DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

TV-Tipp: Wenn Multiple Sklerose das Leben zum Balanceakt macht – Interview mit Schauspielerin Julia Koschitz

Keiner sieht´s. Eine spürt´s: Sie ist erfolgreich, sie hat ein Kind. Alles läuft bestens – bis die Diagnose MS ihre heile Welt auf den Kopf stellt. Im ZDF/ORF-Familiendrama "Balanceakt" von Regisseurin Vivian Naefe, das am Montag, 26. August 2019, 20.15 Uhr, im ZDF ausgestrahlt wird, geht die junge Architektin Marie durch die Höhen und Tiefen im Leben mit MS. Dem DMSG-Bundesverband haben die Hauptdarstellerin Julia Koschitz und die TV-Produzentin Gudula von Eysmondt schon zuvor im Interview verraten, was sie mit der Erkrankung Multiple Sklerose verbindet:

Julia Koschitz gehört zu den beliebtesten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen. Kaum ein Tag vergeht an dem sie nicht in immer anderen Rollen zu sehen ist. Ihr Repertoire ist groß. Die Rolle der plötzlich an MS erkrankten Architektin und Mutter war dennoch eine besondere Herausforderung für die in Brüssel geborene Österreicherin.

Im Interview mit dem DMSG-Bundesverband verät die 44-Jährige, wie es ihr gelungen ist, sich in diese Rolle einzuarbeiten:

Liebe Frau Koschitz, hatten Sie schon vorher Berührungspunkte mit der Erkrankung MS?

Julia Koschitz: "Nur am Rande. Um Mitte 20 herum hat mir eine befreundete Kollegin von ihrem Mann und seiner Erkrankung erzählt. Damals hörte ich zum ersten Mal von der Angst vor dem nächsten Schub und den bleibenden Schäden, die er hinterlassen könnte. Es war die Rede davon, wie ihr Mann durch Stressreduzierung Einfluss darauf nehmen kann, auf die Wahrscheinlichkeit eines nächsten Schubs. Nach außen hat man nichts bemerkt, ein sportlicher, gut aussehender und vitaler, junger Mann. Diese Einschränkung, bzw. die Aufgabe sich generell zu schonen, hat sich damals für mich schrecklich angehört, in einem Alter, in dem man eher an Aufbruch denkt. So blöd dieser Gedanke auch war, ich habe eine Idee davon bekommen, was es mit mir gemacht hätte, wenn ich betroffen gewesen wäre"

Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Julia Koschitz: "Ich habe viel darüber gelesen, Erfahrungsberichte von Erkrankten, wie medizinische Berichte. Ich hatte die großartige Gelegenheit mit drei Betroffenen zu sprechen, alles tolle Frauen, die wie meine Rolle aktiv ihr Leben gestaltet haben, Familie und einen anspruchsvollen Beruf unter einen Hut bringen konnten und durch die Diagnose erstmal mit der Tatsache konfrontiert waren, ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Die Produzentin Gudula von Eysmondt hat mit der Autorin Agnes Pluch ein Drehbuch entwickelt, das so genau recherchiert war und die Krankheit in all ihren Facetten behandelt hat, physisch wie psychisch, für die Erkrankte persönlich als auch familiendynamisch, dass ich in allen Gesprächen Parallelen entdecken konnte. Für mich eine riesige Erleichterung, weil ich voll auf das Drehbuch vertrauen konnte und mich nicht darum kümmern musste neue und wichtige Aspekte der Krankheit in eine Szene hin zu konstruieren, was auch selten gelingt."

Was macht aus Ihrer Sicht das Leben mit der noch unheilbaren Erkrankung MS so schwierig?

Julia Koschitz: "Ganz ehrlich, ich habe durch diesen Film zwar die Gelegenheit bekommen, mich näher mit der Krankheit zu befassen, aber ich tue mir schwer, diese Frage als Nicht-Betroffene zu beantworten. Ich kann nur sagen, was mich persönlich in der Auseinandersetzung beeindruckt hat, was hängen geblieben ist, weil ich es vielleicht gut auf mich übertragen konnte, was in meiner Arbeit natürlich wichtig ist. So weit ich weiß, gibt es ganz unterschiedliche Formen von MS, leichte, die man nach außen hin jahrelang nicht bemerkt und schwere, die wie bei meiner Rolle vielleicht mal im Rollstuhl enden. Wenn man von letzterer ausgeht, ist es die Tatsache an sich, die ich unfassbar finde, dass man an etwas erkrankt, das noch unheilbar ist, das Gefühl der Unfreiheit, die ich damit verbinde. Dass man die Aufgabe hat, sich psychisch, wie physisch zu schonen, bzw. im Gleichgewicht zu halten, um einen nächsten Schub nicht zu begünstigen. So richtig und klug eine solche Lebensweise klingt, generell, halte ich sie für eine große Herausforderung. Das, was mich nachhaltig beeindruckt hat, ist der Umstand, dass man offen und erwachsen mit Ungewissheit umgehen muss. Ein Umstand, der jeden Menschen betrifft, weil es ein stilles Gesetz des Lebens ist, dass wir nicht wissen, was uns zustößt, wohin unser Weg uns führt, den wir aber trotzdem sehr erfolgreich verdrängen. Ich hatte den Eindruck, dass das mit dieser Krankheit nicht mehr geht."

Wie kann der Film den Zuschauern mit MS und ihren Angehörigen Mut machen?

Julia Koschitz: "Jeder Mensch geht unterschiedlich mit Schicksalsschlägen um, wird dabei mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert und wird sich dementsprechend auch unterschiedlich angesprochen fühlen. Ich persönlich mochte den Ansatz der Autorin, den Humor mit ins Drama zu nehmen, die Möglichkeit zu lachen, wenn man auch weinen könnte, den selbstironischen Blick auf sein Leben und die Aufgaben, die es mit sich bringt. Es ist für mich eine Geschichte über Familie und Freunde, die unschätzbar wichtig sind, weil sie einen auffangen werden. Und eine Geschichte über eine Frau, die beschlossen hat, sich nicht zum Opfer zu machen, die trotz aufgezwungener und massiver Veränderungen, ihr Leben gestaltet und mitbestimmt"

Der Film "Balanceakt" war am Montag, 26.08.2019 um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen und kann bis Ende November in der ZDF-Mediathek abgerufen werden.
Den Link finden Sie hier.

Mehr über die Hintergründe des Films erfahren Sie bald auf www.dmsg.de im Interview mit der Produzentin Gudula von Eysmond.

Quelle: Bilder Tivolifilm, Text: DMSG-Bundesverband -26.08.2019

 

 

- 25.08.2019