DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

AAN 2012 – Neue Ergebnisse zu innovativen MS-Therapien, Risikofaktoren, Krankheitsmechanismen, Rehabilitation, CCSVI und mehr.

MS-Verlauf stoppen, kognitive Funktionen wiederherstellen: Beim 64. Jahrestreffen der AAN (American Academy of Neurology) trafen sich 12.000 Neurologen und Wissenschaftler in New Orleans und präsentierten mehr als 500 Vorträge und Poster zum Thema Multiple Sklerose–bei den Themen spielten klinische Studien zu neuen Therapien, mögliche Risikofaktoren, grundlegende Krankheitsmechanismen, Rehabilitationsansätze, CCSVI eine Rolle.

MS-VERLAUF STOPPEN: Es wurden zahlreiche Daten zu ersten Ergebnissen später Studienphasen präsentiert. Wenn diese Therapien sich als wirksam und sicher erweisen, könnten einige von ihnen bereits noch im Jahr 2012 oder 2013 auf den Markt kommen. Weitere Studien beschäftigten sich mit dem Verständnis von Nutzen, Risiko und Wirkweise bereits verfügbarer Therapien.

FUNKTIONEN WIEDERERLANGEN: Im Mittelpunkt standen Rehabilitationsmaßnahmen zur Verbesserung kognitiver Veränderungen. Darüber hinaus gab es verschiedene Präsentationen zu bildgebenden Techniken und pathologischen Daten in Bezug auf die chronische cerebrospinale venöse Insuffizienz (CCSVI) bei MS.

MS FÜR IMMER BEENDEN: Das Verständnis dafür, welche Risikofaktoren einen Einfluss darauf haben, wer MS bekommt und auch welchen Verlauf die MS haben wird, ist ganz besonders wichtig, um Wege zu finden, MS oder dem Fortschreiten der Symptome vorzubeugen. Präsentationen gab es hierzu v.a. aus den Bereichen Genetik, Geschlecht der Betroffenen und Vitamin D.

Einige Themen beim internationalen Treffen der MS-Experten stellt der DMSG-Bundesverband in einer Serie vor. Im ersten Teil erfahren Sie mehr über:

FORSCHUNGEN, UM DEN VERLAUF DER MS ZU STOPPEN

Im Rahmen des AAN-Jahrestreffens wurden zahlreiche Daten zu ersten Ergebnissen später Studienphasen präsentiert. Wenn diese Therapien sich als wirksam und sicher erweisen, könnten einige von ihnen bereits 2012 oder 2013 auf den Markt kommen. Weitere Studien beschäftigten sich mit dem Verständnis von Nutzen, Risiko und Wirkweise bereits verfügbarer Therapien:

BG-12: Berichtet wurde über die CONFIRM-Studie, eine Phase III-Studie mit diesem Wirkstoff. Einbezogen waren 1430 Patienten mit schubförmiger MS. Der Wirkstoff wurde in 2- oder 3-maliger Gabe täglich über 2 Jahre gegen Placebo getestet, wobei eine statistische Signifikanz in der Senkung der jährlichen Schubrate erreicht werden konnte: mit 44% im Vergleich zu 51% unter Placebo. Es wurden sowohl Gruppen mit BG-12 als auch mit Glatirameracetat gegen Placebo getestet, jedoch nicht gegeneinander. Beide Dosierungen an BG-12 reduzierten die Krankheitsaktivität wie sie im MRT sichtbar war; die Behinderungsprogression wurde durch BG-12 nicht signifikant reduziert. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Hitzewallungen und Magen-Darm-Störungen (Abstract S01.003). Eine kleine Studie mit BG-12 bei 56 gesunden Freiwilligen zeigte, dass ein Vorbehandlung mit Aspirin (325 mg über 4 Tage) das Auftreten und die Stärke der Hitzewallungen verminderte, ohne die Magen-Darm-Probleme zu verstärken. Ob eine Langzeitanwendung von Aspirin unter BG-12 bei MS-Patienten wirksam ist und gut vertragen wird, ist nicht bekannt (Abstract P04.136).

Mehr Möglichkeiten, sich über den Ablauf von Studien und zukünftige Therapieoptionen zu informieren, bietet der DMSG-Bundesverband mit dem Tool "MS erforschen" als Internet- und Textversion. Mehr

Alemtuzumab: Die zweijährige CARE-MSII Studie, Phase III, verglich intravenöses Alemtuzumab mit Standarddosierungen Interferon beta 1a s.c. bei 840 Patienten mit schubförmiger MS, die in einer vorangegangenen Therapie noch Schübe hatten. Alemtuzumab wurde 1mal jährlich per Infusion verabreicht: an fünf aufeinanderfolgenden Tagen im ersten Jahr und an drei aufeinanderfolgenden Tagen im zweiten Jahr. Die Schubrate war gegenüber Interferon beta 1a s.c. um 49% reduziert, das Risiko einer Behinderungsprogression um 42%. Bei der mittels MRT festgestellten Krankheitsaktivität gab es ebenfalls positive Effekte – Alemtuzumab reduzierte darüber hinaus auch die Hirnatrophie (Abnahme der Masse des Hirngewebes). An Nebenwirkungen traten autoimmune Probleme mit der Schilddrüse auf (15,9%), bei 0,9% eine seltene Blutkomplikation, die sich in einem erhöhten Risiko unkontrollierter Blutungen äußert sowie Infusionsreaktionen. Die häufigsten Infektionen waren solche der oberen Luftwege und der Harnwege, Nebenhöhlenentzündungen und Herpes simples Infektionen; ernsthafte Infektionen traten in der Alemtuzumab-Gruppe bei 3,7% und bei der Interferon-Gruppe bei 1,5% der Probanden auf (Abstract S01.004). Die Herstellerfirma plant, einen Zulassungsantrag für Alemtuzumab bei der Food and Drug Administration (FDA) noch in 2012 zu stellen.

