DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Rockstar mit Multiple Sklerose: "Musik ist meine Medizin"

"Let´s talk!" Mit diesen Worten hat Aaron Solowoniuk, Drummer der kanadischen Rockband Billy Talent, die Gewinner der vom Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft verlosten Backstage-Treffen zum Gespräch hinter der Bühne begrüßt: Berührungsängste?Fehlanzeige, sie alle verbindet neben der Krankheit MS die Liebe zur Musik-mehr noch: Für Aaron ist Musik ein Weg, Wut in Hoffnung zu verwandeln. Ganz ohne Starallüren motiviert der Rockstar MS-Erkrankte, an ihren Träumen festzuhalten–mit nachhaltiger Wirkung.

Billy Talent hautnah: Für die acht Gewinner und ihre acht Begleiter ist mit dem "Meet and Greet" ein Traum in Erfüllung gegangen. Besonders Drummer Aaron Solowoniuk nahm sich viel Zeit für den persönlichen Austausch mit seinen deutschen Fans, mit denen er eine große Herausforderung teilt: das Leben mit MS. Ob in Berlin, Hamburg, München oder Düsseldorf: Während der Deutschlandtournee reservierte er in jeder Stadt vor dem Konzert jeweils eine knappe Stunde für die Mitglieder der DMSG. Der am 21. November 1974 geborene Kanadier zeigte großes Interesse daran, wie junge MS-Erkrankte in Deutschland den Alltag mit der unheilbaren Krankheit bewältigen und verdeutlichte, wie er selbst gesundheitlichen Rückschlägen die Stirn bietet und woraus er Kraft schöpft. Seine Devise lautet: "Turn anger into hope", verwandele Wut in Hoffnung. Die Gewinner waren begeistert von der Offenheit des Rockstars und entdeckten viele Gemeinsamkeiten.

Billy Talent (BT) als musikalische "B"asis- "T"herapie bei MS

19.30 Uhr und die Spannung steigt in der Berliner Max-Schmeling-Halle. Aaron und die gesamte Band begrüßen die Gewinner hinter der Bühne mit einem freundschaftlichen "Let`s talk". "Wir setzten uns hin und fingen an, uns über die MS zu unterhalten", sagt Daniel Kwaschnik aus Eisenhüttenstadt: "Aaron fragte, seit wann ich MS habe und wie ich mit der Krankheit umgehe. Er erzählte, dass er bei Daimler Chrysler gearbeitet hat und Musik seine beste Medizin ist. Ich erzählte ihm von unserer Facebook-Gruppe und schenkte ihm ein T-Shirt mit dem Slogan "Die MS hat's nicht leicht mit mir!" mit Übersetzung "MS can't beat me". Das zog er gleich an und fragte mich nach einem Autogramm", freut sich Daniel, der selbst ein Lied über seine Krankheit geschrieben hat, über den Austausch von Autogrammen und Erfahrungen zum Leben mit MS.

Drumsticks zum Abschied - Online-Kontakte über den großen Teich

Als Daniel fragte, ob er seine Drumsticks nach dem Konzert haben könnte, verschwand Aaron mit einem "wait a second!" aus dem Raum, kam eine Minute später wieder zurück und brachte welche mit. Auch Gewinnerin Manuela Reith und ihr Ehemann erhielten Drumsticks als Andenken an diesen besonderen Abend. Für Manuela sind die Drumsticks ein Ansporn, selbst Gitarre spielen zu lernen. Es winkt ein gemeinsamer Auftritt mit Billy Talent. "No problem", hat Aaron ihr versprochen. "Das Konzert war der Hammer. Hut ab wie seine Bandkollegen sich für Aaron einsetzen", lobt Daniel den Zusammenhalt in der Band. "Die Jungs sind echt nett", sieht er den Inhalt seines Lieblingssongs "This Is How It Goes" bestätigt. Wer auf den Text achtet, merkt schnell, über welchen Freund mit MS der Sänger Ben Kowalewicz darin singt - die Rede ist von Aaron. Auf dem Heimweg vom Konzert holte Daniel seine original Billy Talent-Drumsticks raus und ließ es in der U-Bahn rocken. "Diesen Abend werde ich nie vergessen", hofft der 24-Jährige, dass der Kontakt zu Aaron über das Internet bestehen bleibt: "BT wie Billy Talent, das ist für mich meine neue Basistherapie."

