DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Update Corona-Virus und Multiple Sklerose (MS): Die DMSG aktualisiert ihre Empfehlungen

Warnung! Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland und anderen europäischen Ländern steigt wieder nach Beginn der Lockerungen der Umgangsbeschränkungen. Schützen Sie sich und andere, indem Sie weiterhin die notwendigen Hygienemaßnahmen einhalten. Auch Menschen, die bereits eine Covid 19 Infektion durchgemacht haben, sind möglicherweise nicht geschützt vor einer Neuinfektion. Mehr über Therapie-Aussichten und den Stand der Schutzmaßnahmen erfahren Sie im Update der regelmäßig überprüften Empfehlungen der MS-Experten Prof. Dr. med. Ralf Gold und Prof. Dr. med. Judith Haas aus dem Vorstand des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. Diese Informationen können jederzeit kurzfristig an den aktuellen Stand angepasst werden.

Was unterscheidet eine Corona-Virus-Infektion von einer normalen Grippe?

Gegen die Grippe haben ein Großteil der Bevölkerung und auch MS-Erkrankte Impfschutz, wenn sie den Empfehlungen der Impfkommission folgen oder aber sie können sich bei Ausbruch einer Grippe-Epidemie noch impfen lassen. Gegen das Corona-Virus wird es in naher Zukunft noch keinen Impfstoff geben. Die Sterblichkeit bei der Grippe ist deutlich niedriger, wenn man sich auf die Analyse der bisherigen Fälle stützt. Das liegt möglicherweise daran, dass das Corona-Virus wesentlich häufiger als das Grippe-Virus direkt die Lunge angreift und zu schweren Kreislaufkomplikationen führt.

Besteht bei MS-Erkrankten ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren?

MS-Erkrankte, die keine immunmodulierende Therapie erhalten oder eine immunmodulierende Therapie mit Interferon beta (Avonex, Extavia, Betaferon, Plegridy, Rebif) oder Glatirameracetat (Copaxone, Clift) erhalten, sind grundsätzlich nicht stärker gefährdet als gleichartige gesunde Personen [1].

Besteht allerdings eine stärkere Behinderung (Rollstuhl, Bettlägerigkeit) ist das Risiko generell für Atemwegsinfektionen erhöht, da die Belüftung der Lunge weniger gut ist. Das bedeutet zwar nicht, dass das Infektionsrisiko höher ist als bei Gesunden, aber das Risiko, bei einem Kontakt mit dem Corona-Virus schwer zu erkranken, ist höher.

Die momentan bekannte Zahl der in Deutschland infizierten MS-Patienten liegt deutlich unter dem statistisch erwarteten Wert und unterstützt die Annahme, dass kein primär erhöhtes Infektionsrisiko aufgrund der MS besteht. Zur Verlaufsschwere können aus den bisher bekannten Einzelfallberichten aus Asien und Europa keine allgemeinen Rückschlüsse gezogen werden. Eine erste Online-Veröffentlichung im Fachjournal „The Lancet Neurology“ der italienischen Studiengruppe zu Covid-19-Infektionen bei Multipler Sklerose analysierte Daten von 232 MS-Patienten mit Symptomen und Anzeichen einer Covid-19-Infektion (mit und ohne RT-PCR Bestätigung). Davon hatten 96 Prozent (223) einen milden, 2 Prozent (4) einen schweren und 3 Prozent (6) einen kritischen Verlauf von Covid-19 [2]. Fünf der kritisch eingestuften Patienten verstarben. Mit aller Vorsicht scheint die Anzahl der schweren Verläufe/der Sterblichkeit durch eine MS-Erkrankung nicht erhöht. Wir weisen hier allerdings auf die fehlende Vergleichbarkeit von Zahlen aus anderen Ländern hin, da in Deutschland eine deutlich höhere Anzahl an Tests zum Nachweis von Covid-19-Infektionen durchgeführt wurden und werden. 

Hinzu kommt aber auch, dass das deutsche Gesundheitssystem mit seiner hohen Zahl von Krankenhausbetten und Intensivstationen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern keinerlei Engpässe in der Versorgung von Covid-19-Erkrankungen erleben musste.

Wann ist ein MS-Erkrankter ein Risikopatient?

