DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

CDP-Cholin als neuer Forschungsansatz bei Multipler Sklerose: Der DMSG-Bundesverband fragt nach

Schnellere Regeneration nach einem Schub und weniger Behinderungen im Mausmodell: Auf große Resonanz gestoßen ist der Bericht über aussichtsreiche Ergebnisse eines Forscherteams an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit dem Nahrungsergänzungsmittel CDP-Cholin: Im Interview mit dem Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft verrät Prof.Dr.med.Martin Stangel, Mitglied im Ärztlichen Beirat, mehr.

Wenn die Nerven blank liegen: Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, bei der die Myelinscheiden (die isolierende äußere Schicht der Nervenfasern) angegriffen werden. Bislang sind keine Substanzen verfügbar, die in der Lage sind, diesen Prozess umzukehren. Das Forscherteam um Prof. Dr. med. Martin Stangel hat jetzt in der Substanz CDP-Cholin im Mausmodell die Fähigkeit entdeckt, die Wiederherstellung der Myelin-Hüllen zu beschleunigen.

Die Abkürzung CDP steht für Cytidin Diphosphat Cholin. Als einzelnes Nahrungsergänzungsmittel eingenommen kann CDP Cholin die kognitiven Vorgänge im Gehirn unterstützen und das logische Denken, die Aufmerksamkeit oder das Gedächtnis verbessern. Bei der Substanz handelt es sich um eine Sonderform des wasserlöslichen Nährstoffes Cholin. Diese Form von Cholin spielt eine wichtige Rolle bei der Biosynthese von Phosphatidylcholin im Gehirn, einem der wichtigsten Bausteine aller Nervenzellen im Gehirn.

DMSG-Bundesverband: Sie schreiben, dass die Wirkung von CDP-Cholin bereits im Rahmen von anderen Erkrankungen untersucht worden ist. Welche Krankheitsbilder waren das und inwieweit sind diese Forschungsergebnisse auf MS-Erkrankte übertragbar?

Prof. Dr. med. Martin Stangel: Insbesondere bei Schlaganfall und bei Schädel-Hirn-Trauma wurde es eingesetzt, aber auch bei Demenzen. Insbesondere zum Schlaganfall gibt es auch eine gute Studie, die aber leider negativ ausgefallen ist. Die Ergebnisse sind unseres Erachtens nicht auf die MS übertragbar, da wir einen Wirkmechanismus postulieren, der beim Schlaganfall weniger wichtig ist.

DMSG-Bundesverband: Bei Mäusen beschleunigt CDP-Cholin die Regeneration nach einem Schub. Kann das Fortschreiten der MS so verlangsamt werden?

Prof. Dr. med. Martin Stangel: Wir glauben, dass durch eine bessere Regeneration die Axone und Neurone dann auch besser geschützt sind und es dadurch auf Dauer zu weniger Schädigung und Behinderung kommt.

DMSG-Bundesverband: Werden bereits klinische Studien an der MHH durchgeführt und wann ist frühestens mit Ergebnissen zu rechnen?

Prof. Dr. med. Martin Stangel: Klinische Studien zur MS gibt es leider noch nicht. Wir würden gerne eine für eine gut kontrollierte Studie durchführen, aber uns fehlt die Finanzierung.

Prof. Stangel warnt MS-Erkrankte davor, sich eigenmächtig mit dem frei verkäuflichen CDP-Cholin selbst zu therapieren:

Prof. Dr. med. Martin Stangel: Obwohl die Substanz schon bei vielen Menschen eingesetzt wurde und wahrscheinlich auch bei MS-Patienten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen zu erwarten sind, sollten Patienten die Substanz nicht einfach so einnehmen. Zumal wir über die Dosierung beim Menschen noch nicht viel wissen. Wahrscheinlich müssten wir höhere Dosen geben als bislang in den Studien verabreicht. Also sollte man mit der Einnahme warten, bis eine Studie genauere Ergebnisse zur Wirkung bei MS liefert.

- 17.09.2015