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland ein.

Doch wie gefährlich ist diese Krankheit für MS-Erkrankte? Wie hoch ist das Risiko einer Ansteckung? Welche Auswirkungen hat die Ansteckungsgefahr auf die MS-Therapie? Prof. Dr. med. Ralf Gold und Prof. Dr. med. Judith Haas aus dem Vorstand des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. nehmen Stellung und weisen zugleich darauf hin, dass diese Informationen kurzfristig jederzeit an den aktuellen Stand angepasst werden können:

 

Was unterscheidet eine Corona-Virus-Infektion von einer normalen Grippe?

Gegen die Grippe haben ein Großteil der Bevölkerung und auch MS-Erkrankte Impfschutz, wenn sie den Empfehlungen der Impfkommission folgen oder aber sie können sich bei Ausbruch einer Grippe-Epidemie noch impfen lassen. Gegen das Corona-Virus wird es in naher Zukunft noch keinen Impfstoff geben. Die Sterblichkeit bei der Grippe ist deutlich niedriger, wenn man sich auf die Analyse der bisherigen Fälle stützt. Das liegt möglicherweise daran, dass das Corona-Virus wesentlich häufiger als das Grippe-Virus direkt die Lunge angreift.

Besteht bei MS-Erkrankten ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren?

MS-Erkrankte, die keine immunmodulierende Therapie erhalten beziehungsweise mit Interferon beta (Avonex, Extavia, Betaferon, Plegridy, Rebif) oder Glatirameracetat (Copaxone, Clift) behandelt werden, sind grundsätzlich nicht stärker gefährdet als gleichartige gesunde Personen [1].

Besteht allerdings eine stärkere Behinderung (Rollstuhl, Bettlägerigkeit) ist das Risiko generell für Atemwegsinfektionen erhöht, da die Belüftung der Lunge weniger gut ist. Das bedeutet zwar nicht, dass das Infektionsrisiko höher ist als bei Gesunden, aber das Risiko, bei einem Kontakt mit dem Corona-Virus schwer zu erkranken, ist höher.

Es gibt bisher aus Asien und Europa nur wenige Einzelfallberichte zu MS-Erkrankten, die von einer Corona-Infektion betroffen sind. Aus diesen kann man keine allgemeinen Rückschlüsse auf einen besonderen Verlauf bei MS-Erkrankten ziehen.

Die momentan bekannte Zahl der in Deutschland infizierten MS-Patienten liegt jedoch deutlich unter dem statistisch erwarteten Wert und unterstützt die Annahme, dass kein primär erhöhtes Risiko aufgrund der MS besteht. (Stand 27.03.2020)

Ist eine Schubtherapie mit Cortison noch anzuraten?

Eine Cortison-Pulstherapie kann kurzfristig das Infektionsrisiko erhöhen. Bei einem Schub sollte daher sorgfältig besprochen werden wie sich der MS-Erkrankte nach dem Cortisonpuls vor einer möglichen Infektion schützen kann. Hilfreich und sinnvoll ist sicher bei Berufstätigkeit gegebenenfalls eine begrenzte Arbeitsunfähigkeit in Anspruch zu nehmen. Die Notwendigkeit einer Cortison-Pulstherapie sollte bei sehr leichten Schüben abgewogen werden. Mit regelmäßigen in Intervallen verabreichten Cortison-Therapien sollte - nach unserer Einschätzung - zunächst pausiert werden.

Unter welchen verlaufsmodifizierenden Therapien besteht möglicherweise ein erhöhtes Infektionsrisiko mit dem Corona-Virus?

