DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Empowerment durch Abenteuer - für Gipfelstürmerin Lori Schneider bedeutet MS: "Mostly Strong"

"Lebe Deine Träume – einen Schritt nach dem anderen": Die US-Amerikanerin Lori Schneider bestieg den Gipfel des Mount Everest - trotz Multipler Sklerose. Im Interview mit dem DMSG-Bundesverband verrät sie, wie sie es schaffte über ihre eigenen Grenzen zu klettern und auf dem höchsten Berg der Erde die World MS Day-Flagge zu hissen.

Sie hat Haus und Auto verkauft und ihre über 20-jährige Karriere als Lehrerin beendet – alles für den Traum vom Gipfel der Welt. Wer die 53-Jährige zierliche Frau mit dem wachen Blick sieht, mag es kaum glauben, dass sie Multiple Sklerose hat. Mehr noch: Sie ist die erste Person mit MS, die alle "7 Summits" bestiegen hat. Das heißt, sie erklomm auf jedem Kontinent den höchsten Berg – egal ob im Blizzard in Australien oder bei Minus 30 Grad in der Antarktis. Für diesen Lebenstraum hat sie einen hohen Preis bezahlt. Bereuen tut sie nichts. Im Gegenteil. Sie sagt: "Ich würde es jederzeit wieder machen." Bremsen könne sie nur ein Hindernis: "nicht die MS, nein", lacht sie. "Mir fehlt das Geld für eine weitere Tour." Auch Abenteuer scheinen Nebenwirkungen zu haben: Sie machen süchtig.

Global Dinner Party mit Stargast

Gipfelstürmerin Lori Schneider (links)
feiert als Ehrengast bei der Global Dinner Party des DMSG-Bundesverbandes mit und berichtet von ihren Abenteuern.

Bei der Global Dinner Party in Stuttgart berichtet die agile Lori im Gespräch mit dem DMSG Bundesverband, dass sie vor ihrem Auftritt beim EMSP-Kongress etwas nervös sei. Völlig unnötig: Ihre Zuhörer sind begeistert – quer durch alle Altersgruppen. Eine Power, die Lori weitergeben will an andere Menschen mit MS. Sie reist mttlerweile als Sprecherin für MS-Erkrankte um die Welt. Zu Europa hat die US-Amerikanerin übrigens einen besonderen Bezug: Ihre Großeltern kamen aus Deutschland und der Schweiz, berichtet sie: "In meiner Jugend war ich oft in den Ferien in Bad Münder." Deutsch spreche sie allerdings nicht mehr.

Was macht eine Frau aus einem kleinen Dorf in Wisconsin auf dem höchsten Berg der Erde?

Es war mein Traum. Mein Vater hat mich mit der Wanderlust angesteckt. Gemeinsam sind wir auch schon auf den höchsten Berg Europas gestiegen. Wenn mein Vater nicht für mich gebürgt hätte, wäre mein Trip auf den Everest gar nicht möglich gewesen. Jetzt habe ich zwar 80 000 Dollar Schulden, aber ich habe mich dafür entschieden, in mich selbst zu investieren. Als Lehrerin war es mein Ziel, Kindern zu helfen. Jetzt war ich an der Reihe zu lernen - an mich zu glauben und keine Angst zu haben. So ist es auch bei der MS: Man muss positiv denken – auch bei Rückschlägen.

Welche besonderen Vorkehrungen waren nötig, um den Aufstieg als MS-Erkrankte zu schaffen?

Am 4. Januar 1999 wachte ich mit Beschwerden auf, die der Doktor nicht erklären konnte. Schlaganfall, Gehirntumor? Nachdem ich die Diagnose MS hatte, bin ich in die Sicherheit meines Elternhauses zurückgekehrt und habe lange niemandem von meiner Krankheit erzählt. Eines Morgens war die Hälfte meines Körpers taub. Panik! Im Krankenhaus machte ich um fünf Uhr nachts im Bett Sit-ups. Dem entsetzten Arzt habe ich erklärt, dass ich trainiere, weil ich auf den höchsten Berg Südamerikas steigen will. Ich wollte beweisen, dass ich immer noch stark bin. Und offenbar gehöre ich zu den Glücklichen, ich habe nur wenige bleibende Symptome in den letzten zehn Jahren entwickelt. Für mich heißt MS: "Mostly Strong". Auf dem Everest war es mein Ziel, mich selbst so gesund wie möglich zu erhalten. Dazu hatte ich Energie-Shakes, Omega 3 Öl -Kapseln und eine gesunde Portion positive Einstellung im Gepäck. Außerdem war ich nicht allein und trug ein Sauerstoffgerät, das ich Tag und Nacht in Betrieb hatte.

Woher nehmen sie diese außergewöhnliche mentale Kraft? Hatten Sie keine Angst?

Es gab viel Grund, Angst zu haben. Kälte, Atemnot und die Steilhänge. Einmal sind wir an der gefrorenen Leiche eines Bergsteigers vorbei gekommen. Schon einige der sieben Summits zuvor brachten mich an mein Limit. Als ich diese Tiefs überwunden habe, fühlte ich mich stärker im Kampf gegen meine MS sowie die anderen Berge und Hindernisse in meinem Leben.
Wenn es hart wird, habe ich ich eine mentale Strategie. Ich erteile mir selbst die Erlaubnis, nur einen weiteren Schritt zu schaffen – immer wieder. Dazu buchstabiere ich in Gedanken ermutigende Worte wie C_o_u_r_a_g_e. Auf diese Weise erscheint die vor mir liegende Aufgabe nicht mehr so überwältigend groß.

Wie reagieren die Nachbarn in Ihrer 600 Seelen-Heimatstadt Bayfield auf diese Abenteuerlust?

Die lassen sich von der Begeisterung anstecken. Als ich im letzten Jahr vom Everest zurückkehrte, hatten alle ihre Häuser geschmückt und begrüßten mich mit einer großen Parade. Die meisten fragten mich, wie es "on top of the world" ausgesehen hat. Meine Antwort war wahrscheinlich eine Enttäuschung: Ich konnte nichts sehen!

Der höchste Berg ist geschafft. Welche neuen Ziele haben Sie sich gesteckt?

Ich hoffe, jedes Jahr eine Gruppe Menschen mit MS auf den Kilimanjaro bringen zu können und Ihnen zu helfen, ebenfalls diesen Triumph über den Körper und die Krankheit zu erleben und stärker zu werden. Alle sollten lernen, ihre körperlichen Grenzen und Hindernisse zu überwinden, an sich selbst zu glauben und ihre Träume zu leben. Meine Lektion lautet: Lebe Deine Träume, sei tapfer, träume groß und glaube an das Unglaubliche.

Und wie überwinden Sie Ihre persönlichen Grenzen? Lassen Sie andere Menschen mit MS an Ihren Ideen teilhaben. Wir freuen uns über die Einsendung Ihrer Erfahrungen und Träume. Bitte mailen Sie an dmsgdmsgde

Quelle: Bilder von der Everest-Tour überlassen von Lori Schneider, www.empowermentthroughadventure.com

- 30.05.2010