DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Soweit die Füße tragen: Philip Mes rennt und mobilisiert Hilfe für den Kampf gegen Multiple Sklerose

Ein Mann – ein Ziel: Der 33-jährige Düsseldorfer hat zur Unterstützung des DMSG-Bundesverbandes am Abenteuer "Ultra Berglauf Trail Verbier" teilgenommen, überwand persönliche Grenzen, gewann zahlreiche Spender und konnte erst von einem Unwetter gebremst werden.

Blitze, Steinschlag, ein Temperatursturz von 30 Grad, golfballgroße Hagelkörner und reißende Fluten am Berg: Der 110 Kilometer lange Extremmarsch in der Schweiz, reicht über fast 7000 Höhenmeter und entpuppte sich dieses Jahr als extrem gefährliches Unterfangen für die Athleten am Start. Philip Mes hat einiges auf sich genommen, um Spenden für den DMSG-Bundesverband zu sammeln. Mit Erfolg: Weit über 1000 Euro sind zusammengekommen. Auslöser für seinen Plan, mit dieser spektakulären Aktion die Aufmerksamkeit auf die Situation von Menschen mit Multipler Sklerose zu lenken, waren die MS—Diagnose eines guten Freundes und die eigenen beruflichen Erfahrungen mit Betroffenen als Personal Trainer.

Lange hat der Leistungssportler für die Teilnahme am "Ultra Berglauf Trail Verbier" trainiert, zahlreiche Sponsoren und Spender unterstützten ihn bei seinem Anliegen, auf diese Weise MS-Erkrankten zu helfen.

Warum er dennoch nicht ganz ans Ziel gekommen ist, berichtet Philip Mes hier in seinem Laufbericht:

Es ist 5 Uhr morgens am 3 Juli 2010 im Schweizer Dorf Verbier. Mit Rucksack stehe ich und ca. 330 weitere Läufer an der Startlinie zum Trail Verbier St-Bernard und habe nun 110 Kilometer vor mir. Das heißt: einen Tag und eine Nacht lang laufen.

Als der Startschuss fällt, ist es noch stockdunkel und die Stirnlampen leuchten uns den Weg am ersten steilen Anstieg über Wiesen und durch Wälder hoch zum Croix de Coeur auf 2400 Meter. Die ersten warmen Sonnenstrahlen erwecken die Lebensgeister und ich kann meine Müdigkeit abschütteln.

Extremes Gefälle und hohes Tempo sorgen für erste Verletzungen

Dem ersten Anstieg von etwa 10 Kilometer Länge folgt eine extrem lange Passage bergab über 1 Stunde. Ab jetzt laufe ich mit Markus aus Remscheid. Wir haben das gleiche Leistungsniveau und können uns prächtig unterhalten. Das hohe Tempo und das extreme Gefälle von bis zu 40% runter auf 720 m nach Sembrancher fordern Halt und Kontrolle beim Laufen, sodass ich meine Schuhe enger schnüren muss. Der nicht enden wollende Weg aus Schotter und Geröll geht in einen schmalen Schmugglerpfad über, der durch sein Gefälle und Ausgesetztheit zahlreiche Stürze und einige Schürf- und Platzwunden bei den Mitläufern hervorruft. Während ich einen Franzosen im Sturz abfange wundere ich mich, wer sich solche Wege ausdenkt und bin zugleich gewarnt und erfreut über solch ein Abenteuer.

Auch ich bleibe vor einem Sturz über eine Wurzel nicht verschont und schrubbe mit den Händen mehrfach kurz den Boden bis ich mich wieder fangen kann. Bis nach La Fouly, wo ich bei Kilometer 55 Halbzeit habe, sind es noch gut 30 Kilometer und ca. 1400 Höhenmeter und ein langer zäher Anstieg ins hinterste Tal zu den schneebedeckten Bergen. Auf dem Weg passieren wir in größter Hitze Kontroll- und Verpflegungsstationen, an denen wir unsere mit 2 Liter Wasser befüllten Rucksäcke immer wieder auftanken und uns mit Kuchen und Riegeln stärken. Weiter geht es vorbei an einem Edelweißfeld, wundervollen Bergen, unbeschreiblich schönen Landschaften mit Blindschleichen, Kühen, Gämsen und Natur pur.

Geblendet von der Natur bemerke ich erst viel zu spät, dass meine Schuhe zu eng gebunden sind. Ich habe mir an jedem Fuß eine zigarettengroße Blase unter den Fußballen gelaufen, die ich bei La Fouly dringend abtapen muss. Gesagt, getan. Nach einer kurzen Pause und einem Lagebericht nach Hause begebe ich mich mit Markus gegen 14 Uhr (9 Stunden nach dem Start) auf den zweiten und weit aus schwierigeren Teil der Strecke. Bis jetzt geht es mir viel besser als gedacht und die Strecke ist nicht nur abwechslungsreich und schön, sondern auch anspruchsvoll. Genau das, was ich mir vorgestellt habe.

