DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Multiple Sklerose: Neue Ansätze für die Erforschung der progressiven Verlaufsformen

Mit Nachdruck geforscht wird nach Wegen, um in Zukunft die progressiven Formen der Multiplen Sklerose (MS) besser behandeln zu können: Der DMSG-Bundesverband berichtet in einer Serie über die Fortschritte-Teil 2 beschäftigt sich mit Ansätzen, die Progression aufzuhalten und die Remyelinisierung zu fördern.

Es ist bekannt, dass die für eine fortgeschrittene Multiple Sklerose typischen Behinderungen durch Myelinabbau und das Absterben von Axonen (Nervenfortsätzen) entstehen. Und es ist auch bekannt, dass es eine Gruppe von Zellen gibt, Oligodendrozyten genannt, deren Job es ist, die Myelinhüllen zu erhalten. Eines der Probleme bei MS ist, dass diese Zellen nicht mehr funktionieren oder sogar absterben. Wenn es gelingen würde, ihre Aktivität wiederzugewinnen und somit die Remyelinisierung zu fördern, könnte man möglicherweise die Progression aufhalten oder im Idealfall sogar umkehren. Gegenwärtig werden verschiedene Wege beschritten, die Aktivität der Oligodendrozyten zu fördern:

Anti-LINGO

Vor etwa zehn Jahren wurde ein Protein, LINGO-1 genannt, im Zentralnervensystem gefunden. Es stellte sich heraus, dass dieses die Reifung der Oligodendrozyten hemmt, die sich normalerweise aus den entsprechenden Vorläuferzellen entwickeln. Tierversuche zeigten dann, dass ein Blockieren dieses Proteins die Oligodendrozyten-Vermehrung verbesserte, was zu Remyelinisierungen in einem Tiermodell der MS führte. Derzeit befindet sich ein monoklonaler Antikörper, der "BIIB033" genannt wird und LINGO-1 angreift (also ein ‚Anti-LINGO‘), in klinischen Tests der Phase II.

 

Antihistaminika und andere kleine Moleküle, die die Oligodendrozyten stärken

Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Bestandteile aus dem Histamin-Stoffwechsel ebenfalls die Entwicklung der Oligodendrozyten-Vorläuferzellen (OPC`s) zu myelinproduzierenden reifen Oligodendrozyten hemmen. Daraus könnte man schlussfolgern, dass Antihistaminika, die zur Behandlung von Allergien eingesetzt werden, einen ähnlichen Effekt haben wie Anti-LINGO-1. Eine solche Substanz, in den Studien bezeichnet als GSK239512, ist derzeit ebenfalls in Phase II – allerdings sind die jetzigen Ergebnisse bei Tests mit RRMS-Patienten noch sehr vorläufig.

Unabhängig davon landeten Wissenschaftler an der Universität in San Francisco mit Hilfe eines breit angelegten Screening-Ansatzes zum Auffinden von Substanzen, die die Remyelinisierung durch Oligodendrozyten fördern, ihren besten Treffer bei einem frei verkäuflichen Antihistaminikum.
Andere Forschergruppen haben Programme aufgelegt, in denen Substanzen gesucht werden, die die Entwicklung von OPC`s in reife Oligodendrozyten direkt fördern, unter anderem am Scripps Research Institut in San Diego. Ein Beispiel für eine solche Substanz ist Benztropin, das bisher aus der Parkinson-Therapie bekannt ist.

Zelltherapien auf der Basis von Oligodendrozyten-Vorläuferzellen (OPC`s)
Einige Forschergruppen schauen auf die Möglichkeit einer ‚Implantierung‘ von OPC`s, um die Remyelinisierung wieder in Gang zu bringen. Das ginge evtl. durch die Gewinnung körpereigener Zellen, ihrer Anreicherung im Reagenzglas und Rückführung in den Körper – aber vielleicht auch über Stammzellen. Keine dieser Methoden hat es bisher bis zu klinischen Tests geschafft. Die Forschungsansätze sind noch sehr am Anfang. Voraussichtlich wird es noch mehrere Jahre dauern, bis mit klinischen Tests am Menschen zu rechnen ist.

Mesenchymale Stammzellen

Bei einer anderen Methode der Zelltherapie werden körpereigene mesenchymale Stammzellen verwendet, die gewöhnlich aus dem Knochenmark der Patienten entnommen und dazu gebracht werden, sich zu Oligodendrozyten weiterzuentwickeln. Verschiedene Forschergruppen haben Phase I Studien durchgeführt, die eine recht gute Sicherheit ergaben. Die Wirksamkeitsdaten allerdings, so Jeffrey Cohen, der selbst eine solche Studie geleitet hat, seien noch recht spärlich. Es gebe aber erste Hinweise darauf, dass es auch Myelin-Reparatur gibt. In den nächsten Jahren sind hier weitere Ergebnisse zu erwarten. Insgesamt ist gerade auf dem Gebiet der Zelltherapie jedoch noch sehr viel Arbeit nötig. Es müssen die Zelltypen optimiert, die Dosierungen und Manipulationen der Zellen vor der Implantierung genau überprüft werden. Und auch Langzeitwirkungen kommen immer mehr in den Fokus.

Für die primär progrediente MS (PPMS) gibt es derzeit keine zugelassenen verlaufsmodifizierenden Medikamente – hier ist man immer noch auf eine möglichst optimierte symptomatische Therapie angewiesen, die die Grunderkrankung MS selbst nicht beeinflusst, sondern lediglich die Symptome zu beherrschen versucht. Inzwischen hat sich, nicht zuletzt durch verstärkte internationale Zusammenarbeit von Klinikern und Forschern zum Thema "Progressive MS", einiges getan.

  • Wir berichteten

Der erste Teil der DMSG-Serie über PPMS thematisierte das gegenwärtig einzige für die SPMS zugelassene verlaufsmodifizierende Therapeutikum Mitoxantron: Mehr

Quelle: www.ms-uk.org
Bild: © International MS Alliance

- 23.12.2014