Fingolimod: In der "FREEDOMS II” Studie, Phase III, reduzierte eine Tagesdosis bei 778 Patienten mit schubförmiger MS die Schubrate um 48% im Vergleich zu Placebo (Abstract 5LB00.015). Es wurde ein Register von 500 schwangeren Frauen von der Herstellerfirma erstellt, um Informationen von Müttern und Kindern zu sammeln aus solchen Fällen, wo es unter Fingolimod unbeabsichtigt zu einer Schwangerschaft gekommen war. Hierbei handelt es sich um eine Anforderung der FDA, die darauf abzielt festzustellen, ob eine Therapie mit Fingolimod auch für schwangere Frauen sicher wäre (Abstract P06.189).

CombiRx Studie: Diese 3-jährige Studie testete eine Kombination von Glatirameracetat und Interferon beta 1a i.m. Erste Ergebnisse wurden von Fred Lublin (Mount Sinai College of Medicine, New York City) und Jerry Wolinsky (University of Texas Health Science Center, Houston) vorgestellt. Obwohl es aus MRT-Bildern Anhaltspunkte dazu gab, dass die Kombination etwas besser war als jedes Medikament allein, gab es wenig Hinweise darauf, dass die Kombination hinsichtlich einer signifikanten Senkung von Schubfrequenz oder Behinderungsprogression überlegen war (Abstracts S11.002 und PL02.003).

Grüntee-Extrakt: Alexander Ramos von der Louisiana State University, New Orleans und seine Kollegen von der Oregon Health Science Universität verabreichten 400 mg Polyphenon E – einem Grüntee-Extrakt – zweimal täglich bei 10 Patienten mit schubförmiger bzw. sekundär progredienter MS. Die Hauptkomponente dieses Extraktes ist ein Antioxidans, das dabei helfen kann, Nervenzellen vor der Zerstörung zu schützen. Eine Versuchsperson brach die Studie ab, da bei ihr eine leichte Erhöhung der Leberwerte messbar war – darüber hinaus gab es keine ernsthaften Nebenwirkungen. Die Behandlung resultierte in einem 13%igen Anstieg der Konzentration eines Moleküls, das für die Unversehrtheit von Nervengewebe steht (N-Acetyl-Aspartat; Abstract P03.050). Das Team führt gegenwärtig eine Phase-II-Studie mit 48 Probanden durch, um Sicherheit und nervenschützende Wirkung dieses Stoffes zu untersuchen.

Voraussagen zur Wirkung einer Therapie: Ein internationales Team analysierte DNA von Versuchspersonen, die an einer klinischen Studie mit Glatirameracetat (FORTE-Studie) teilgenommen hatten. Dabei schauten sie nach Hinweisen, die im Vorhinein darauf hindeuten könnten, ob eine Person auf diese krankheitsmodifizierende Therapie anspricht oder nicht. Dabei untersuchten sie nicht alle 1.100 Teilnehmer der genannten Studie, sondern suchten diejenigen heraus, die sehr gut auf die Therapie ansprachen und die keine im MRT sichtbaren Läsionen und keine Schübe während der Studie hatten – und solche, die im Gegensatz dazu nicht auf die Therapie angesprochen hatten, die eine hohe Krankheitsaktivität während der Studie aufwiesen. Mit modernen Technologien konnten sie in ersten Ergebnissen zeigen, dass es möglicherweise auch genetisch bedingt sein könnte, wenn eine Person gut auf Glatirameracetat anspricht. Diese Studie ist ein Beispiel für einen wachsenden Trend Wege zu suchen, optimale Therapiemöglichkeiten für individuelle MS-Patienten zu finden (Abstract IN3-2.003).

Behandlung akuter Schübe: Eine multizentrische Studie aus Spanien konnte zeigen, dass intravenöses und orales Kortison bei der Behandlung akuter Schübe gleich wirksam war. Einbezogen waren 49 Patienten, die bei einem Schub entweder die entsprechenden Dosierungen des Wirkstoffes oder ein Placebo erhielten. Derzeit läuft mindestens eine weitere größere Studie, die klären soll, ob die angenehmere orale Therapie gleich wirksam ist wie eine intravenöse Therapie (Abstract P01.128).

Kurzzusammenfassungen finden Sie auch auf der Website der American Academy of Neurology. Mehr

Beim Treffen der AAN wurden in vielen Fällen erste vorläufige Studienergebnisse präsentiert. Diese müssen noch weiter ausgewertet, in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und durch weitere Studien bestätigt werden, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Ergebnisse zu erhöhen.

Quelle: Research News NMSS, USA, 16. Mai 2012

- 29.05.2012