Dem Gipfel entgegen: Trainig zahlt sich aus

Wir lassen La Fouly schnell hinter uns und schrauben uns erst durch Serpentinen und dann über schmale Wanderpfade steil und sehr hart etwa 1.100 Meter nach oben in Richtung schneebedeckter Gipfel. Unser Tempo verlangsamt sich drastisch, denn die Anstiege werden immer steiler, unwegsamer und an Joggen ist nur noch auf kleinen Zwischenstücken zu denken. Geröll, Steine und die ersten Schneefelder queren wir mit großer Begeisterung und ich fühle mich genau dort wo ich hingehöre. Das harte Training mit Treppenläufen, Joggen mit Gewichten und lange Läufe über unwegsames Gelände hat sich bestens ausgezahlt. Je näher wir den Schneefeldern kommen, umso steiler und heißer wird es. Die Sonne brennt und ich benutze mein Cap, obwohl ich Mützen nie trage. Doch auch mit Mütze und Sonnenschutzfaktor 50 ist es eine Hitzeschlacht auf knapp zweieinhalbtausend Metern Höhe.

Erst atemberaubende Hitze auf schneebedeckten Felsen, dann sintflutartige Regenfälle, Blitze und dramatischer Temperatursturz

Bei 41 Grad schmilzt der Schnee und es fühlt sich an, als ob man eine Düne hoch rennen würde und nicht vorankommt. Wir brauchen über eine halbe Stunde für einen Kilometer!
Die Anstrengung zum höchsten Punkt "Col de Fenetre" auf 2698 Meter ist beim plötzlich auftretenden Unwetter gegen 18 Uhr schnell vergessen. Der Himmel wird schwarz, um uns herum einschlagende Blitze, aufgestellte Haare vor elektrischer Ladung in der Luft und Golfball große Hagelkörner lehren uns Trail-Läufern das Fürchten. So schnell wie möglich sehe ich zu, zum nächsten Kontrollpunkt zu gelangen und streife mir im Laufen meine Regenjacke und ein Regencape über, die gegen solche Wassermassen aber völlig hilflos sind. Die sintflutartigen Regenfälle machen Bäche innerhalb von Minuten zu unpassierbaren, reißenden Flüssen. Die Sturzbäche überspülen Wege und lösen Steinschlag aus, welcher das Vorankommen sehr gefährlich macht. Durch das Unwetter fällt die Temperatur von 41 Grad auf unter 10 Grad und kühlt jeden von uns in Sekunden aus.

Nichts geht mehr: Veranstalter brechen das Rennen ab

Bei Kilometer 70 ist nach 13 Stunden und 44 Minuten und über 4.200 zurückgelegten positiven Höhenmetern für uns Schluss. Wir wärmen uns mit Tee, Gulaschsuppe und warmen Klamotten in einem kleinen Cafe auf. Auch weitere Teilnehmer werden vom Gewitter gestoppt und müssen von Helfern vor Ort versorgt werden. Bei den Gebirgsjägern habe ich schon viel erlebt, doch mit diesem Unwetter hat einem die Natur wieder die Grenzen aufgezeigt. Der Veranstalter musste für uns das Rennen abbrechen und wir wurden mit Bussen vom St. Bernard abgeholt. Schade, wenn man wetterbedingt abbrechen muss, auch wenn man konditionell und körperlich noch fit ist und die restlichen 40 Kilometer noch schaffen könnte.

Das Rennen ist wirklich hart. Wer dafür nicht ernsthaft trainiert hat sollte sich nicht auf diese Strecke begeben, denn sonst erlebt man sein Waterloo.

Neben der körperlichen Stärke ist es auch die mentale Verfassung, die bei einem derartigen Wettkampf in und mit der Natur herausgefordert wird. Das Wetter, mit seiner Unberechenbarkeit und gnadenlosen Gewalt, entscheidet mit über Abbruch und Weiterkommen eines jeden Einzelnen.

Philip Mes ist traurig, dass er auf diese Weise sein Ziel nicht ganz erreichen konnte: "Schade, denn rein körperlich und von den Muskeln her hätte ich die restlichen 40 Kilometer locker geschafft. Mir ging es nach dem Lauf richtig gut und ich hatte noch nicht mal einen Muskelkater. Der Lauf war grandios toll und ich hatte wirklich viel Spaß in den Bergen.

Gespräche über MS und Anerkennung für die Spendenaktion

Das DMSG Logo auf meiner Brust, am Rucksack und auf dem T-Shirt haben mir viel Aufmerksamkeit gebracht und so bin ich vor, nach und auch beim Lauf selber immer wieder sehr oft mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch gekommen.
Es hilft eben doch, wenn man MS wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Toll, wenn man so viel Zuspruch und auch Achtung von anderen bekommt, weil man etwas für eine gute Sache tut."

Sein Ehrgeiz ist ungebremst: "Ich weiß, dass ich den Trail Verbier schaffen kann. Im nächsten Jahr werden wir uns wiedersehen, der Berg und ich…"

Der DMSG-Bundesverband bedankt sich herzlich bei Philip Mes für sein mutiges Engagement und bei den vielen Spendern für ihre Unterstützung. Wir freuen uns auf einen neuen Start im kommenden Jahr!

Quelle: Laufbericht Philip Mes

- 23.07.2010