MS-Erkrankte, die aufgrund einer immunsuppressiven Therapie, auch wenn diese länger zurückliegt, noch einen Immundefekt haben, könnten theoretisch ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung haben. Erkenntnisse hierzu liegen aber noch nicht vor. Es laufen weltweite Erhebungen zu dieser Frage, an denen auch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) beteiligt ist. Mehr 

Ansonsten gelten auch für MS-Erkrankte dieselben Begleiterkrankungen als erhöhtes Risiko für einen ungünstigen Verlauf, wie sie auch für die Normalbevölkerung gelten (Siehe RKI - Informationen und Hilfestellungen für Personen mit einem höheren Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf). Für MS-Erkrankte mit starker Behinderung (Rollstuhl, Bettlägerigkeit) ist das Risiko generell für Atemwegsinfektionen erhöht, da die Belüftung der Lunge weniger gut ist. Das bedeutet, dass das Risiko eines schwereren Verlaufes einer Covid-19 Infektion höher ist. Einige Berufe, insbesondere im Gesundheitsbereich, gehen allgemein mit einem erhöhten Infektionsrisiko einher. MS-Erkrankte sollten ganz besonders auf Arbeitsschutzmaßnahmen bezüglich der aktuellen Coronavirus-Pandemie achten und diese vom Arbeitgeber auch einfordern. Insbesondere für MS-Erkrankte unter einer immunsuppressiven Therapie ist dies verstärkt zu beachten.

Zur Frage der Beschulung ist wichtig zu wissen, dass Schüler, die einer Risikogruppe angehören oder mit Personen, die einer Risikogruppe angehören, in einem Haushalt leben, weiterhin zu Hause bleiben sollen. Details dazu finden Sie auf den Seiten Ihres jeweiligen Kultusministeriums. Bitte sprechen Sie auch die Verantwortlichen in Ihrer Schule an. Weitere Informationen zum Schul-Betrieb, für Arbeitnehmer bzgl. „Fernbleiben“ von der Arbeit und weitere Informationen erhalten Sie auf der Corona-Seite des DMSG-Bundesverbandes in der „Übersicht mit rechtlichen Fragen“

Bezüglich der Öffnung von Kindertagesstätten gibt es noch keine Entscheidung. Bitte beachten Sie dazu die Tagespresse. 

Neueste Daten aus Baden-Württemberg geben Hinweise, dass das Infektionsrisiko, das von Kindern im Alter zwischen einem und zehn Jahren ausgeht, wohl gering ist [3]. Wenn sich dies bestätigt, würde das insbesondere bei MS betroffenen Familien die Ängste in Zusammenhang mit der für ihre Kinder wichtigen Wiedereröffnungen der Kitas und Grundschulen mildern.

Welche Auswirkungen hat eine Covid-19-Erkrankung auf das Schubrisiko?

Es ist bekannt, dass nach Virusinfekten ein leicht erhöhtes Schubrisiko besteht. Bei der Grippe (Influenza) wurde ein erhöhtes Schubrisiko in mehreren Studien beobachtet. Das Schubrisiko ist aber auch sicher davon beeinflusst, ob eine wirksame Immuntherapie der MS erfolgt. Ob auch nach Covid-19-Erkrankungen ein erhöhtes Schubrisiko besteht, können wir noch nicht beantworten. Falls aufgrund einer Covid-19-Erkrankung eine Immuntherapie beendet würde, könnte allein dies auch zu einem erhöhten Schubrisiko Anlass geben. 

Ist eine Schubtherapie mit Cortison noch anzuraten?

Eine Cortison-Pulstherapie erhöht allgemein das Infektionsrisiko. Bzgl. Covid-19 gibt es Hinweise, dass MS-Erkrankte bis zu drei Monate nach einer vorangegangenen Cortison-Pulstherapie ein bis zu vierfach höheres Infektionsrisiko für SARS-CoV2 aufzeigen (Daten aus Norditalien, Prof. Sormani, unpubliziert). Bei einem Schub ist daher sorgfältig die Notwendigkeit des Cortisonpulses abzuwägen und es sollte besprochen werden, wie sich der MS-Erkrankte nach der Therapie vor einer möglichen Infektion schützen kann. Hilfreich und sinnvoll ist sicher, bei Berufstätigkeit gegebenenfalls eine begrenzte Arbeitsunfähigkeit in Anspruch zu nehmen. Von einer Cortison-Pulstherapie bei Schüben mit leichten Symptomen ist je nach aktuellem Infektionsgeschehen eher abzuraten. Bei der Durchführung der Infusionen sollte ganz besonders auf die Vermeidung möglicher Kontakt-Risiken geachtet werden. Mit regelmäßigen in Intervallen verabreichten Cortison-Therapien sollte - nach unserer Einschätzung – immer noch pausiert werden.