  • Natalizumab/Tysabri: Die Behandlung kann – nach bisherigen Einschätzungen – uneingeschränkt weiter fortgeführt werden, da kein erhöhtes Risiko für Atemwegsinfektionen besteht.
  • Dimethylfumarat/Tecfidera: Bei normalen Lymphocytenzahlen kann davon ausgegangen werden, dass das Infektionsrisiko nicht erhöht ist.
  • Teriflunomide/Aubagio: Bei den Dosierungen in der MS-Therapie ist ein erhöhtes Infektionsrisiko nicht anzunehmen. 
  • Modulatoren Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren (Fingolimod/Gilenya und Siponimod/Mayzent): Unter diesen Therapien besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko, insbesondere von Atemwegserkrankungen. MS-Erkrankte, die auf diese Therapien eingestellt sind, sollten sie trotzdem fortführen, da bei Absetzen das Risiko einer Krankheitsaktivierung besteht. Therapeutische Neueinstellungen sollten zum jetzigen Zeitpunkt sorgfältig überlegt werden.
  • Sogenannte depletierende Immuntherapien (Ocrelizumab/Ocrevus, off-label Rituximab/Mabthera, Cladribin/Mavenclad, Alemtuzumab/Lemtrada, Mitoxantron): Diese Therapien erhöhen das Infektionsrisiko insbesondere unmittelbar nach der Infusionsbehandlung. Da es sich bei Ocrelizumab und Rituximab um Intervalltherapien handelt, ist auch eine Verlängerung des Intervalls individuell zu diskutieren, ohne dass die Gefahr einer Aktivierung der MS besteht [2]. 
    Die therapeutische Wirkung von Cladribin beruht auf einer erwünschten Verminderung der weißen Blutzellen. Dieser Effekt ist unmittelbar nach der jährlichen Gabe (jeweils zwei Behandlungswochen im Abstand von vier Wochen) in Jahr 1 und Jahr 2 am stärksten und geht auch mit einem erhöhten Infektionsrisiko einher. Die Effekte auf die weißen Blutkörperchen halten individuell unterschiedlich lange an, damit ist auch das Infektionsrisiko von MS-Erkrankten mit einer Cladribin-Therapie individuell einzuschätzen. MS-Erkrankte, bei denen der zweite Therapie-Zyklus nach einem Jahr ansteht, sollten diesen hinausschieben oder gegebenenfalls Vorkehrungen treffen, um die Infektionsgefahr herabzusetzen. Das Infektionsrisiko ist in den ersten vier Wochen nach der letzten Gabe am höchsten. Besondere hygienische Maßnahmen, auch bezüglich der Außenkontakte, sollten ohnehin eingehalten werden.
    Dies gilt in ähnlicher Weise auch für Alemtuzumab. Auch bei dieser Immuntherapie kommt es bei der jährlichen Gabe (in der Regel Jahr 1 und Jahr 2) zu einer langanhaltenden erwünschten Veränderung der weißen Blutzellen, wodurch ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Auch hier ist eine Wiederholung der Therapie sorgfältig zu prüfen. Neueinstellungen sind zum jetzigen Zeitpunkt unter Berücksichtigung der Zulassungsänderung nur bei hochaktiver MS und dem Fehlen anderer therapeutischer Möglichkeiten zu erwägen.

Wo ist das Infektionsrisiko am höchsten?

Nach den heutigen Erkenntnissen wird das Corona-Virus durch Tröpfchen übertragen. Dies erfolgt beispielsweise durch Husten und Niesen, durch Händedruck und Berühren von Gegenständen, die Kontakt mit einem Virus-Infizierten hatten, auch ohne dass dieser bereits Symptome gezeigt hat.

Informationen zur Infektionsvermeidung finden Sie auf der Website des Robert Koch-Institutes.

Siehe: Empfehlungen RKI – Schutzmaske, Handschuh. Viel Aufenthalt an der frischen Luft schützt die Schleimhäute vor Austrocknung und macht sie widerstandsfähiger gegen Viren. Deshalb besteht die Hoffnung, dass mit Beginn des Frühjahrs die Zahl der Neuinfektionen abnimmt. Je mehr Menschen sich in einem geschlossenen Raum aufhalten, desto höher ist das Risiko sich nicht nur durch Tröpfcheninfektionen anzustecken. Geheizte Räume stellen ein höheres Risiko für Infektionen dar als ungeheizte. Auch voll besetzte öffentliche Verkehrsmittel und öffentliche Groß-Veranstaltungen zählen zu den erhöhten Infektions-Risiken.

Teilnehmer klinischer Studien

Patienten, die an Therapiestudien mit Immuntherapeutika teilnehmen, werden über die Sicherheitsgremien (Safety boards) gegebenenfalls über das weitere Vorgehen mit der Studienmedikation informiert.

