DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Multiple Sklerose: Welchen Einfluss hat die Darmflora?

Von Umweltfaktoren bis zu bakteriellen und viralen Infektionen: Mögliche Auslöser einer Multiplen Sklerose gibt es viele. Doch welche Rolle spielt die Darmflora? Um diese Frage zu klären, laufen derzeit einige Studien, deren Ergebnisse bei der Neurowoche 2014 thematisiert worden sind.

Schon länger gibt es Beobachtungen, die auf eine Verbindung zwischen MS und Darmflora hinweisen. Beispielsweise besteht ein gewisses zeitliches Zusammenfallen der neurologischen Erkrankung mit Verdauungsstörungen, aber auch mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Neueren Daten zufolge könnte eine intakte Darmflora die Aktivierung der autoreaktiven Immunzellen anstoßen.

Gesunde Darmflora als Initialzünder für die MS?

Im Zuge der "Verwestlichung" steigt mit der Änderung der Ernährungsgewohnheiten in den asiatischen Ländern auch die Zahl der MS-Erkrankungen. Andererseits wird von Diäten berichtet, die den Verlauf einer MS günstig beeinflussen sollen.
"Für Schulmediziner sind diese Befunde jedoch nicht sehr überzeugend", hat Prof. Dr. med. Hartmut Wekerle, Direktor des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried und Mitglied im Ärztlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V., in seinem Vortrag bei der Neurowoche 2014 in München kommentiert. Noch vor fünf Jahren hätte er die Inhalte seines Vortrages zum Thema "MS und Darmflora" als "Absurdität" zurückgewiesen, erklärte Wekerle, warum sich seine Einschätzung heute geändert hat. Die Darmflora ist seit einiger Zeit auch Bestandteil von neurologischen Studien - mit erstaunlichen Ergebnissen: "Inzwischen gibt es Daten, die eine gesunde Darmflora als Initialzünder für die MS wahrscheinlich machen", so Wekerle.

Darmflora - ein komplexes Ökosystem

Die bisher wichtigsten Daten dazu stammen aus Tierexperimenten, die in Martinsried durchgeführt wurden. Transgene sogenannte "RR-Mäuse", die auf den meisten ihrer T-Zellen einen Rezeptor für das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein aktivieren, entwickeln zu über 80 Prozent spontan eine experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis (EAE), eine demyelinisierende Autoimmunerkrankung, die der menschlichen MS ähnlich ist. "RR" steht für relapsing remitting (schubförmig).

Die RR-Mäuse bleiben jedoch gesund, wenn man sie unter keimfreien Bedingungen hält. Das liegt offenbar nicht daran, dass ihr Immunsystem wegen der fehlenden Stimulation generell nicht leistungsfähig ist. Wird nämlich auf keimfrei lebende Mäuse der Darminhalt von einer "normal" aufgewachsenen Maus übertragen, dann entwickeln auch sie in kürzester Zeit eine EAE.

MS und Darm

"Die Darmflora scheint also ein physiologischer Trigger (Schlüsselreiz) zu sein", so Wekerle. Die Darmflora ist ein höchst komplexes Ökosystem. Der menschliche Darm wird von mehr als 1000 Bakterienspezies besiedelt, jeder Mensch beherbergt mindestens 160 Arten. Welche das im individuellen Fall sind, hängt neben der genetischen Komponente vor allem von Umweltfaktoren wie Ernährung, Hygiene und Medikamenteneinnahme ab. Außerdem setzen sich die Mikroökosysteme je nach Darmsegment unterschiedlich zusammen und erfüllen auch unterschiedliche immunologische Funktionen, wie Wekerle erläuterte. Auf das Darm-assoziierte Lymphgewebe können sie zum Beispiel durch bakterielle Strukturen, aber auch durch bakterielle Abbauprodukte, wie Fettsäuren, Einfluss nehmen.

Faserreiche Diät senkte Erkrankungsrisiko

Falls die Darmflora auf diese Weise tatsächlich eine MS auslösen kann, wären gezielte Veränderungen der Darmflora möglicherweise geeignet, die Krankheit zu verhindern oder zu verzögern. Einen Hinweis darauf liefern Untersuchungen bei Mäusen, die ebenfalls spontan an einer EAE erkranken. Bei ihnen konnte durch eine faserreiche Diät die Erkrankungsrate deutlich gesenkt werden. Bei salzarmer Kost blieben sie sogar zu 100 Prozent gesund. Mehr dazu lesen Sie in Kürze auf www.dmsg.de. Auch internationale Studien haben die Wirkung von Salz näher untersucht. Mehr

Spielt die Darmflora auch bei der menschlichen MS eine Rolle? Um diese Frage zu klären, läuft derzeit eine Studie mit überwiegend eineiigen (monozygoten) Zwillingen. Untersucht wird, ob sich MS-spezifische Darmflora-Profile erkennen lassen.

Dass die intestinale Darmflora der MS-Erkranken Besonderheiten aufweisen könnte, zeigt ein bereits abgeschlossenes Experiment: Keimfrei gehaltene RR-Mäuse, auf die Stuhlproben von einem erkrankten Zwilling übertragen wurden, entwickelten laut Prof. Wekerle häufiger eine EAE als Mäuse mit einer Stuhlspende von einem gesunden Zwilling.

Weiterführende Links

  • Auf der Suche nach den Ursachen von MS: Weitere Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung. Mehr
  • Beeinflussen Darmbakterien das Risiko für Autoimmunkrankheiten wie MS? Wir berichteten

 

Quelle: Ärzte Zeitung - 19. September 2014, Bild: Fotolia

- 22.09.2014