DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

"Das ist ein Traum, oder?" Manuela Wirth bewies in der "Supertalent"-Show, welche Ziele erreicht werden können–trotz MS

"Wenn Du singst, ist da kein Rollstuhl, keine Grenze: Du bist wirklich ein Vorbild", lautete ein Jury-Urteil für eine starke Frau mit MS, die vor einem Millionenpublikum aufgetreten ist mit dem Ziel, Deutschlands neues "Supertalent" zu werden-woraus Manuela Wirth die Kraft dazu schöpft, "sich einfach mal zu trauen", berichtet sie in der aktuellen Mutmachgeschichte. (aktualisiert)

Die Diagnose Multiple Sklerose ist ein Schock, bedeutet aber keinesfalls ein Ende der Lebensqualität. In der Serie "Mutmachgeschichten" stellen wir Menschen vor, die diese Krankheit als Chance begreifen, neue Wege zu beschreiten. Manuela Wirth hat in der RTL-Show "Das Supertalent 2010" mit ihrem Gesang, aber auch mit ihrer positiven Ausstrahlung, viele Millionen Fernsehzuschauer begeistert und konnte sich im Teilnehmerfeld von 40.700 Kandidaten als eine von 40 Favoriten an der Spitze qualifizieren.
Wir berichteten

"Es wäre einfach für dich, Zuhause zu bleiben, aber du kämpfst und hast vielen Leuten unheimlich viel Kraft gegeben": Dieses Lob aus dem Mund von "Poptitan" Dieter Bohlen, davon hätte die Hobby- Sängerin aus Hohenahr-Hohensolms (Hessen) noch vor wenigen Monaten nicht zu träumen gewagt. Aller Anfang ist schwer, erinnert sie sich im Gespräch mit dem DMSG-Bundesverband an "die skeptischen Blicke als ich im Rollstuhl auf die Bühne kam". Doch schon nach den ersten Takten brandete der Applaus auf. "Das gibt enorme Power", verät sie.
Das Publikum der RTL-Castingshow sei sehr fair, sehe nicht nur den Rollstuhl, sondern achte darauf, was die Kandidaten können. Manuela will glaubwürdig bleiben und mit ihrem Talent, dem Gesang, überzeugen – einen Mitleidsbonus lehnt sie ab. Obwohl ihr bewusst ist, dass ihre Behinderung immer wieder thematisiert wird. Umso erfreuter war sie über das Ergebnis einer Umfrage von RTL, bei der Passanten nur ihr Gesang vorgespielt wurde – ohne Bild, ohne Rollstuhl. Das Urteil der Zuhörer: "Das hört sich nach Charts an."

Musik bedeutet der 43-Jährigen "alles". Sie begann mit einer Schülerband und singt bis heute in verschiedenen Formationen mit befreundeten Musikern in diversen Musikrichtungen. "Von Abba bis Zappa", benennt Manuela ihr Repertoire. Für die dreifache Mutter biete die Musik auch einen Weg, sich von Sorgen "frei zu singen".

MS und jetzt?

Ausgebremst wurde Manuela im Alter von 35 Jahren durch die Diagnose MS. Ein Schock für sie und ihre damals zwei Kinder. "Nichts ist so, wie es mal war", berichtet sie aus der wohl schwersten Zeit in ihrem Leben. Der Diagnose vorausgegangen war eine lange Zeit der Beschwerden und der Ungewissheit. "Ich bin mit den Beinen am Boden kleben geblieben", beschreibt sie die ersten deutlichen Anzeichen der Krankheit. Ihr Hausarzt habe die Symptome auf den Stress als Alleinerziehende geschoben. Eigene Recherchen wiesen immer wieder auf MS hin. Ein Besuch in der Klinik für Diagnostik brachte die Gewissheit. Wenig später war sie auf einen Rollstuhl angewiesen, kann heute nur noch kurze Strecken "etwa 50 Meter" zu Fuß und am Gehstock bewältigen und musste nach 15 Jahren ihren Beruf als Verkäuferin aufgeben. Resignieren kam für Manuela jedoch nie infrage. Ihre positive Einstellung zum Leben wurde vor fünf Jahren mit der Geburt ihres dritten Kindes, Lenny, belohnt. Eine bewusste Entscheidung, auch wenn die Kinder sie sehr fordern. Wenn am Mittag die Müdigkeit kommt, nimmt sie sich eine kurze Auszeit. Die Familie ist ein eingespieltes Team und steht geschlossen hinter ihr.

Freunde und Familie drückten im Publikum die Daumen. Sogar ihr Sohn Joshi, als Punk sonst kein Fan von Casting-Shows, freut sich über den Erfolg seiner Mutter. "Definitiv positiv", bringt der 17-Jährige sein Fazit auf den Punkt. In der Schule wurden er und seine Schwester Vanessa (19) oft auf den Auftritt ihrer Mutter angespochen. Alle fieberten mit und versprachen, für Manuela zu voten.


