DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Lebensretter mit Multipler Sklerose

Wer in Lübeck den Notruf 112 wählt, hat große Chancen, mit Jörg Gerken verbunden zu werden. Der erfahrene Berufsfeuerwehrmann koordiniert die Einsätze in der Leitstelle und weist Anrufer bei Erste-Hilfe-Maßnahmen an. 24 Stunden in Bereitschaft: Das ist sein Berufsalltag – auch mit Multipler Sklerose. Selbst Hilfe anzunehmen, das musste er jedoch erst lernen.

Binnen Sekunden muss er Notsituationen einschätzen, Entscheidungen treffen und schnellstmöglich Hilfe organisieren. Er muss Ruhe bewahren und Sicherheit vermitteln, wenn am anderen Ende der Telefonleitung Menschen in Panik geraten. Für Jörg ist das Routine nach 20 Jahren Einsatzerfahrung – ob im Rettungswagen, im Löschzug oder als Taucher.

Lange Zeit seilte er sich auch aus Hubschraubern ab und tauchte in der Ostsee nach vermissten Personen – bis ihn vor fünf Jahren mitten im 24-Stunden-Dienst plötzlich ein Krampf in der linken Körperhälfte aus der Bahn warf. "Von heute auf morgen war das vorbei", bedauert Jörg. Zuerst habe er versucht, die Schmerzen zu verdrängen. „Irgendwann konnte ich es nicht mehr vertuschen“, berichtet der Feuerwehrmann. Die Ursache für seinen ständigen Schmerz lautete: Multiple Sklerose.

„Hier wussten alle sofort, was MS ist.“

Seine Kollegen und Vorgesetzten reagierten betroffen auf seine Diagnose. „Mir ist eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegengeschlagen“, berichtet Jörg: „Hier wussten alle sofort, was MS ist.“ „Es war ein Schock“, erinnert sich sein langjähriger Kollege Matthias Schäfer. Dass ausgerechnet einer ihrer stärksten Männer plötzlich nicht mehr voll einsatzbereit und selbst hilfsbedürftig ist, war auch für die professionellen Rettungskräfte schwer zu begreifen. „Jörg ist ein Sportler durch und durch. Wie tapfer er durchhält, das ist schon bemerkenswert“, betont sein Kollege.

Feuerwehrleute reden nicht viel – sie handeln

Jörg will Vollzeit-Berufsfeuerwehrmann bleiben. „Wir haben sofort überlegt, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen und haben viel Energie in bauliche Maßnahmen gesteckt“, erklärt Nils Lüdemann, Leiter der Leitstelle. Vieles passierte auf kurzem Dienstweg. Einige Kameraden besorgten Handläufe aus dem Baumarkt und brachten sie an den Wänden seiner Laufwege an. Das größte Projekt steht kurz vor der Vollendung: Ein Aufzug soll den Bewegungsradius innerhalb der Leitstelle für den an MS erkrankten Feuerwehrmann vergrößern. Mehr noch: Seine Kollegen überraschten ihn mit einem Geschenk. Für einen Treppenlift in seinem Zuhause hatten sie privat 1000 Euro gesammelt. „Das ist gelebte Kollegialität“, sagt Jörg gerührt:

„Das soziale Netzwerk Feuerwehr funktioniert“

Besonders groß sei der Zusammenhalt in der Tauchergruppe, betont Jörg: „Wenn man unter Wasser an der Leine seines Partners hängt, geht es um Leben und Tod.“ Die Zusatzausbildung zum Rettungstaucher bedeutet ihm viel. Die Teams sind langjährig aufeinander eingespielt. So war es auch seine Tauchergruppe, die ihn nach der MS-Diagnose zu einem gemeinsamen Rollstuhltraining an die Ostsee entführte. Ihnen war klar, dass Jörg sie nicht von sich aus um Hilfe bitten würde.

"Ich musste erst lernen, um Hilfe zu bitten", bestätigt der 46-Jährige. Die Fürsorge seiner Kollegen weiß er mittlerweile zu schätzen. „Dennoch blutet mir das Herz, wenn die Kollegen heute bei einem Alarm ohne mich mit dem Löschboot auf die Ostsee rausfahren“, verrät er.

Umso mehr freut er sich auf die Übungen, bei denen er wieder im Tauchanzug mit Unterstützung seiner Kollegen ins Meer abtauchen kann.

