DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Teriflunomid, Alemtuzumab, Fumarsäure: Drei Hoffnungsträger zur Therapie der Multiple Sklerose im Fokus der DGN

Multiple Sklerose ausbremsen: Neue Erkenntnisse zur Entstehung und Behandlung der MS sind auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Hamburg ebenso vorgestellt worden wie Informationen zu MS-Zentren und MS-Register der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft sowie die Erfolgsaussichten von drei MS-Therapeutika, die im Jahr 2013 auf ihre Zulassung warten: Teriflunomid, Alemtuzumab und Fumarsäure.

Grenzen erkunden – neue Wege gehen: Unter diesem Motto trafen sich über 5000 Spezialisten für Erkrankungen des Gehirns und der Nerven zum 85. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Ein zentrales Thema bei der größten Neurologenkonferenz in Europa war die Multiple Sklerose. Bereits heute können Neurologen aus einer Reihe von MS-Therapeutika auswählen, mit denen sich Krankheitsaktivität und damit das Fortschreiten der Behinderung bremsen lassen. Neue Erkenntnisse aus der Forschung lenken den Blick der Wissenschaftler auf Autoantikörper und die Entschlüsselung einzelner genetischer Varianten, die für Multiple Sklerose spezifisch sein könnten.

Die DMSG informiert über MS-Zentren, MS-Register und die Interessenvertretung von MS-Patienten

Der Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) war mit einem Stand vertreten und präsentierte während der diesjährigen DGN-Tagung nicht nur sein vielfältiges Angebot an aktuellen Aufklärungs- und Informationsmaterialien, sondern nutzte gleichzeitig die Gelegenheit, Gespräche mit Klinikern und niedergelassenen Neurologen zu führen und Anregungen aufzugreifen. Auf großes Interesse stießen die DMSG-Internettools MS erforschen, MS behandeln, MS verstehen und das Online-Lernprogramm eTrain MS auf www.dmsg.de. Vorgestellt wurden zudem die auf MS-Therapie spezialisierten MS-Zentren mit DMSG-Zertifikat sowie das MS-Register, mit dem die DMSG seit 2001 unter anderem standardisierte Daten ermittelt zur Prävalenz (Häufigkeit) der Multiplen Sklerose in Deutschland und der Versorgungssituation der Erkrankten.

Hoffnungsträger: Teriflunomid, Fumarsäure und Alemtuzumab

Auch bei den Medikamenten sind Neuerungen in Sicht: Bis Mitte nächsten Jahres könnten weitere Therapeutika die Zulassungshürde bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA nehmen: Fumarsäure, Teriflunomid und Alemtuzumab. Diese drei Wirkstoffe stellte Professor Dr. med. Bernhard Hemmer beim Neurologen-Kongress vor. Der Direktor der Neurologischen Klinik der Technischen Universität München ist stellvertretender Vorstandssprecher des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes MS (KKNMS) sowie Vorstandsmitglied der DGN und im Ärztlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.

Fumarsäure

Zur Fumarsäure (BG-12) sind eine Woche vor dem Kongress die Ergebnisse der abschließenden und zulassungsentscheidenden Phase-III-Studie im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht worden. Die Studienteilnehmer erhielten entweder 240mg BG-12 zweimal oder dreimal am Tag oder ein Scheinmedikament (Placebo).
«Fumarsäure bewirkt eine Umprogrammierung verschiedener Immunzellen und wirkt somit immunmodulatorisch», erklärte Prof. Dr. Hemmer. Das oral einzunehmende Präparat zeigte eine hohe Wirksamkeit bei guter Verträglichkeit. Gegenüber Placebo verringerte es die Schubrate über zwei Jahre um fast 50 Prozent, bremste das Fortschreiten der Behinderungsrate und reduzierte die Anzahl der Läsionen im MRT. Laut Prof. Dr. Hemmer könnte das Fumarat direkt als Basistherapeutikum in der Erstlinien-Therapie anstelle von Interferon-beta oder Glatirameracetat zugelassen werden.