Manuela: "Die Krankheit muss mit mir leben und ich werde es ihr nicht leicht machen"

Die Show hat Manuela Wirth bekannt gemacht. Sie wird zu Autogrammstunden eingeladen, um Interviews gebeten und immer wieder gefragt, wie sie das alles schaffe. Ganz klar: Von den zwei Worten "Multipe Sklerose" lässt die ehemalige Leichtathletin nicht ihr Leben bestimmen. "Die Krankheit hindert mich an vielem – nicht", verdeutlicht sie.
Die 43-Jährige bleibt mobil, fährt Sohn Lenny mit dem Rollstuhl in den Kindergarten. Ihr Auto bedient sie per Lenkradschaltung. Sich Zuhause unter der Käseglocke zu verkriechen, das wäre nichts für die agile Familienmanagerin. Von der MS will sich die Frührentnerin nicht unterkriegen lassen. "Die Krankheit muss mit mir leben und ich werde es ihr nicht leicht machen", betont Manuela.

Das Casting: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Mit ihrer Teilnahme bei "Das Supertalent" erfüllte sich die Hessin einen großen Traum. Eine gute Freundin überredete sie zu der Bewerbung. Sie selbst habe sich gesagt: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Das Casting verlief erfolgreich, der Auftritt ebenfalls. Moralische Unterstützung bekam sie von Tochter Vanessa, die sie begleitete und "unglaublich stolz" auf ihre Mutter ist. Mit ihrer Darbietung rührte die 43-Jährige nicht nur Juror Bruce Darnell zu Tränen: "Ich wollte nicht weinen, aber das war wirklich bewegend", lobte er den eigenen Stil von Manuela´s Interpretation des Natasha Bedingfield Songs "Soulmate". Auch Jurorin Sylvie van der Vaart gab ihr das Ticket ins Halbfinale. Ein großer Moment, aus dem Manuela viel Kraft geschöpft habe -obwohl Dieter Bohlen ihr seine Stimme verweigerte.

Manuela hatte sich schon fast damit abgefunden, nicht weitergekommen zu sein, als es plötzlich mittags an ihrer Haustür klopfte. "Ich will zu Manuela", hörte sie eine bekannte Stimme. Als Jury-Mitglied Bruce Darnell ihr Wohnzimmer betrat, konnte sie es nicht glauben. Erst recht nicht als der Juror verkündete: "Mein Schatz, du bist im Halbfinale." Als Grund für die zweite Chance nannte er die riesige Resonanz beim Publikum. Sie sei total perplex gewesen, berichtet Manuela von dem unverhofften "Überfall". Bruce sei genauso herzlich wie im Fernsehen, betont sie: "Der ist so groß und schlank und lieb." Ihr kleiner Sohn hat große Augen gemacht als der Zwei-Meter- Mann nach seinem angebissenen Brötchen griff und es verspeiste. Der Fernsehtrubel beeindruckte Lenny sonst wenig – zumal die Szene mehrfach wiederholt werden musste. Insgesamt neun Stunden drehte das RTL-Kamerateam im Wohnzimmer der Familie Wirth, der gesendete Beitrag dauerte nur wenige Minuten. Für den Fünfjährigen zählt nur das Ergebnis: "Ich freue mich so, wenn Mama nochmal im Fernsehern singt."

Hinter den Kulissen: Migräne und Tipps vom Vocalcoach

Seit die schwarze Limousine mit dem prominenten Gast aus dem kleinen Dorf verschwand, liefen die Vorbereitungen für das Halbfinale auf Hochtouren. Manuela war am 11. Dezember wieder live im Fernsehen zu sehen – mit neuer Frisur und "nicht im Glitzerfummel", scherzt sie. Im Gegenteil: Sogar Model-Profi Bruce lobte ihr Outfit als "schlicht und elegant".
In vier Shows kämpften die letzten 40 Bewerber um den Einzug ins Finale. Kontakt zu anderen "Supertalent"-Kandidaten sei kaum möglich gewesen, bedauert Manuela. "Vor dem Auftritt im Staatstheater Wiesbaden mussten wir im Aufenthaltsbereich bleiben. Schade, ich hätte gerne gesehen, was die anderen auf der Bühne präsentieren." Auch zu einem persönlichen Gespräch mit Produzent und Jurymitglied Dieter Bohlen sei es nicht gekommen. Schon am Mittwoch vor dem Halbfinale waren alle ausgewählten Bewerber um den Titel "Supertalent 2010" in Köln in einem Hotel untergebracht worden. Manuela kurierte eine Erkältung aus, litt drei Tage lang unter Migräne und trainierte dennoch unermüdlich mit einem Vocalcoach ihre Stimme. Sie vertraue auf das Urteil des Profis, der auch schon die Teilnehmer der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" betreut habe. Der Coach habe ihr geraten, erneut eine Ballade zu präsentieren. Drei standen zur Auswahl. Welche genau sie gewählt hat, durfte vor dem großen Auftritt nicht verraten werden. Alle Halbfinalisten unterzeichneten mit Sony entsprechende Verträge.

