DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Neuer Therapieansatz setzt auf Stärkung der Immuntoleranz bei Multipler Sklerose

Forscher des Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) haben einen Ansatz für ein neues Verfahren zur Frühbehandlung der Multiplen Sklerose entwickelt und in einer ersten klinischen Studie getestet–mit vielversprechenden Ergebnissen: Die einmalige Gabe veränderter weißer Blutkörperchen senkte die Reaktion der Körperabwehr deutlich, berichten Prof. Roland Martin und sein Team im Journal "Science Translational Medicine".

Bei MS wird die schützende Myelinschicht rund um die Zellen zerstört. Die Nerven haben in der Folge Schwierigkeiten bei der Weitergabe von Nachrichten. Eine entscheidende Rolle spielen Immunzellen, sogenannte T-Zellen, die sich gegen körpereigenes Gewebe richten. Derzeit zugelassene Behandlungen der MS beeinflussen das Immunsystem jedoch nur unspezifisch, d.h. sie hemmen nicht ausschließlich spezifische autoreaktive T-Zellen, sondern auch lebenswichtige, "gesunde" Anteile der Immunantwort.

Antigen-Therapie soll das Immunsystem an das eigene Körpergewebe gewöhnen

Idealerweise sollten sich Therapien jedoch nur gegen jene Immunzellen richten, welche die Erkrankung auslösen. Ziel des neuen Verfahrens war es folglich, bei MS-Patienten die Immuntoleranz in jenen T-Zellen zu aktivieren, die gegen entscheidende Zielstrukturen im Gehirn und Rückenmark gerichtet ist. Die neue Antigen-Therapie soll das Immunsystem an das eigene Körpergewebe gewöhnen. So versuchte die Studie mit neun Teilnehmern das Immunsystem dazu zu bringen, die Angriffe auf das Myelin zu unterlassen.

Weiße Blutkörperchen angereichert

Bei der neuen Behandlung entnahmen die Forscher neun Patienten weiße Blutkörperchen. Diese Zellen veränderten sie chemisch und statteten sie mit verschiedenen Myelin-Bestandteilen aus. Dann wurden die Zellen den Teilnehmern in unterschiedlicher Menge wieder injiziert – mit dem Ziel, das Immunsystem an Bestandteile von Myelin zu gewöhnen. Die Phase-1-Studie (Etablierte Toleranz bei MS – ETIMS Studie) an neun MS-Patienten sollte in erster Linie prüfen, ob das Verfahren sicher ist.

Sicherheitsbedenken traten nicht auf: "Die Therapie wurde von allen Patienten gut vertragen", sagte Prof. Roland Martin, der das Verfahren mit Dr. Andreas Lutterotti und weiteren Kollegen entwickelte. "Die Therapie stoppt bereits aktivierte Autoimmun-Reaktionen und verhindert die Aktivierung neuer Autoimmun-Zellen", erklärt der ebenfalls an der Studie beteiligte Immunologe Stephen Miller von der Northwestern University in Chicago: "Unser Ansatz lässt die Funktion des normalen Immunsystems intakt."

Erstmals konnte für dieses Verfahren im Menschen gezeigt werden, dass die spezifisch gegen Myelinantigene gerichtete Autoimmunreaktion bei Patienten mit MS reduziert wird.

Größere Studie geplant

Auf Basis der Resultate planen die Forscher nun eine größere Studie, die in der Schweiz, wo Studienleiter Martin inzwischen forscht, bereits genehmigt ist. "In der Phase-2-Studie wollen wir Patienten möglichst früh behandeln, bevor sie durch Myelinschäden Lähmungen haben", sagt Miller. Die Testung der klinischen Wirksamkeit in größeren Patientenzahlen wird jetzt am Universitätsspital Zürich in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Innsbruck vorbereitet.

Aussichtsreicher Therapieansatz

Das Verfahren soll weiterentwickelt werden und könnte möglicherweise auch gegen andere Autoimmun-Erkrankungen helfen, schreiben die Forscher in Science Translational Medicine. Allerdings muss das experimentelle Verfahren, das erstmals am Menschen erprobt wurde, in den kommenden Jahren noch in großen Studien geprüft werden. Erst in einer zweiten und dritten klinischen Phase kann getestet werden, ob das Verfahren tatsächlich wirksam ist.

Der Ansatz könnte als Meilenstein auf dem Weg zu einer personalisierten Medizin bei MS betrachtet werden. Sollte sich der Nutzen der Therapie bestätigen, gilt das Verfahren als ein vielversprechender Ansatz nicht nur in der Behandlung von verschiedenen Autoimmunerkrankungen, sondern auch in der Transplantationsmedizin und bei allergischen Erkrankungen.

Quelle: Science Translational Medicine, idw - 06. Mai 2013

- 06.06.2013