DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

MS und die Freiheit unter Wasser

Tauchen mit Handicap? "Na klar", sagt Monika Wenninger. Die Autorin genießt die Freiheit unter Wasser, die sie vergessen lässt, mit welchen Beeinträchtigungen sie als Rollstuhlfahrerin an Land infolge von Multipler Sklerose zu kämpfen hat–mit ihrer Geschichte will sie anderen Erkrankten Mut machen, sportlich aktiv zu bleiben.

Die Diagnose MS ist ein Schock, bedeutet aber keinesfalls ein Ende der Lebensqualität. In der Serie "Mut-Mach-Geschichten" stellen wir Menschen vor, die diese Krankheit als Chance begreifen, neue Wege zu beschreiten. Die Symptome von Monika Wenninger galten aus medizinischer Sicht lange als psychosomatisch. Kein Behandlungsversuch schlug an. Die zunehmend wachsende Einschränkung ihrer Beweglichkeit war unerträglich für die begeisterte Sportlerin. In ihrem reichbebilderten Buch erklärt sie auf 140 Seiten, wie es ihr gelang, unter Wasser neuen Lebensmut zu fassen, worauf man beim ersten Tauchgang achten muss, wie man die passende Tauchschule findet und welche Ausrüstung nötig ist.

Der erste Schritt ins neue Leben als Taucherin

Jahrelang hatte Monika Wenninger auf eine Erklärung für ihre Beschwerden gewartet. Die Diagnose MS erhielt sie erst 2007 nach einem Autounfall. Die ersten Symptome hatten sich schon 2000 nach dem Tod ihres Vaters gezeigt durch Lähmungserscheinungen in den Beinen. Wenig später konnte sie sich nur noch auf Krücken bewegen. Ihre Ehe zerbrach. Zwei Jahre Psychotherapie offenbarten kein "tieferliegendes Problem". Vielmehr verschlechterte sich ihr Zustand. Sie konnte keine Treppen mehr steigen und vertrug keine Hitze mehr. Doch die damals 43-Jährige gab nicht auf, versuchte alles Mögliche, um mobil zu bleiben. Der Heimtrainer ersetzte das Fahrrad, ein Motoradgespann die Solomaschine, weil sie Angst hatte umzukippen. Dennoch wachte sie eines Tages auf und konnte ihre Beine gar nicht mehr bewegen. Ihren Traum, als Heilpraktikerin zu arbeiten, musste sie aufgeben, fing an zu schreiben und fand eine neue Liebe. Der neue Freund machte 2005 den Vorschlag, gemeinsam einen Tauchurlaub am Roten Meer zu unternehmen. Eine Initialzündung: Schon nach dem ersten Schnuppertauchen habe sie gewusst: "Das ist das Richtige für mich", erinnert sich Monika Wenninger an den ersten Schritt in ihr neues Leben als Taucherin und an das Ziel: Open Water Diver-Schein, der Lizenz zum Abtauchen.

Wie komme ich ins Wasser?

Vor dem ersten Abtauchen stand Theorie auf dem Programm. Nach absolvierter Prüfung folgten erste Übungen im Pool: 200 Meter Schwimmen. Eine große Herausforderung für die MS-Erkrankte. Die ersten Tauchversuche im Meer machten Spaß. Die Enttäuschung folgte prompt: Sie bestand den Tauchkursus nicht. Der Tauchlehrer meinte, mit ihrer Behinderung könne er es nicht verantworten, ihr das Zertifikat zu verleihen. Monika Wenninger war sauer und suchte in Deutschland eine Tauchschule, die eine Ausbildung für Menschen mit Behinderung anbietet. Der "Open Water Diver"-Einsteigerkursus dauerte bei ihr zwar länger als bei den "Mitschülern" ohne Handicap: acht Wochen. Doch im Dezember 2005 hielt sie überglücklich ihre Lizenz zum Tauchen in der Hand. Jetzt stand dem nächsten Tauchurlaub nichts mehr im Weg, berichtet sie: "Ich hatte eine schreckliche Diagnose, aber das Leben ging weiter!"

Nicht ohne meinen Buddy

Unterstützung und verlässliche Partner sind nicht nur an Land unverzichtbar. Es ist auch beim Tauchen ein ehernes Gesetz, dass kein Taucher ohne einen Buddy (amerikanisch für "Kumpel") unter Wasser geht. "Ein eingespieltes Team kann schnell ein Risiko gemeinsam ausschalten und es so vermeiden, in lebensgefährliche Situationen zu kommen", erklärt Monika Wenninger. Diese Hilfe beginne bereits vor dem Tauchgang mit der gegenseitigen Überprüfung der Ausrüstung des Tauchpartners. Die Kommunikation unter Wasser läuft per Handzeichen. In ihrem Buch warnt sie vor typischen Anfängerfehlern und rät zu Beginn immer direkt hinter dem Guide zu schwimmen und nur in Begleitung von erfahrenen Tauchern zu starten.

MS und Tauchen? Ja!

Mit über 250 Tauchgängen gilt Monika Wenninger heute als eine der erfahrensten Handicap-Taucherinnen in Deutschland. Die Schwerelosigkeit unter Wasser fasziniert sie.
"Hier ist es egal, ob ich laufen kann oder nicht. Ein Schwebezustand, den man nicht mit Worten beschreiben kann. Ich fühle mich sorgenlos und unendlich frei", beschreibt sie das Gefühl, dass sie unter Wasser erlebt.

Diese Erfahrung will sie teilen und anderen MS-Erkrankten Mut machen, auch mit Handicap ein sportlich aktives Leben zu führen. Vom ersten Tauchgang bis zur richtigen Ausrüstung mit Tauchanzug, Füßlingen, Schwimmflossen, Atemregler, Mundstück, Handschuhen und Maske: In ihrem Ratgeber liefert die Autorin auf 140 Seiten wertvolle Praxistipps und Erfahrungsberichte für Taucher mit Behinderungen, die auch für Mitarbeiter von Tauchschulen interessant sind. Mittlerweile gibt es speziell ausgebildete Handicap-Tauchlehrer. Eine Liste mit Adressen findet sich im Anhang des Buches. Darunter auch für Menschen mit Behinderungen, die selbst eine Ausbildung zum Tauchlehrer absolvieren wollen. Wenn aus medizinischer Sicht nichts gegen das Tauchen spricht, motiviert die Autorin alle MS-Erkrankten, sich nicht von praktischen Hindernissen abschrecken zu lassen.

Für Monika Wenninger bietet das Tauchen auch einen "Druckausgleich" für das Leben mit MS: "Ich bin auf einem guten Weg und mein Hobby hilft mir dabei."

Das broschierte Taschenbuch "Tauchen mit Handicap. Die Freiheit unter Wasser" von Monika Wenninger ist 2011 im BrunoMedia Verlag unter der ISBN 978-3-9814012-8-8 erschienen und kostet 14,80 Euro.

- 08.12.2011