Der Auftritt, ein "Wahnsinnsmoment", mit nachhaltiger Wirkung

Auf der Bühne habe sie alles um sich herum vergessen, badete im Lichtermeer der Leuchtstäbe im Publikum als zum Chorus der Beifall aufbrandete. "Ein Wahnsinnsmoment", schwärmt Manuela von dieser einmaligen Erfahrung. Ihre treue Begleiterin, Tochter Vanessa, bestätigte die Bedeutung dieses bewegenden Augenblicks im Leben ihrer Mutter.
Dass es am Ende nicht für das Finale gereicht hat, sei zweitrangig. "Dass ich überhaupt teilgenommen habe, war schon etwas ganz Besonderes." Für Manuela ist es ein "Megaerfolg", es unter die letzten 40 geschafft zu haben, fragt sie: "Das ist ein Traum, oder?" Niemals hätte sie damit gerechnet, auf so einer großen Bühne zu stehen und von einem der größten Musik-Produzenten Deutschlands für ihre brillante Stimme gelobt zu werden. Die 100 000 Euro- Siegpränie hätte sie gut gebrauchen können - sie würde gerne den Anbau renovieren, damit ihre Mutter, Elke Pirr, zu ihr ziehen kann. Doch Manuela bleibt der Musik verbunden. Der nächste Auftritt ist schon geplant: Silvester will sie live mit Band in der Kongresshalle Gießen die Korken knallen lassen. Und auch Michael Holderbusch, der Mann mit der unverkennbaren Joe Cocker-Stimme, der sie hinter den Kulissen fürsorglich mit Capucchino versorgt habe, machte ihr ein verlockendes Angebot für die Zeit nach der Casting-Show: ein gemeinsames Duett. Ein Regisseur sei nach ihrem Auftritt ebenfalls auf sie zugekommen und forderte sie auf, Material an verschiedene Produzenten zu schicken. Chancen, die es wahrzunehmen gilt. "Aber ich mache mich nicht verrückt", will Manuela die Möglichkeiten durch den plötzlichen Ruhm nutzen, ohne die Bodenhaftung zu verlieren.

Mut, der bewegt und das mediale Interesse für MS weckt

Was sie mitnimmt aus der Teilnahme an der "Supertalent"-Show? Das gute Gefühl, "sich einfach mal getraut zu haben" sowie jede Menge Power und neue Erfahrungen, sagt Manuela. "Es war sehr interessant mitzukriegen, wie es hinter den Kulissen läuft", berichtet sie von "Airbrush" für das Gesicht in der Maske und den tollen Klamotten, die ihr die Garderobiere zum Schluss sogar geschenkt habe. Mittlerweile besuchte sie schon das vierte Fernsehteam Zuhause. Auch im "Extra"- Magazin mit Birgit Schrowange hat sie das Thema MS in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Ebenso wie in zahlreichen Zeitungsberichten berichtete Manuela, dass MS eben nicht mit Pflegebedürftigkeit gleichzusetzen ist, sondern viele Ausprägungen zeige. Auch sie benötige den Rollstuhl innerhalb ihrer vier Wände zumeist nicht.
Mut, der bewegt – "Du hast so viel geschafft und bist wirklich ein Vorbild", betonte Jury-Mitglied Sylvie van der Vaart. Auch die Reaktionen des Publikums und anderer Menschen mit MS, besonders deren Zuschriften in sozialen Netzwerken, wie auf der Facebook-Plattform des DMSG-Bundesverbandes, haben ihr viel Aufwind gegeben. Diese Anteilname bedeute ihr viel, erklärt Manuela:

"Ich möchte allen Menschen, die ein Handicap haben, Mut zusprechen nicht aufzugeben. Ich habe das große Glück, eine tolle Familie als Rückhalt zu haben, die an mich glaubt und mich bei all meinen Vorhaben unterstützt."

Jeder müsse seinen eigenen Weg finden, seine Träume zu verwirklichen – trotz MS. "Ich bin gespannt, was noch so alles auf mich wartet", bedankt sie sich bei den vielen Menschen, die für sie angerufen haben. Tränen kullerten im Halbfinale keine mehr. Bereitgestellte Taschentücher wurden nicht gebraucht. Stattdessen kam ein alter Bekannter zu ihr auf die Bühne und küsste sie: "Ich mag Dich wahnsinnig sehr", so Bruce Darnell. Der US-Amerikaner erklärte, wie froh er über die Ehre sei, als Glücksbote an Manuelas Tür geklopft zu haben und betonte: "Manchmal bekommt man eine zweite Chance."

Quelle: Für die Bilder liegt das Copyright bei RTL und Manuela Wirth

- 22.12.2010