Musik ist die beste Medizin: starkes Konzert und keine Spur von MS

Eine kuriose Situation erlebte Sabine Kammholz in Hamburg als sie in die "Heiligen Hallen" von Billy Talent geführt wurde, wo Aaron bereits auf sie wartete: Die Begegnung mit dem ebenfalls an MS erkrankten Künstler verschlug der Musik-Lehrerin die Sprache. "Meine Stimme war komplett weg. Ich war gefesselt von diesem einmaligen Moment", berichtet sie von der Begegnung mit der Band, die sie seit 2007 bewundert. Ihre Fragen habe sie sich zum Glück zuvor aufgeschrieben. Im Gespräch mit Aaron teilten die beiden Musiker ihre Erfahrungen aus. "Auch für mich ist Musik die beste Medizin", verrät die 40-Jährige Geigenspielerin. Auch sie kennt das Gefühl, bei Auftritten mit MS-Symptomen zu kämpfen: "Wenn der Körper nicht mehr so mitmacht wie man ihn bräuchte". Aaron berichtete von seiner Familie, seiner Herz-Op im Frühjahr und davon, wie er sich fühlt, wenn ein Schub anrückt und eine Tour vor der Tür steht. Erst danach habe Sabine bemerkt, was sie vergessen hatte: "Ich war so perplex, dass ich gar keine Fotos gemacht habe. Es war ein grandioses Konzert", bewundert sie Aaron, bei dem auch nach 19 gespielten Songs keine Spur von MS festzustellen sind: "Der hat draufgehauen wie bekloppt." Da sei ihr klargeworden, was Aaron zuvor mit seinem Kommentar "I am a strong drummer" (Ich bin ein starker Schlagzeuger) gemeint hatte, schmunzelt die Hamburgerin. "Die Stimmung in der rammelvollen Arena ging von der ersten Minute an voll ab", bestätigt Ralf Hertwig, der als DMSG-Gewinner auf den für Rolli-Fahrer reservierten Plätzen den besten Blick auf die Bühne auskostete.

Doppeltes Glück in München

"Einen Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird", genossen die DMSG-Gewinnerinnen Anja Friton aus Denkendorf und Andrea Kalkowski aus Ramstein beim Konzert in München. Mit Herzklopfen warteten sie gemeinsam mit ihrer Begleitung vor dem Backstage-Bereich auf das Treffen mit Jon, Ben, Ian und Aaron. Zuvor hatte Anja Friton trotz eines erneuten MS-Schubes in einem Crashkurs ihr Englisch aufpoliert. "Ich bin seit etlichen Jahren begeisterter Billy Talent Fan. Der Anruf, dass ich das Meet and Greet gewonnen habe, versetzte mich in helle Aufregung", berichtet sie dem DMSG-Bundesverband, dass ihre Erwartungen noch übertroffen wurden:

"Aaron war sehr aufmerksam und zugewandt und erzählte wie er sich bei der Tour körperlich und geistig fit hält. Stress mache er sich nicht, sondern lasse jeden Tag auf sich zukommen, bei Bedarf ziehe er sich auch mal zurück. Großen Halt finde er bei seiner Familie und den Jungs von der Band. Das sei der Grund, warum er seit Jahren keinen Schub mehr gehabt habe, habe ihr Aaron anvertraut. Der Abend bot Anja Friton eine weitere Überraschung: ein Wiedersehen mit Laura S., die sie vor 18 Jahren in Stuttgart als Schülerin in ihrer Kindertageseinrichtung betreute. "Ich hatte also doppeltes Glück und eine unvergessliche Zeit", freut sich die Schwäbin.

"Weltklasse"-Konzert und Interview mit der DMSG in Düsseldorf

Menschenmassen drängen sich vor der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf. Alle haben nur ein Ziel – das Konzert von Billy Talent. Darunter auch Marion Kremerius und ihre Tochter Catherine sowie Ute Sprengepiel und ihr Lebensgefährte: "Wir sind die glücklichen Gewinner eines der persönlichen Treffen, die von der Band netterweise an den Bundesverband der DMSG zur Verlosung bereitgestellt wurde. Auch dafür hat es sich mal wieder gelohnt, auf die Seiten des Bundesverbandes zu gucken.

Meine Freude war riesengroß und mit dem Partnerticket konnte ich mich auch bei meiner Tochter bedanken für ihre Unterstützung", berichtet Marion Kremerius vom freundlichen Empfang durch die Band und "einer Menge Zeit, um mit Aaron über MS, seine wohltätigen Organisationen, wie F.U.M.S. ("F**k You Multiple Sclerosis") und sein Leben als Rockmusiker zu sprechen. Die Unterhaltung habe bei ihr Hoffnung geweckt, betont die 56-Jährige: "Tja, und das Konzert selber war natürlich Weltklasse. Alles in allem kann man sagen, dass der Abend auf jeden Fall unvergesslich in Erinnerung bleiben wird. Aaron hat sich mit allen Fragen eingehend beschäftigt und die Verzweiflung, Wut und Trauer, nachdem er von seiner Erkrankung erfahren hat, aber auch den Mut und den Kampfgeist, den man braucht, um weiterzumachen, deutlich gemacht. Das Wichtigste ist, sich nicht hängen zu lassen und auch mal F.U.M.S. zu sagen."

