DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Gesunde Darmflora als Auslöser von Multipler Sklerose im Verdacht

Bei Multipler Sklerose greift das fehlgesteuerte Immunsystem körpereigene Nervenzellen an und zerstört sie. Auf der Suche nach den Ursachen sind Forscher vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie jetzt auf eine heiße Spur gestoßen: Möglicherweise spielen eigentlich gesunde Darmbakterien eine entscheidende Rolle als Auslöser für die Autoimmunkrankheit.

Die Entstehung der Multiplen Sklerose gibt der Wissenschaft seit Jahrzehnten Rätsel auf. Lange galt ein Zusammenwirken mehrerer von außen einwirkender Umweltfaktoren sowie eine genetische Veranlagung als Ursache. Jetzt ist einem Forscherteam um Prof. Dr. med. Hartmut Wekerle, Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Neurobiologie und Mitglied im Ärztlichen Beirat vom Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft eine wesentliche Entdeckung gelungen. In der Fachzeitschrift "Nature" berichten die Wissenschaftler, dass bestimmte Bakterien in der Darmflora schuld sein könnten, wenn es bei genetisch vorbelasteten Menschen zu einer Überreaktion des Immunsystems kommt. Als Folge greife die körpereigene Abwehr das eigene Nervensystem an und löse damit die MS aus.

Bei gentechnisch veränderten Mäusen traten entzündliche Autoimmunreaktionen im Gehirn auf, die der Multiplen Sklerose bei Menschen sehr ähnlich sind. Fast durch Zufall beobachteten die Forscher, dass sämtliche Krankheitssymptome nahezu völlig ausbleiben, wenn die Tiere in einer keimfreien Umgebung aufgezogen werden. Impften die Wissenschaftler diese Mäuse nachträglich mit normalen Darmbakterien, erkrankten auch sie. In weiteren Experimenten zeigte sich dann, dass die Maus-Variante der Multiplen Sklerose tatsächlich nur fortschreitet, wenn die Tiere eine intakte Darmflora aufweisen.

Darm spielt Schlüsselrolle als Auslöser von MS

Die Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang weiter und konnten zeigen, dass die Ursache für die Immunerkrankung im Darm der gentechnisch veränderten Mäuse ihren Ausgang nimmt: Nur hier - nicht jedoch in anderen Organen - entstehen bei Tieren mit intakter Darmflora jene für die Krankheit typischen T-Zellen vermehrt, um dann später im Nervensystem die Myelinschichten der Neuronen zu attackieren.
Vielleicht löst ein wiederholter Kontakt mit Oberflächenmerkmalen bestimmter Bakterien die Überreaktion aus, vermuten die Forscher: Die Keime könnten etwa Moleküle aus Eiweiß oder Zucker aufweisen, die den später attackierten Oberflächenproteinen der Myelinscheiden der Nervenzellen ähneln. Sie werden in der Darmschleimhaut von einer T-Zell-Untergruppe erkannt; diese T-Zellen vermehren sich dann stark, rekrutieren zusätzlich Antikörper produzierende B-Zellen und starten so die typischen, schubweisen Attacken auf die Neuronen.

Bisher war unklar, ob das Nervensystem oder ein fehlgesteuertes Immunsystem den Ausbruch der Krankheit auslösen. "Die Frage nach Ursache und Folge beschäftigt die MS-Forschung seit langem. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass das Immunsystem die treibende Kraft ist", verdeutlicht Prof. Dr. med. Wekerle als einer der Autoren der Studie.

Weitere Indizien bestätigen Einfluss der Ernährung

Die neuen Erkenntnisse deuten ferner darauf hin, dass auch der Ernährung eine zentrale Rolle bei MS zukommen könnte. Die Nahrung bestimmt maßgeblich, welche Bakterien den Darm besiedeln. "Veränderte Essgewohnheiten könnten beispielsweise eine Erklärung dafür sein, warum die Multiple Sklerose in asiatischen Ländern in den letzten Jahren zugenommen hat", erklärt Professor Wekerle. Vielleicht könne man die Krankheit in Zukunft bekämpfen oder verhindern, indem man die mitschuldigen Keime im Darm ins Visier nimmt oder verändert, hoffen die Wissenschaftler. Um welche Bakterien der Darmflora es sich dabei genau handelt, soll jetzt weiter erforscht werden.

Quelle: Nature 10.1038/nature10554, wissenschaft-online, Bild: Fotolia 2011

- 27.10.2011