WHO hat ihre Warnung vor Ibuprofen zurückgenommen

Die Weltgesundheitsorganisation (englisch World Health Organization, WHO) hat kürzlich vor der Einnahme von Ibuprofen gewarnt und stattdessen Paracetamol empfohlen. Diese Empfehlung beruhte jedoch auf einer schwachen Datenlage und ist wissenschaftlich noch nicht gesichert. Aus diesem Grund hat die WHO ihre Warnung inzwischen zurückgenommen.

Hintergrund: Einige MS-Erkrankte benötigen unter Interferon beta (Avonex, Betaferon, Extavia, Plegridy, Rebif) auch langfristig wegen der Grippe-ähnlichen Nebenwirkungen fiebersenkende Mittel. Dabei handelt es sich in der Regel um Ibuprofen. Ibuprofen wird auch von MS-Erkrankten mit chronischen Schmerzen eingenommen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Wechsel von Ibuprofen auf Paracetamol wegen einer möglichen Infektion mit dem Corona-Virus nicht wissenschaftlich begründbar.

Gruppentreffen der DMSG und Fortbildungen der DMSG

Berücksichtigt man die Empfehlungen der Bundesregierung dürfen keine Gruppentreffen mehr stattfinden. Die Gruppen sollten aber weiter miteinander in Kontakt bleiben und hierzu Internet und Telefon nutzen. Fortbildungen der DMSG werden bei längerdauernder Einschränkung des öffentlichen Lebens auch über neue Medien stattfinden können. Die DMSG-Plattform MS Connect bietet sich auch in diesen Zeiten ganz besonders als Kommunikationsplattform für MS-Erkrankte an.

Fragen zum Coronavirus

Es gibt sicher viele individuelle Fragen zum Coronavirus. Wir versuchen Ihnen in den nächsten Wochen eine Plattform zu bieten, auf der Experten diese Fragen individuell beantworten.
Mehr lesen Sie in Kürze auf www.dmsg.de

Gestaltung des Alltags 

Laut der bundesweiten Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) sollte, wenn die Möglichkeit besteht, auf Reisen verzichtet, öffentliche Verkehrsmittel gemieden und von zu Hause aus gearbeitet werden. Im Allgemeinen sollten unter anderem jegliche Kontakte auf das Notwendigste reduziert werden. Mehr Informationen zu den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Epidemie erhalten Sie auf den Webseiten der für Sie zuständigen Landesregierungen.

Unter Berücksichtigung der oben erwähnten allgemeinen Hinweise und speziellen Risiken von stärker behinderten MS-Erkrankten und solchen mit verlaufsmodifizierenden Therapien, die ein erhöhtes Infektionsrisiko in sich bergen, raten wir bei den steigenden Infektionszahlen dringlich zur Einhaltung der Hinweise des BMGs, der Bundesregierung und der entsprechenden Erlasse der Landesregierungen.

Auf der Website des Robert Koch-Instituts finden Sie Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Corona-Virus: www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

Auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums erhalten Sie tagesaktuelle Informationen zum Corona-Virus, sowie grundlegende Informationen zum Infektionsschutz vor dem Corona-Virus, zu Verdachtsfällen und vieles mehr. Im SARS-CoV-2 Steckbrief zur Corona-Virus-Krankheit-2019 (COVID-19) des RKI finden Sie, basiert auf der laufenden Sichtung der wissenschaftlichen Literatur, weitere Informationen zum Corona-Virus.

Auf globaler Ebene handelt es sich um eine sich sehr dynamisch entwickelnde und ernstzunehmende Situation. Bei einem Teil der Fälle sind die Krankheitsverläufe schwer, auch tödliche Krankheitsverläufe kommen vor. Mit weiteren Fällen muss in Deutschland gerechnet werden. Diese Einschätzung kann sich kurzfristig durch neue Erkenntnisse ändern.

 

 

Autoren:

Quellen [1] Infection Risks Among Patients With Multiple Sclerosis Treated With Fingolimod, Natalizumab, Rituximab, and Injectable Therapies. Luna G et al, Jama Neurol 2019 epub 2019.3365 [2] Peripheral CD19+ B-cell counts and infusion intervals as a surrogate for long-term B-cell depleting therapy in multiple sclerosis and neuromyelitis optica/neuromyelitis optica spectrum disorders. Ellrichmann G. et al., J Neurol. 2019 Jan;266(1):57-67

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Hannover, den 06. März 2020 (aktualisiert am 27.03.2020)

27.03.2020