DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Nicht trotz, sondern mit Multipler Sklerose leben: Interview mit TV-Producerin Gudula von Eysmondt

Mit dem TV-Film "Balanceakt" hat das ZDF die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Multiple Sklerose (MS) gelenkt. Im Interview mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft verrät nach Schauspielerin Julia Koschick jetzt Producerin Gudula v. Eysmondt, warum ihr dieser Film so viel bedeutet. Ihr ist ein Herzensanliegen, auf die Erkrankung aufmerksam zu machen. Vor mehr als zehn Jahren erhielt ihre Schwester die Diagnose MS. "Die Balance zwischen den Hoch und Tiefs zu finden, mit denen man als MS-Betroffener leben muss, das ist die große Herausforderung für MS-Erkrankte und ihre Angehörigen", erklärt sie.

Was hat Sie motiviert, sich in Ihrem Film dem Thema MS zu widmen?

Gudula v. Eysmondt: "Durch die MS-Diagnose meiner Schwester im Frühjahr 2008 (mit knapp 36 Jahren) habe ich begonnen, mich mit der Krankheit zu beschäftigen und gemerkt, wie unwissend und mit welchen falschen Vorstellungen man der MS begegnet. Die Lebensgeschichte meiner Schwester, das Negieren der Krankheit nach der Diagnose und dann ihren Mut und Entschlossenheit sich mit der Krankheit „anzufreunden“ wollte ich einem größeren Publikum näher bringen, um Verständnis für MS-Betroffene zu schaffen."

Was verbirgt sich hinter dem Titel „Balanceakt“?

Gudula v. Eysmondt: "Die Balance zwischen den Hoch und Tiefs zu finden, mit denen man als MS-Betroffener leben muss, das steckt hinter „Balanceakt". So versuchen wir auch in dem Film dem tragischen Potential immer wieder heitere Momente entgegen zu setzen."

Welche Botschaft möchten Sie mit dem Film vermitteln?

Gudula v. Eysmondt: "Die Diagnose MS verändert das Leben. Es folgen viele Phasen wie Abwehr, Ignorieren der Krankheit, eventuell auch ein Zusammenbruch, bevor man in der Lage ist, seine Einstellung zum Leben und sich selbst zu ändern. Dass dies auch lebensbejahend und positiv sein kann, das möchten wir vermitteln. Und so hat es die Autorin auch wunderbar formuliert: „ich lebe weiter. Nicht trotz der Krankheit, sondern mit ihr“. Zudem ist „Balanceakt“ ein Film, der zeigt, dass nicht nur der Betroffene „so weitermachen kann, wie bisher“, auch das familiäre System muss sich neu sortieren und aufstellen, das war mir ebenfalls wichtig zu zeigen. Über allem steht aber das Verständnis für den Betroffenen und seine Krankheit!"

Wie hat Ihre Schwester reagiert als sie den Film zum ersten Mal gesehen hat?

Gudula v. Eysmondt: Die Biografie der Protagonistin Marie in dem Film ist eine etwas andere als die meiner Schwester, aber sie hat in langen Gesprächen der Drehbuchautorin ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Reaktionen auf ihre Krankheit mitgeteilt. Dies dann in einem Film widergespiegelt zu sehen, hat sie emotional tief berührt. Es hat auch knapp zwei Wochen gedauert bis sie bereit war, mit mir darüber zu sprechen. Ihr Feedback ist das Wichtigste für mich und ich bin sehr froh, dass sie voll und ganz hinter dem Film steht!"

Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, über die MS aufzuklären?

Gudula v. Eysmondt: Leider steht es allgemein sehr schlecht um das Wissen um diese Krankheit - es war bei mir nicht anders. Damals bin ich sehr rasch in die DMSG (Hessen) eingetreten und habe die quartalsmäßigen aktiv!-Zeitschriften verschlungen, um MS besser verstehen zu können. Das Fatale ist, dass der Verlauf bei jedem Menschen anders ist, die „1000 Gesichter“, was die MS schwer greifbar macht. Es sind nicht nur die physischen Schwierigkeiten, die z.B. bei einem Schub auftreten können, sondern dass sich die Krankheit auch in der Psyche bemerkbar macht. Dies in unserem Film zu zeigen, war mir sehr wichtig. Mit einem TV-Film erreicht man ein großes Publikum und ich hoffe sehr, dass wir einen Beitrag zu Aufklärung über MS leisten können.

Jedes Leben ist ein BALANCEAKT, das von MS-Betroffenen um ein Vielfaches mehr.

Lernen, mit der Erkrankung zu leben, diesem Ziel widmet sich der Film. So ermutigt Hauptdarstellerin Marie am Ende des Films mit den Worten, dass sie zwar nicht beeinflussen kann, wie es weitergeht. Aber dass sie weiterlebt, nicht trotz der Krankheit, sondern mit ihr.

Quelle: Bild, Tivoli Film Produktion GmbH

- 25.08.2019