Unter welchen verlaufsmodifizierenden Therapien besteht möglicherweise ein erhöhtes Infektionsrisiko mit dem Corona-Virus?

  • Natalizumab/Tysabri: Die Behandlung kann – nach bisherigen Einschätzungen – uneingeschränkt weiter fortgeführt werden, da kein erhöhtes Risiko für Atemwegsinfektionen besteht.
  • Dimethylfumarat/Tecfidera: Bei normalen Lymphocytenzahlen kann davon ausgegangen werden, dass das Infektionsrisiko nicht erhöht ist.
  • Teriflunomide/Aubagio: Bei den Dosierungen in der MS-Therapie ist ein erhöhtes Infektionsrisiko nicht anzunehmen. Eine antivirale Wirkung der Substanz wird diskutiert. 
  • Modulatoren Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren (Fingolimod/Gilenya und Siponimod/Mayzent, Ozanimod/Zeposia): Unter diesen Therapien besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko, insbesondere von Atemwegserkrankungen. MS-Erkrankte, die auf diese Therapien eingestellt sind, sollten sie trotzdem fortführen, da bei Absetzen das Risiko einer Krankheitsaktivierung besteht. Auch therapeutische Neueinstellungen sollten nun in Anbetracht der Dauer der Corona-Pandemie und der Behandlungsnotwendigkeit der MS nicht weiter hinausgeschoben werden. 
  • Sogenannte depletierende Immuntherapien (Ocrelizumab/Ocrevus, off-label Rituximab/Mabthera, Cladribin/Mavenclad, Alemtuzumab/Lemtrada, Mitoxantron): Diese Immun-Therapien erhöhen grundsätzlich wirkungsbedingt das Infektionsrisiko, insbesondere unmittelbar nach der Infusionsbehandlung. Ocrelizumab und Rituximab sind B-Zell depletierende Intervalltherapien. Hier lassen erste Hinweis vermuten, dass kein erhöhtes Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufes besteht [4]. Individuell kann eine Verlängerung des Therapie-Intervalls diskutiert werden, ohne dass die Gefahr einer Aktivierung der MS besteht [5]. 
    Die therapeutische Wirkung von Cladribin beruht auf einer erwünschten Verminderung der weißen Blutzellen. Dieser Effekt ist unmittelbar nach der jährlichen Gabe (jeweils zwei Behandlungswochen im Abstand von vier Wochen) in Jahr 1 und Jahr 2 am stärksten und geht auch mit einem erhöhten Infektionsrisiko einher. Die Effekte auf die weißen Blutkörperchen halten individuell unterschiedlich lange an, damit ist auch das Infektionsrisiko von MS-Erkrankten mit einer Cladribin-Therapie individuell einzuschätzen. MS-Erkrankte, bei denen der zweite Therapie-Zyklus nach einem Jahr ansteht, sollten Vorkehrungen treffen, um die Infektionsgefahr herabzusetzen. Das Infektionsrisiko ist in den ersten vier Wochen nach der letzten Gabe am höchsten. Besondere hygienische Maßnahmen, auch bezüglich der Außenkontakte, sollten ohnehin eingehalten werden.
    Dies gilt in ähnlicher Weise auch für Alemtuzumab. Auch bei dieser Immuntherapie kommt es bei der jährlichen Gabe (in der Regel Jahr 1 und Jahr 2) zu einer langanhaltenden erwünschten Veränderung der weißen Blutzellen, wodurch ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Auch hier ist eine Wiederholung der Therapie sorgfältig zu prüfen. Neueinstellungen sind zum jetzigen Zeitpunkt unter Berücksichtigung der Zulassungsänderung nur bei hochaktiver MS und dem Fehlen anderer therapeutischer Möglichkeiten zu erwägen.
    Da aktuell das Ende der Maßnahmen mit dem Ziel der Infektionsvermeidung in den nächsten Wochen nicht anzunehmen ist, sollten MS-Erkrankte, die sich mit Ihrem Neurologen zunächst für ein verlängertes Intervall entschieden hatten, nun ihre Therapie fortsetzen unter Berücksichtigung der hier erwähnten und verlinkten Sicherheitsbedingungen. Für MS-Erkrankte, die aufgrund ihres beruflichen und sozialen Umfeldes ein erhöhtes Risiko haben, mit Covid-19-Infizierten in Kontakt zu kommen, könnte das Vorliegen eines zeitnahen Abstrichs auf SARS-CoV-2 am Tage der geplanten Intervall-Therapie sinnvoll sein. Aktuell besteht eine bundesweit ausreichende Verfügbarkeit der Testverfahren.

