DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Mutmachgeschichten

Du willst es, du kannst es: Dann mach es! Per One-way-Ticket in ein selbstbestimmtes Leben mit Multiple Sklerose

Die Diagnose MS ist ein Schock, bedeutet aber keinesfalls ein Ende der Lebensqualität. In der Serie "Mutmach-Geschichten" stellt die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. Menschen vor, die ihre Krankheit als Chance begreifen, neue Wege zu beschreiten. Marco machte sich in Südamerika auf die Suche nach einem neuen Lebenssinn.

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Marco Dorer

Keine Perspektive mehr zu sehen und einfach Schluss machen zu wollen: Marco kennt dieses Gefühl. Als frisch examinierter Wirtschaftsingenieur, Fachrichtung Maschinenbau, wollte er 2008 im Beruf durchstarten- bis die Diagnose Multiple Sklerose ihm den Boden unter den Füßen wegriss. Alle Bewerbungen gingen ins Leere, er fühlte sich ausgegrenzt: „Alle Kollegen redeten über Geld und ihre Arbeit und ich konnte nicht mehr mitreden.“ Von der Aussicht auf eine Karriere in einem großen Automobilkonzern, rein in die Arbeitslosigkeit. Todesfälle in der Familie verschärften seine Verzweiflung zusätzlich. Die Symptome der MS schränkten die Mobilität des sportbegeisterten jungen Mannes in seinem Heimatort im Schwarzwald immer mehr ein. Depressionen und Suzidgedanken waren die Folge.

Die Krise

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Die WM erlebte Marco in Ecuador

Alles begann mit Sehstörungen. „Das kommt von der Belastung“, habe Marco sich gedacht, als er wegen seiner Master-Arbeit viel am Computer saß. Ein Irrtum: Es waren Symptome der Monate später diagnostizierten Multiplen Sklerose (MS), die fortan sein ganzes Leben bestimmen sollte. „Nun war ich krank und hatte bald auch keinen Job mehr, der mir Rückhalt gab“, erinnert sich Marco. „War das überhaupt noch ein Leben – mein Leben? Die Antwort darauf war klar: Letzter Ausweg der Sprung aufs Gleis oder noch besser vom 5. Stock ins Nichts. Dort bist du ja eh schon angekommen – im Abseits.

Ich kann nicht genau sagen, was es war, was mich vor dem Suizid bewahrte. Ich rappelte mich auf, ging in mein Zimmer an meinen PC. Wenige Mausklicks später war ich Besitzer eines One-Way-Tickets nach Brasilien. Seiner Familie sagte er nur: „Ich bin dann mal weg und weiß noch nicht, wann ich zurückkomme!“ Seine Eltern gingen davon aus, dass ihr Sohn nach Spanien fliegt und antworteten: „Toll, dann kommst Du mal ein paar Wochen an die Luft.“ Wenige Tage später ging sein Flug. Es sollte fast ein Jahr dauern bis seine Eltern Marco wiedersahen.

Von der Copacabana bis zum Titicacasee: Beginn eines neuen Lebens

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Marco auf dem Gipfel des Machu Picchu

„Ich war auf mich allein gestellt. Mein neues Leben begann“, berichtet Marco vom der wohl aufregendsten Zeit in seinem Leben. In Brasilien lernte er Portugiesisch und genoss die von Freiheit, Liebe und Gelassenheit geprägte Atmosphäre. Dann zog er weiter nach Argentinien, wo er in einem Nationalpark arbeitete und Spanisch lernte. Allein mit einem Rucksack schwer wie Blei lief er von Uruguay durch die größte Salzwüste der Welt bis auf atemraubende 4000 Meter Höhe weiter nach Chile, zum Titicacasee in Bolivien, durch Machu Picchu, die Inkastadt in Peru, erlebte die Fußball-WM in Ecuador bis nach Kolumbien. Über 10.000 Kilometer legte er zurück – zumeist zu Fuß. Abends fiel Marco in der nächsten Herberge erschöpft ins Bett. Er erlebte Höhen und Tiefen. „Auch Überfälle in den Favelas und zahllose Stürze forderten meinen unbändigen Willen“, erklärt er: „Ich bin mit einem blauen Auge davon gekommen und lernte damit umzugehen. Und vielleicht das Wichtigste: Ich lernte mich selbst kennen.“

Ein tiefer Fall bringt die Wende

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Der Weg ist das Ziel: Marco unterwegs in Argentinien

Mit einem tiefen Fall kam die Wende in seinem Leben. Es passierte an der steilen Küste im kleinen brasilianischen Städtchen namens Pipa, berichtet Marco. "Das ständige Zittern meiner Augen (Nystagmus) und die Sehstörungen ließen keinen sicheren Tritt zu, und ich fiel drei Meter die Felswand hinunter in eine Kakteenpflanze, wo ich mich blutig und schwer zerkratzt am ganzen Körper wiederfand. Ich schüttelte mich, rang kurz um Fassung, versuchte, die besorgten Menschen um mich herum zu beruhigen und ging weiter meinen Weg. Ich hatte einen Schutzengel und merkte bald, dass das kein Zufall war. Es sollten noch viele Stürze folgen, aber ich hatte ein Ziel."