Lernen, um Hilfe zu bitten, ist schwer

Jörg ist ehrgeizig und diszipliniert, seine Erwartungen an sich selbst sind hoch. Er war immer „der erste Mann am Fahrzeug“, der Schnellste auf dem Löschboot, lief mit 13 Jahren seinen ersten Marathon, nahm 17 Mal am Iron-Man teil, startete zweimal bei den Weltmeisterschaften auf Hawaii.

Diese Erwartungen an sich selbst an die neuen Bedingungen im Leben mit Multipler Sklerose anzupassen, bleibt eine Herausforderung. Jörg stellt sich dieser Aufgabe jeden Tag aufs Neue - im Beruf und im Sport.

Im Dienstalltag merken die Hilfesuchenden in der Leitstelle nichts von der Erkrankung ihres Helfers. Im Gegenteil: Routiniert und zuverlässig führt Jörg die Anrufer durch die oft lebensbedrohenden Situationen- sei es bei der Beatmung eines Kleinkindes oder der kräftezehrenden Herzmassage nach einem Herzinfarkt.

Wie lässt sich das mit einer chronischen Erkrankung wie MS vereinbaren?

Der Berufsfeuerwehrmann arbeitet weiter in Vollzeit. Nur sein Einsatzgebiet hat sich verändert. Heute ist er Disponent. Für ihn kein einfacher Schritt: „Von 100 auf 0“, so beschreibt er selbst die Änderungen in seinem Dienstalltag. Dass von „Null“ nicht die Rede sein kann, davon konnte sich die Redaktion der aktiv! während seines 24-Stunden-Dienstes überzeugen. Bis zu 250 Notrufe gehen während eines Dienstes ein, die er gemeinsam mit seinen Kollegen souverän bewältigt - vom Küchenbrand bis zur Wiederbelebung eines Kindes.

Doch für den Mann, der immer 100 Prozent gegeben hat, bleibt es schwer, beim Einsatzsignal im Rollstuhl sitzen zu bleiben und sich auf die Koordination des Einsatzes zu beschränken. „Zum Glück habe ich keinerlei kognitive Probleme und meine Konzentrationsfähigkeit ist nicht eingeschränkt durch die MS“, erklärt Jörg. Sein größtes Problem sind die Schmerzen. Er hat sich eine Baclofen-Pumpe unter die Bauchhaut implantieren lassen, doch die Schmerzen schränken seine Gehfähigkeit weiter stark ein. Seinen sportlichen Ehrgeiz schmälert das nicht. „Ich nutze jede Gelegenheit, sportlich aktiv zu sein. Das ist auch für meine Psyche sehr förderlich“, betont der 46-Jährige.

Jörg fährt jeden Tag 17 Kilometer mit dem Handbike zur Arbeit.

Seine Familie teilt die Leidenschaft für den Sport. Seine Frau spielte zehn Jahre lang Handball in der Bundesliga. Seine Tochter liebt Fußball. Die Zehnjährige kann gut mit der MS–Erkrankung ihres Vaters umgehen. Er hat sie über die MS aufgeklärt und ihr so die Ängste genommen. Gemeinsam starten sie beim Marathon - seine Frau und seine Tochter beim Halbmarathon, er mit dem Handbike. Nach einer Zeit, in der sich seine körperliche Verfassung rapide verschlechtert hat, stabilisiert sich sein Zustand jetzt, stellt der Feuerwehrmann fest: „Mein Ziel ist, bis zum regulären Renteneinstieg durchzuhalten.“

Sein Rat an andere MS-Erkrankte: „Geht offen mit eurer Erkrankung um.
Bei mir hat es lange gedauert bis ich Hilfe annehmen konnte. Aber ich bin überzeugt, die Hilfsbereitschaft wäre noch viel größer, wenn jeder sich traut, nach Hilfe zu fragen. Wichtig ist, den Blick nach vorne zu richten und all das zu machen, was man noch machen kann. Sport hat mir immer viel Kraft gegeben, erst recht nach der MS- Diagnose. Und ich werde damit auch nicht aufhören!“

Immer in Bewegung: Im Video-Interview berichtet Jörg mehr aus seinem Leben

  • In den Sportfilmen auf der Seite „Die DMSG bewegt“ zeigt Jörg Gerken, wie er sich mit dem Handbike fit hält und berichtet, was ihn zum Training motiviert. Hier sehen Sie mehr
  • Mehr über sein Leben mit MS berichtet der Berufsfeuerwehrmann im Video-Interview in der DMSG Community. Film ansehen

 

Quelle: DMSG-Bundesverband, Bilder: Berufsfeuerwehr Lübeck und DMSG-Bundesverband - 11.05.2018

11.05.2018