DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Karikaturist Phil Hubbe: Humor hilft beim Umgang mit MS

Die Diagnose Multiple Sklerose ist ein Schock, bedeutet aber keinesfalls ein Ende der Lebensqualität. In der Serie "Mutmachgeschichten" stellen wir Menschen vor, die diese Krankheit als Chance begreifen, neue Wege zu beschreiten. Das Markenzeichen von Cartoonist Phil Hubbe ist sein schwarzer Humor. Mit spitzer Feder bringt er seine Erfahrungen als MS-Erkrankter zu Papier. Der Erfolg beweist, was eiserner Wille und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bewirken können: Sein Lebenstraum wurde Wirklichkeit.

Sind Witze über Behinderte politisch unkorrekt? Für Phil Hubbe keine Frage: "Die schwärzesten und makabersten Cartoons finden die Leute am besten", betont er im Gespräch mit der DMSG. Getreu der Devise "Humor ist, wenn man trotzdem lacht."

Sich dem Leben stellen: Der lange Weg zum Erfolg

Das Zeichentalent wurde ihm in die Wiege gelegt, aber dass er einmal als Karikaturist mit Alleinstellungsmerkmal für Behinderten-Cartoons Berühmtheit erlangen würde, überrascht den Künstler Phil Hubbe auch heute noch manchmal. Und wahrscheinlich wäre es dazu auch gar nicht gekommen, wenn er nicht an Multipler Sklerose erkrankt wäre. Der Magdeburger plaudert aus dem Nähkästchen: Über seinen Großvater, über den gewagten Schritt in die Selbstständigkeit und über seine Art, sich dem Leben mit MS zu stellen, es zu gestalten und zu bewältigen.

Phil Hubbe, am 30.Januar 1966 in Haldensleben geboren, wächst in dem kleinen Dorf Hörsingen in der damaligen DDR auf. Der Vater arbeitet als Angestellter im Konsum, die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich liebevoll um die drei Söhne. "Meine Brüder sind sieben und zehn Jahre älter als ich. Mein Nesthäkchenstatus bedeutete, beinahe auch als Einzelkind aufzuwachsen. Aber da waren meine Großeltern, insbesondere mein Großvater. Mit ihm, dem Kunstmaler und Bildhauer, verband mich eine echte Seelenverwandtschaft. Stundenlang saß ich bei ihm im Atelier, schaute ihm über die Schulter, malte und zeichnete ebenfalls." Aus den künstlerischen Ambitionen, die Phil Hubbe nach dem Abitur und dem Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee veranlassten sich an der Kunsthochschule für ein Grafikstudium zu bewerben, wurde jedoch vorerst nichts. Er wurde abgewiesen, orientierte sich zunächst neu und begann Mathematik zu studieren. Nebenbei arbeitete er an einer Grafikmappe, denn den Traum von der Künstlerkarriere hatte er keineswegs aufgegeben. Ein Semester hielt ihn die Mathematik bei Laune, dann brach er das Studium ab, um als Schichtarbeiter im Keramikwerk Geld zu verdienen. Das Zeichnen lässt ihn jedoch nicht los, er knüpft Kontakte zum DDR-Magazin "Mosaik", das vor allen auch durch die Cartoonserie "Die Digedags" über die deutsch-deutsche Grenze hinaus einen hohen Bekannt- und Beliebtheitsgrad hatte. Über den Verlag "Junge Welt" gelingt ein kleiner Einstieg ins bevorzugte Metier. Er zeichnet Bildergeschichten mit pädagogisch wertvollem Anspruch, beispielsweise über den Magdeburger Naturwissenschaftler Otto von Guericke. Leben kann er davon nicht. Da es in der DDR nicht statthaft ist, ohne Berufsausbildung sein Dasein zu fristen, besucht er die Abendschule und lernt Wirtschaftskaufmann. Ausgeübt hat er diesen Beruf allerdings nie.