Ist ein Besuch beim Neurologen ein Risiko für eine Covid-19-Infektion?

Unter Einhaltung der RKI-Vorgaben zur Basishygiene und der erweiterten Hygienemaßnahmen im Rahmen der Covid-19-Pandemie sollten Facharztbesuche nicht ausgesetzt werden. Hier ist wichtig zu berücksichtigen, dass je nach individuellem Krankheitsverlauf und der entsprechenden Therapiesituation notwendige Kontrolluntersuchungen anstehen können. Diese herauszuschieben, ist nicht ratsam, kann sogar gefährlich werden, da sie beispielsweise Auswirkungen auf die Einschätzung zur Therapiewirksamkeit und –sicherheit haben können.

Sind geplante stationäre Aufnahmen in Krankenhäuser ein Risiko für eine Covid-19 Infektion?

Da nicht nur Patienten, sondern auch das Krankenhauspersonal vor einer Covid-19-Infektion geschützt werden sollen, werden in einigen Kliniken schon jetzt zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme Patienten mit einem Abstrich auf das SARS-CoV2 untersucht (siehe RKI, „Hinweise zur Testung von Patienten auf Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus SARS-CoV-2“). Regelmäßige Abstriche beim Klinikpersonal werden zunehmend üblich, auch in Abhängigkeit von der besonderen Risikosituation einer Klinik (siehe RKI „Optionen zur getrennten Versorgung von Covid-19-Fällen, Verdachtsfällen und anderen Patienten im stationären Bereich“). Wir raten daher, notwendige therapeutische, operative und diagnostische Eingriffe nicht länger aufzuschieben, da dies langfristige negative gesundheitliche Folgen haben kann.

Kann Vitamin D schützen?

Ein Mangel an Vitamin D wird mit einem erhöhten Risiko für Infektionen der Atemwege in Verbindung gebracht. Ob dies auch für eine Erkrankung mit dem SARS-CoV2 gilt, ist nicht geklärt. Auf einen Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin-D Spiegel und einem schweren Covid-19-Verlauf weisen erste Studien hin. Ob hier ein direkter Zusammenhang besteht, ist ebenfalls nicht klar, da beispielsweise auch ein höheres Lebensalter mit einem niedrigerem Vitamin D als auch mit einem schwereren Krankheitsverlauf von Covid-19 assoziiert ist. Für beide Aspekte, dem Infektionsrisiko und der Verlaufsschwere, liegen bisher keine ausreichenden Daten vor, dass eine Gabe von Vitamin D einen potenziellen Nutzen gegen oder bei Covid-19 hat. Dies gilt für Personen mit und ohne Mangel an Vitamin D. Allgemein gilt, dass einem Mangel an Vitamin-D individuell durch eine gesunde Ernährung (viele Lebensmittel enthalten Vitamin D und seine Vorläuferstufen), Aktivität an der frischen Luft und umsichtiges Sonnen (Sonnenbrand vermeiden) entgegengewirkt werden kann. Oral verabreichte Vitamin-D-Präparate verbleiben übrigens weniger lange im Blut als Vitamin D, das über die Haut gebildet wurde.

Vorsicht vor Überdosierung! Über Nahrungsergänzungsmittel eingenommenes Vitamin-D kann bei Überdosierung verschiedene gesundheitliche Beschwerden auslösen. Diese beruhen vorwiegend auf einem erhöhten Kalziumspiegel im Blut (Hyperkalzämie). Der Körper nimmt übermäßig viel Kalzium aus der Nahrung auf und löst dieses zusätzlich aus den Knochen heraus. Daher sollten nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt Vitamin-D-Präparate eingenommen werden. Natürlich aufgenommenes und gebildetes Vitamin-D kann nicht zu einer Überdosierung führen.