An alle, die keinen Ausweg mehr sehen

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Marco hat sich auf einen langen Weg begeben, um sich selbst zu finden.

Mit einem Rucksack voller Erfahrungen kehrte Marco nach Deutschland in sein Heimatdorf im Schwarzwald zurück. „Meine Depressionen habe ich über Bord geworfen“, sagt er. Geblieben ist ein Leben voller Tatendrang und Mut. „Mein Blick geht nach vorn“, betont der heute 34-Jährige: Mein Weckruf an alle, die sich von Krankheit und ihrer schweren Last erdrückt fühlen. Die sich dem Ende des Lebens so nahe fühlen, wie ich damals: Geht raus! Da draußen wartet eine große und schöne neue Welt auf euch. Sie will gelebt werden! Macht euch auf den Weg und ihr werdet es erfahren. Wenn keiner auf dich zukommt, musst Du rausgehen und aktiv werden: Du willst es, du kannst es: Dann mach es!“

"Die Reise war die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe"

Im Rahmen des Welt MS Tages hat der DMSG-Bundesverband unter dem Motto "Selbstbestimmt leben mit MS" Menschen vorgestellt, die für sich selbst neue Perspektiven entwickelt haben. Marco fand auf seiner Reise durch Südamerika neuen Lebensmut. Was ihn von einer Sekunde auf die andere dazu gebracht hat, sich auf diesen 10 000 Kilometer langen Weg zu begeben, berichtet der 34-Jährige im Interview:

DMSG-Bundesverband: Von einem Tag auf den anderen auf und davon. War Ihre Reise eine Flucht?

Marco Dorer: „So könnte es auf manche wirken. Für mich war es eher ein Selbstfindungsprozess. Ich habe erkannt, was wirklich zählt und was die Krankheit mir sagen will. In der damaligen Situation habe ich keinen anderen Ausweg gesehen, als die Reißleine zu ziehen.“

DMSG-Bundesverband: Wie haben sich die Reiseerfahrungen konkret auf ihr weiteres Leben ausgewirkt?

Marco Dorer: "Jetzt baue ich mir selbst eine berufliche Zukunft auf. Ich habe auf eigene Kosten eine Ausbildung als Gesundheitsberater und Yoga-Lehrer gemacht. Ich will mehr über die Krankheit erfahren und anderen Menschen helfen. So wie ich auf meiner Reise die uneingeschränkte Hilfe anderer erfahren durfte.“

DMSG-Bundesverband: Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Marco Dorer: „Mein Plan war, dass ich keinen Plan hatte. Ich hatte noch etwas Erspartes und nahm unterwegs Jobs an, zum Beispiel in einem Nationalpark in Patagonien.“ Welche Medikamente hatten Sie im Gepäck? Marco Dorer: „Keine. Ich habe aber auch keine gebraucht. Bewegung, Sport und Draußen sein: Diese Kombination ist meine Medizin. Ich habe vor gut einem Jahr mehr oder weniger insgesamt meine komplette Ernährung umgestellt.“

DMSG-Bundesverband: Wie hat ihr Umfeld auf Ihren plötzlichen „Ausstieg“ reagiert?

Marco Dorer: „Es war schon extrem, was ich gemacht habe und wie ich es gemacht habe. Mit meinen Eltern hatte ich während des Jahres kaum Kontakt. Die Reaktionen von Einheimischen und anderen Backpackern reichten von „Der Typ ist total mutig“ bis „Der Typ ist total verrückt“. Fast alle haben gesagt: „Hey Junge, Du musst ein Buch schreiben. Da habe ich gedacht: Das kann kein Zufall sein. Gesagt getan, letzten Winter habe ich angefangen zu schreiben.“

DMSG-Bundesverband: Was hat sie motiviert, ihre Erlebnisse in einem Buch zu verarbeiten?

Marco Dorer: „Das fühlt sich gut an, zu schreiben. Rückblickend war die Reise die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Das war mein Weg. Ich will allen Mut machen und motivieren, weiterzumachen und aktiv am Leben teilzunehmen: Auch mit MS ist vieles möglich! Du willst es, du kannst es: Dann mach es!“

Mehr über Marcos Abenteuer in Südamerika zum Nachzulesen gibt es ab Ende 2016 in seinem Buch.

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Ich bin dann mal weg:"Irgendwann packe ich wieder meinen Rucksack für einen größeren Auflug", sagt Marco.

- 05.07.2016