Schockdiagnose MS: Hubbe gibt nicht auf

Bereits während seines Wehrdienstes als 19-jähriger macht sich eine Sehnerventzündung als erstes Anzeichen der 1988 diagnostizierten Multiplen Sklerose bemerkbar. In der Folgezeit treten immer wieder Beschwerden unterschiedlicher Art auf: das Gehen fällt ihm schwer, er stolpert über Teppichleisten, er klagt über Kraftlosigkeit in den Händen, eine Beeinträchtigung, die für ihn besonders schwer zu ertragen ist. 1988 zieht Hubbe nach Magdeburg, Freundin Ute ist Kinderkrankenschwester und veranlasst einen Besuch beim Neurologen. Dessen Rat angesichts der niederschmetternden Diagnose lautet: "Lassen Sie das Zeichnen sein, über kurz oder lang werden Sie keinen Stift mehr halten können." Für Phil Hubbe eine Katastrophe, sein Lebenstraum zerplatzt wie eine Seifenblase. Doch er gibt nicht auf, der MS rückt er mit Kortison zu Leibe, er zeichnet weiter. 1989 heiratet er seine Ute, ein Jahr später wird Tochter Sophie geboren.

Neue Perspektiven: Fall der Mauer markiert "persönliche" Wende

Den Fall der Mauer empfindet er als Glücksfall. "Schon die Teilnahme an den Montagsdemonstrationen hatte neue Perspektiven eröffnet. Ich zeichnete auch fürs "Neue Forum" und als die Freiheit endlich Wirklichkeit wurde, wurde die "Wende" schließlich auch zu einer Wende in meinem Leben. 1992 habe ich mit der Rückendeckung durch meine Frau, den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, der MS zum Trotz."

Immer mehr Zeitungen, Zeitschriften und Magazine druckten fortan Hubbe-Karikaturen zu politischen Geschehnissen oder sportlichen Ereignissen. "Als ich 1993 eine meiner Zeichnungen im "Spiegel" fand, hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein. Jetzt konnte ich mich wirklich Karikaturist nennen."

Vom Tabubruch zum Verkaufshit: Fangemeinde wächst stetig

Die Idee, Behinderten-Cartoons zu kreieren, nahm 1999 Gestalt an. Inspiriert von John Callahan, einem Amerikaner, den ein Unfall in den Rollstuhl zwang, und der seine Landsleute mit Karikaturen über Behinderte schockierte, begann Phil Hubbe seinen Tabubruch in Deutschland. Zunächst hagelte es Absagen, Satiremagazine wie "Titanic" und "Eulenspiegel" winkten "aus Rücksicht auf die Gefühle Behinderter" ab. Die Mitglieder in seiner Magdeburger MS-Selbsthilfegruppe waren jedoch angesichts der pointierten und scharfsinnigen Beobachtungen aus dem Alltag Behinderter, die Hubbe mit spitzer Feder zu Papier brachte, begeistert. Und sie blieben nicht die Einzigen. Seit 2004 mit dem "Stuhl des Manitou" das erste Buch mit Behinderten-Cartoons erschien, wächst die Fan-Gemeinde stetig. "Das schönste Kompliment kam von den Gehörlosen.
Sie haben sich darüber beschwert, dass ich noch kein Cartoon über ihre Behinderung gezeichnet habe".

Wo nimmt Phil Hubbe seine Ideen her? "Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, ich verarbeite eigene Erfahrungen als MS-Kranker mit Behinderung und ich bekomme regelmäßig Emails mit Themenvorschlägen von Behinderten aller Art."

Botschafter für einen unbefangenen Umgang mit Behinderten

Phil Hubbe versteht sich, und so wird er auch verstanden, als Botschafter für einen unbefangenen Umgang mit Behinderten. Und für ihn selbst ist sein zum Beruf gewordenes Hobby Therapie: "Mit meiner MS könnte ich nicht von 9 bis 17 Uhr in einem Büro arbeiten. Jetzt bestimme ich meinen Arbeitsrhythmus selbst. Außerdem bewältige ich meine Krankheit durch die Zeichnerei und das hat einen positiven Einfluss auf meine Erkrankung."

Wie das aussieht, davon können Sie sich in seinen Werken ein Bild machen, von denen wir einige vorgestellt haben.
Kleiner Vorgeschmack:

- 22.01.2010