Mehr Informationen zu MS und Vitamin D finden Sie hier:

Therapiemöglichkeiten von Covid-19 (alphabetisch sortiert, nicht abschließend)

  • Dexamethason: Laut einer Pressemitteilung der Universität Oxford konnte die Sterblichkeit von beatmeten Covid-19 Patienten um ein Drittel gesenkt werden [6]. Für jene Betroffenen, die bereits Sauerstoff benötigen, aber noch nicht intubiert werden mussten, senkt es die Rate allerdings nur um ein Fünftel. Da Cortisonpräparate aber andererseits die Infektabwehr stören oder sogar den Verlauf ungünstig beeinflussen könnten, wenn sie zu Beginn einer Covid-19-Infektion gegeben werden, kommt es ganz entscheidend darauf an, den Zeitpunkt zu ermitteln, an dem es darum geht überschießende Entzündungsreaktionen zu verhindern. Nach wie vor gilt daher, dass Cortisonpräparate zur Schubtherapie oder zur intrathekalen Gabe (z. B. Volon A) die Infektabwehr negativ beeinflussen und ihr Einsatz daher in Pandemie-Zeiten sehr sorgfältig abgewogen werden muss (vgl. oben „Ist eine Schubtherapie mit Cortison noch anzuraten?“). 
  • Remdisivir: Remdisivir wurde zur Behandlung der Ebola-Infektion entwickelt, zeigte aber nur geringe Effekte. Eine bessere Wirkung gegen andere Viren, insbesondere Corona-Viren, war der Anlass zum Einsatz bei der Covid-19-Erkrankung. Zahlreiche Studien mit Remdisivir laufen weltweit. Anfang Juli wurde Remdisivir von der Europäischen Kommission EMA mit dem Vermerk „bedingte Zulassung“ für schwere Verläufe von Covid-19 zugelassen [7], obwohl noch nicht alle Studiendaten zur Beurteilung der Sicherheit und Wirksamkeit vorlagen. Remdisivir ist damit das erste zugelassene Medikament zur Behandlung einer Covid-19-Infektion. Die Zulassung beruht auf einer Studie mit mehr als 1000 Covid-19 Patienten, die stationär behandelt wurden. Gegenüber Placebo konnte die Zeit bis zur Besserung bei schwer betroffene Covid-19 Patienten auf 11 Tage gegenüber 15 Tagen in der Placebogruppe reduziert werden. Dieser Effekt war nicht bei leichten und mäßig betroffenen Covid-19 Patienten zu beobachten. Patienten, die bereits beatmet waren und dann erst Remdisivir erhielten, profitierten nicht von der Behandlung. Es gibt bisher insbesondere keine Studiendaten die belegen, dass Remdisivir im Falle eines Kontaktrisikos vor einer Covid-19 Infektion schützt. Deshalb ist weiterhin der wichtigste Schutz die Infektionsprophylaxe: Abstand halten, Mundschutz wo es geboten ist, Händedesinfektion.

Wo ist das Infektionsrisiko am höchsten?

Nach den heutigen Erkenntnissen wird das Corona-Virus durch Tröpfchen übertragen. Dies erfolgt beispielsweise durch Husten und Niesen, durch Händedruck und Berühren von Gegenständen, die Kontakt mit einem Virus-Infizierten hatten, auch ohne dass dieser bereits Symptome gezeigt hat. Diskutiert wird auch, dass eine Aerosol-Entstehung in einem geschlossenen Raum in Anwesenheit eines Corona-Infizierten ein Risiko darstellen kann. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, Räume zur Senkung des Gefährdungspotentials mit Durchzug zu belüften. In nicht belüfteten Räumen ohne Fenster soll sich die Viruslast insbesondere durch die Aerosole länger in der Luft halten können.