"Das Konzert war einfach genial": Für Ute Sprengepiel hat sich mit dem Gewinn des Meet and Greet mit Billy Talent in Düsseldorf ein Geburtstagswunsch erfüllt: Sie lernte die Mitglieder ihrer Lieblingsband persönlich kennen. Entsprechend aufgeregt war sie beim Händeschütteln hinter der Bühne. "Es hat mich sehr beeindruckt, wie gelassen und aufgeschlossen sich Aaron in einer Runde mit uns zusammengesetzt hat", freute sie sich über den angeregten Austausch über das Leben mit MS – ganz ohne Hektik, obwohl sein Auftritt kurz bevor stand. Weiteres Highlight: So weit vorne habe sie wegen ihrer MS noch nie stehen können bei einem Rock-Konzert. "Diesen Abend werde ich für immer in Erinnerung behalten", bedankt sie sich bei der DMSG, die ihr dieses Erlebnis ermöglicht hat.

Aaron: "MS - zwei Buchstaben, die meine Welt auf den Kopf stellten"

Billy Talent ist ein eingeschworenes Team, das seit 20 Jahren gemeinsam Musik macht. Drummer Aaron jobbte bis zum Alter von 23 Jahren als Arbeiter bei Daimler Chrysler und machte nebenher mit seiner Rockband Musik – dann kam die Diagnose MS. "Zwei Buchstaben, die meine ganze Welt auf den Kopf stellten", informierte er im März 2006 seine Fans in einem persönlichen Brief über seine Erkrankung. Mit diesem offenen Umgang auch auf seiner Internetseite:www.someonlikeme.ca. will er allen Menschen mit MS Mut machen. Er macht kein Geheimnis aus seiner unheilbaren Krankheit, findet Halt in seiner Musik und in einer Band, die wie eine zweite Familie für die vier Bandmitglieder ist. Seit Jahren engagiert sich Aaron verstärkt für M.S. Organisationen, organisiert Benefiz-Konzerte, ist die treibende Kraft im Scholarship Fund der M.S. Society of Canada, die jungen MS-Erkrankten Stipendien ermöglicht und mit der er auch das MS Summer Camp ins Leben rief, an dem dieses Jahr in Zusammenarbeit mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft die zweite deutsche Jugendliche mit MS teilnehmen konnte. Mehr

In Düsseldorf nahm sich Aaron zusätzlich Zeit für ein Interview mit dem DMSG-Bundesverband
- ein Plädoyer für Familie, Freundschaft, gesunde Ernährung und grenzüberschreitendes gemeinsames Engagement im Kampf gegen Multiple Sklerose.

DMSG: Dein Nachname Solowoniuk hört sich europäisch an, woran liegt das?

Aaron: Mein Name ist tatsächlich polnischen Ursprungs. Meine Vorfahren stammen von dort.

DMSG: Woher nimmst Du die Kraft, um eine Tournee wie diese durchzustehen? Treibst Du zum Beispiel Sport, um mit dem Stress besser umgehen zu können?

Aaron: Sport? Ich habe eine neunjährige Tochter, die mich auf Trab hält und ich esse gut (er grinst). Im Ernst, es ist weniger ein Job, mehr ein Hobby, das mir sehr viel Spaß bereitet. Deshalb verbinde ich die Tournee nicht wirklich mit Stress. Sobald wir die Bühne betreten und uns die Fanmassen zujubeln, pusht uns das zusätzlich und man blendet alles andere aus.

DMSG: Du hast die Organisation F.U.M.S. (Fuck You Multiple Sclerosis) ins Leben gerufen. Ist es in Kanada üblich, einer Stiftung einen solchen Namen zu geben?

Aaron: Wir kommunizieren nicht den kompletten Namen, sondern beschränken uns lediglich auf die Abkürzung F.U.M.S., aber jeder weiß, was sich dahinter verbirgt, nämlich Hoffnung.

DMSG: Wie entsteht bei Euch ein neuer Song und wer schreibt diesen?

Aaron: Wir sitzen oft zusammen und spielen Gitarre o.ä. Dabei entsteht dann eine Melodie, zu der dann meistens Ben (Sänger) oder Ian (Gitarrist und Background-Sänger) einen Text schreiben.

DMSG: Welcher Song bedeutet Dir am meisten?

Aaron: Natürlich der allererste Song von unserer ersten Platte "this is how it goes", den Ben für mich geschrieben hat und mit dem wir jedes Konzert eröffnen. Darin singt Ben von einem Freund, der plötzlich erfährt, dass er Multiple Sklerose (MS) hat und für den eine Welt zusammenbricht.

DMSG: Gestern seid Ihr zu Gast bei Stefan Raab in TV Total gewesen. Wie habt Ihr diesen Auftritt empfunden?

Aaron: Wir durften die zweite Single-Auskopplung aus unserem Album "Dead Silence", "Surprise Surprise", präsentieren. Der Auftritt war gut und Stefan Raab ist witzig. Wir hatten eine Menge Spaß.

DMSG: Möchtest Du jungen Menschen mit MS noch etwas mit auf den Weg geben?

Aaron: Auf jeden Fall. Geht achtsam mit Eurem Körper und Geist um. Dazu zählt auch, sich aktiv zu bewegen und gesund zu ernähren. Zudem ist die Unterstützung von Familie und Freunden sehr hilfreich.

 

"Dead Silence" ist das vierte Album von Billy Talent und der Nachfolger zu "Billy Talent III" von 2009.

 

Quelle: Bilder privat

- 09.11.2012