"Darüber hinaus bietet das Medikament eine besondere Kombination – es ist bei hoher Wirksamkeit gleichzeitig auch besonders sicher", betont Prof. Dr. med. Ralf Gold, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG- Bundesverbandes, der DGN und des KKNMS. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Magen-Darm-Beschwerden und Hautrötungen, die in der Regel innerhalb weniger Wochen nach Ersteinnahme abklingen. "Wir hoffen daher sehr, dass sich die Fumarsäure für die Basistherapie der MS qualifizieren wird", so Gold weiter. Wir berichteten

Teriflunomid

Teriflunomid hat nach Einschätzung von Prof. Dr. Hemmer ebenfalls gute Chancen, direkt in die erste Reihe der Basistherapeutika aufgenommen zu werden. Bei dem oral zu verabreichenden Wirkstoff handelt es sich um einen Metaboliten von Leflunomid, das aus der Therapie rheumatischer Erkrankungen bekannt ist. «Es unterdrückt die Zellteilung von Immunzellen», verdeutlicht der MS-Experte: «Damit wirkt es entzündungshemmend und immunsuppressiv.» Insgesamt sei der Pyrimidin-Synthase-Hemmer gut verträglich. Häufigste Nebenwirkungen waren gastrointestinale Beschwerden und ansteigende Leberwerte.
Teriflunomid ist bereits seit 13. September 2012 unter dem Namen AubagioTM in den USA zur Behandlung der schubförmig verlaufenden MS erhältlich und damit zur Basistherapie zugelassen. Die Schubrate reduzierte sich in den Zulassungsstudien um 31,5 Prozent gegenüber Placebo. Neben Fingolimod steht dort nun eine weitere orale Therapieoption zur Verfügung. Häufigste Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden, Haarausfall und veränderte Leberwerte. Diese müssen daher vor und während der Therapie regelmäßig kontrolliert werden. Mehr

MS-Pille: nicht immer die bessere Therapie-Option

Genau wie Fumarsäure (BG-12) wird auch Teriflunomid oral verabreicht. "Darin sehen viele Patienten einen Vorteil. Wir möchten aber von Anfang an klar stellen, dass Spritzenmüdigkeit per se kein Grund sein darf, die Therapie bei gut eingestellten Patienten zu ändern", mahnt Prof. Dr. Gold. Inwieweit die neuen Präparate letztendlich deutliche Vorteile im Vergleich zu den bereits etablierten Medikamenten aus Basis- und Eskalationstherapie aufweisen werden, bleibe abzuwarten.

Wenn Basistherapeutika nicht ausreichen

Wenn Basistherapeutika nicht ausreichen, kommen sogenannte Eskalationstherapeutika hinzu. Hier könnte Alemtuzumab demnächst die Palette verstärken. Der monoklonale Antikörper richtet sich gegen das Glykoprotein CD52, welches B- und T-Lymphozyten auf ihrer Oberfläche herausdrückt. Alemtuzumab ist bereits zur Behandlung bestimmter Leukämien zugelassen. Im Vergleich zu Interferon-beta verringerte sich die Schubrate um rund die Hälfte. Allerdings können schwere Nebenwirkungen wie Schilddrüsen- und Nierenschäden oder Infektionen auftreten. Mehr

Grundsätzlich soll die Auswahl der Therapieoptionen bei Multipler Sklerose nicht nur breiter, sondern vor allem spezifischer werden. "Wir forschen deshalb im KKNMS auch intensiv nach Biomarkern, mit deren Hilfe wir bestimmen können, ob sich ein Patient für eine bestimmte Therapie eignet oder eben nicht", ergänzt Prof. Dr. Hemmer. An dieser Stelle schließe sich der Kreis zur Grundlagenforschung.

Diagnose per Bluttest? Weitere Schritte zur Entschlüsselung der MS

Nach den sehr erfolgreichen Untersuchungen zu Autoantikörpern bei seltenen Autoimmunerkrankungen des Gehirns, rücken diese auch bei der Multiplen Sklerose zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung. Aussichtsreichster Kandidat ist hierbei ein Autoantikörper, der sich gegen den Kaliumkanal KIR 4.1 richtet. "Wir konnten ihn im Blut bei knapp 50 Prozent der untersuchten MS-Patienten nachweisen", erklärt Prof. Dr. Bernhard Hemmer, der das Projekt auch geleitet hat. Der Autoantikörper könnte als Biomarker zukünftig die Diagnose der Erkrankung erleichtern und darüber hinaus weitere Anhaltspunkte zur Pathogenese liefern.
Der DMSG-Bundesverband berichtete.

Auch die Entschlüsselung weiterer, MS-spezifischer genetischer Varianten trägt zu einem besseren Verständnis der Krankheit bei. Kürzlich haben MS-Forscher gezeigt, dass verändertes Erbgut des TNF-Rezeptor-1 chronische Entzündungsprozesse fördert. "Da die Rezeptorvariante als Schlüsselprotein im Krankheitsgeschehen infrage kommt, lassen sich neue Ansatzpunkte für Therapien ableiten", erläutert Prof. Dr. Ralf Gold, der an der Studie beteiligt war. Mehr

Quelle: DGN, KKNMS

- 02.10.2012