Informationen zur Vermeidung von Infektionen finden Sie auf der Website des Robert Koch-Institutes (RKI)

Die Empfehlungen zu den Infektionsschutz-Maßnahmen sind hier ebenfalls zu finden:

Viel Aufenthalt an der frischen Luft schützt die Schleimhäute vor Austrocknung und macht sie widerstandsfähiger gegen Viren. Je mehr Menschen sich in einem geschlossenen Raum aufhalten, desto höher ist das Risiko sich nicht nur durch Tröpfcheninfektionen anzustecken. Geheizte Räume stellen ein höheres Risiko für Infektionen dar als ungeheizte. Auch voll besetzte öffentliche Verkehrsmittel und öffentliche Groß-Veranstaltungen zählen zu den erhöhten Infektions-Risiken.

Teilnehmer klinischer Studien

Patienten, die an Therapiestudien mit Immuntherapeutika teilnehmen, werden über die Sicherheitsgremien (Safety boards) gegebenenfalls über das weitere Vorgehen mit der Studienmedikation informiert.

Sind prophylaktische Tests auf Corona-Antikörper für MS-Erkrankte sinnvoll?

Eine großflächige Testung ohne Verdacht auf eine Covid-19 Erkrankung ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu empfehlen. Die Qualität an Test ist bisher nicht ausreichend und es ist unklar, ob das Vorhandensein von Corona-Antikörpern wirklich eine Immunität verleiht. Daher könnten Tests eher dazu beitragen ein falsches Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Biotin kann Laborwerte verfälschen

In vielen Labortests, auch zur Testung auf Vorliegen von Antikörper gegen das SARS-CoV-2 -Virus, wird Biotin verwendet. Die Einnahme von biotinhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln kann daher bei diesen Tests zu falschen Laborwerten führen. In Abhängigkeit von der Untersuchungsmethode können Interferenzen (Überlagerungen) mit klinischen Laboruntersuchungen entweder falsch-erniedrigte oder falsch-erhöhte Ergebnisse zur Folge haben. Dies kann z.B. eine verpasste Diagnose eines Herzinfarktes begründen. Daher sollte der behandelnde Arzt immer über die Einnahme von Biotin-Präparaten informiert werden. 
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte bereits im Mai 2019 darüber informiert: 

Eine therapeutische Wirkung von hochdosiertem Biotin auf den Verlauf der MS ist nach derzeitigem Wissenstand in Studien nicht bestätigt.

Gruppentreffen und Fortbildungen der DMSG

Unsere Empfehlung, dass sich die Selbsthilfegruppen zumindest bis zum 30. Juni 2020 nicht treffen sollten, modifizieren wir dahingehend, dass mögliche Treffen der Selbsthilfegruppen von einer ausführlichen Information der Teilnehmer über Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen abhängig sind. 

Wichtig: Die von der DMSG entwickelten Informationsmaterialien zu Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen sind in Print- oder digitaler Form den Gruppenleitungen zur Verfügung gestellt worden und sind auch bei den Landesverbänden erhältlich. 

Nach wie vor besteht die Möglichkeit, sich mit dem neuartigen Corona-Virus zu infizieren. Von daher – und angesichts der zu erwartenden steigenden Temperaturen – geben wir keine Empfehlung ab, sich ab Juli in Selbsthilfegruppen zu treffen. Bitte sprechen Sie Ihre Ansprechpartner in den Landesverbänden dazu an. 

Auch für Beratungen in den Beratungsstellen der DMSG-Landesverbände halten wir es für angebracht, dass diese Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen vor einem Besuch zur Kenntnis genommen werden.

Fortbildungen der DMSG werden weiterhin auch online angeboten. Eine Übersicht finden Sie auf der Website des DMSG-Bundesverbandes.
Die DMSG-Plattform MS Connect bietet sich weiterhin als Kommunikationsplattform für MS-Erkrankte an. 

Die Corona-Warn-App warnt vor Ansteckungsrisiken

Die Bundesregierung stellt die Corona-Warn-App zur Verfügung. Diese App soll allen Nutzern helfen, Kontakte mit infizierten Personen in ihrem Umfeld nachvollziehbar zu machen und Ansteckungsgefahren zu reduzieren. So können Infektionsketten schneller unterbrochen werden. Die App ist ein Angebot der Bundesregierung. Download und Nutzung der App sind freiwillig.

Sie ist kostenlos im App Store und bei Google Play zum Download erhältlich.

- KOSTENLOS HERUNTERLADEN

Die App soll einen Beitrag dazu leisten, das Infektionsgeschehen zu bremsen. Bedingung für einen Erfolg ist, dass möglichst viele Menschen, die App nutzen und Corona-Infizierte, diese Information auch in das System weitergeben. Wie das funktioniert, erfahren Sie auf den Internetseiten der Bundesregierung:

Wie funktioniert die Corona-Warn-App?
Mehr erfahren sie im Video

Achtung: Nutzer älterer Mobilfunkgeräte könnten Probleme beim Download und der Nutzung der App bekommen. Die App setzt moderne technische Standards voraus. Nach Informationen der Bundesregierung wird die Handhabung und Kompatibilität der App bereits aktualisiert. Nutzer von älteren Geräten wird geraten, ein Update des Betriebssystems auf ihren Mobilfunkgeräten vorzunehmen. Noch funktioniert das nicht immer. Google und Apple sind angefragt, ihre Schnittstellen auch für ältere Geräte zu öffnen, um eine Nutzung der App zu ermöglichen. Aktuell ist die App nur in deutscher Sprache erhältlich, weitere Sprachen sollen folgen. Zudem wird daran gearbeitet, die Kompatibilität mit den Systemen in anderen Ländern der EU zu verbessern. Aktuelle Informationen und eine Hotline finden Sie auf www.bundesregierung.de

Fragen zum Corona-Virus

Es gibt sicher viele Fragen zum Corona-Virus. Der DMSG-Bundesverband informiert Sie auf einer Sonder-Seite rund um das Thema Corona und Multiple Sklerose und bietet Ihnen mit den Arzt-Sprechstunden auf MS Connect eine Plattform, auf der Experten Ihre Fragen beantworten.

Gestaltung des Alltags 

Die konkrete Ausgestaltung der derzeitigen Regeln, Einschränkungen und Lockerungen auf Basis des aktuellen Beschlusses von Bund und Ländern obliegt den Bundesländern. Näheres erfahren Sie auf der Seite der Bundesregierung und der Landesregierungen. Laut der bundesweiten Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) sollte im öffentlichen Raum weiter aufeinander geachtet werden: d.h. mindestens 1,5 Meter Abstand halten, Hygieneregeln beachten und Alltagsmasken tragen – die sogenannte „AHA Formel“. 

Unter Berücksichtigung der oben erwähnten allgemeinen Hinweise und speziellen Risiken von stärker behinderten MS-Erkrankten und solchen mit verlaufsmodifizierenden Therapien, die ein erhöhtes Infektionsrisiko in sich bergen, raten wir zur Einhaltung der Hinweise des BMGs, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung  BZgA, der Bundesregierung und der entsprechenden Erlasse der Landesregierungen:

Die aktuellen Fallzahlen entnehmen Sie bitte der Website des Robert Koch-Instituts (RKI). Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird weiterhin insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. (Risiko-Bewertung des RKI). Das RKI erfasst kontinuierlich die aktuelle Lage, bewertet alle Informationen, gibt Empfehlungen und schätzt das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland ein.

Auf der RKI-Website finden Sie auch Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Corona-Virus

Auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums erhalten Sie aktuelle Informationen zum Corona-Virus, sowie grundlegende Informationen zum Infektionsschutz vor dem Corona-Virus, zu Verdachtsfällen und vieles mehr. Im SARS-CoV-2 Steckbrief zur Corona-Virus-Krankheit-2019 (Covid-19) des RKI finden Sie, basierend auf der laufenden Sichtung der wissenschaftlichen Literatur, weitere Informationen zum Corona-Virus.

Auf globaler Ebene handelt es sich um eine sich sehr dynamisch entwickelnde und ernst zunehmende Situation. Auch tödliche Krankheitsverläufe kommen vor. Mit weiteren Infektionen in Deutschland muss gerechnet werden. Diese Einschätzung kann sich kurzfristig durch neue Erkenntnisse ändern.

Die nächste Aktualisierung dieser Empfehlung ist für Freitag, den 14.08.2020, vorgesehen.

 

 

Autoren:

Quellen:

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Krausenstr. 50 30171 Hannover
Tel.: 0511 / 9 68 34 0 Fax: 0511 / 9 68 34 50
E-Mail-Adresse: dmsg@dmsg.de
Internet: www.dmsg.de

Hannover, den 06. März 2020 (aktualisiert am 24.07.2020)

Mehr Informationen zum Thema Covid-19 finden Sie auf der folgenden Seite: Mehr

24.07.2020