DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

AAN 2012: Forschung, um kognitive Funktionen bei Multipler Sklerose zu reaktivieren

Wie zerstört Multiple Sklerose das Nervensystem und was kann helfen, kognitive Fähigkeiten wiederherzustellen? Beim 64. Jahrestreffen der AAN (American Academy of Neurology) haben 12000 Neurologen und Wissenschaftler neue Ergebnisse zu MS-Therapien, Risikofaktoren, Krankheitsmechanismen und Rehabilitation vorgestellt-im zweiten Teil der AAN-Serie des DMSG-Bundesverbandes erfahren Sie mehr über Reparaturvorgänge im Nervensystem und Strategien zur besseren Verfolgung von Krankheitsaktivität und–progression.

Beim internationalen Treffen der MS-Experten in New Orleans wurden mehr als 500 Vorträge und Poster zum Thema MS präsentiert. Der DMSG-Bundesverband stellt einige Schwerpunkte in einer Serie vor. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Thema:

Forschung zur Wiederherstellung verlorengegangener Funktionen

Das Verständnis dafür, wie Multiple Sklerose das Nervensystem zerstört und wie die Symptome dieser Erkrankung das tägliche Leben beeinflussen, können dazu beitragen, die Notwendigkeit und den Nutzen einer Vielzahl rehabilitatorischer Maßnahmen und physiotherapeutischer Übungen zur Erhaltung und Wiederherstellung von Funktionen bei MS-Erkrankten zu belegen.

Kognitive Rehabilitation – Letizia Panicari von der San Raffaele Universität in Mailand, Italien und ihr Team nutzten die ‘funktionelle’ MRT-Technik – die Bilder von Veränderungen der Hirnaktivität ermöglicht – um 10 MS-Erkrankte, die ein computergestütztes kognitives Rehabilitationsprogramm absolviert hatten mit 10 weiteren zu vergleichen, die dieses Programm nicht durchliefen. Nach 12 Wochen zeigte die Behandlungsgruppe in den getesteten Funktionen (Aufmerksamkeit/Informationsverarbeitung) Verbesserungen, wohingegen sich diese Aktivitäten in der Kontrollgruppe verringerten (Abstract S51.003).

Der Einfluss von MS auf den Geschmackssinn – Dr. Corey McGraw und ihre Kollegen von der Mount Sinai School of Medicine, New York, beschrieben eine Reihe von Fallschilderungen von MS-Patienten, deren Geschmackssinn durch die Erkrankung beeinträchtigt war. Dieses Phänomen wird auch Dysgeusie genannt. Die Arbeitsgruppe wurde von einem prominenten Lebensmittel- und Weinkritiker auf diese Problematik aufmerksam gemacht. Bei ihm hatte sich sich auf der linken Seite seiner Zunge eine Abnahme des Geschmackssinns entwickelt. In allen der beschriebenen sieben Fälle zeigte das MRT Läsionen in einem kleinen Bereich des Hirnstammes (der Rückseite des Gehirns). Glücklicherweise konnte die Geschmacksfunktion innerhalb von 2 Wochen bis 3 Monaten zurückgewonnen werden. In einigen Fällen war dieses Symptom der erste Hinweis auf eine MS. Da Hirnstammläsionen mit einer schwerwiegenderen Krankheitsaktivität in Verbindung gebracht werden können, könnte der oben genannte Zusammenhang ein wichtiger Hinweis für MS-Patienten und das behandelnde Fachpersonal sein, der aufgegriffen werden sollte (Abstract P06.178).

Diverse Podiums- und Posterpräsentationen beschäftigten sich mit Reparaturvorgängen im Nervensystem, mit Strategien zur besseren Verfolgung von Krankheitsaktivität und –progression und dem Phänomen der Chronisch Cerebrospinalen Vaskulären Insuffizienz (CCSVI) bei Multipler Sklerose.

Ultraschall-Studie: CCSVI – Dr. Andrew Barret, Dr. Jerry Wolinsky und ihre Kollegen von der Universität Texas in Houston berichteten über vorläufige Ergebnisse einer CCSVI-Studie. Das Team führte Ultraschall-Untersuchungen durch um in einer verblindeten Weise den venösen Abfluss bei 206 Patienten mit unterschiedlichen MS-Typen und 70 Vergleichspersonen, die gesund waren oder andere Erkrankungen hatten zu untersuchen. Als vorläufiges Ergebnis berichteten sie, dass auf 3,88% der MS-Erkrankten mindestens zwei CCSVI-Kriterien zutrafen – im Gegensatz zu 7,14% der Probanden, die keine MS hatten. Dieser Unterschied ist nicht statistisch signifikant. Das Auftreten von CCSVI ist nach den von dieser Arbeitsgruppe verwendeten streng angelegten Techniken geringer als bisher von anderen Gruppen berichtet wurde (Abstract S10.005).

Pathologie-Studie: CCSVI – In einer Posterpräsentation aus einer noch andauernden Studie präsentierten Claudiu Diaconu, Dr. Robert Fox und ihre Kollegen von der Cleveland Clinic, Ohio vorläufige Ergebnisse von Venenstrukturen bei Autopsien von 10 Patienten, die zu Lebzeiten an MS erkrankt waren und 10, die nicht an MS erkrankt waren. In dieser nicht verblindeten Studie identifizierten die Wissenschaftler sowohl Anormalitäten im Innenraum der Venen, die das Blut aus dem Gehirn ableiten als auch eine Vielzahl struktureller Anormalitäten und anatomischer Variationen in beiden Gruppen. Sie berichteten von 9 Anormalitäten bei 6 von 10 MS-Erkrankten und 5 Anormalitäten bei 4 von 10 Kontrollpersonen. Die Untersucher merkten an, dass Ultraschall–Studien zu CCSVI Evaluationen von Anormalitäten in den Veneninnenräumen einschließen sollten (Abstract P05.125).

BIIB033 (anti-LINGO-1) – Bei Mäusen erhöht eine Blockierung des Moleküls LINGO-1, das eine Rolle im Nervensystem spielt, Reparaturvorgänge für Myelin. Der logische nächste Schritt war, die Sicherheit der blockierenden Substanz beim Menschen zu untersuchen. In einem ersten Ansatz dazu wendete eine Arbeitsgruppe Testdosierungen von BIIB033, einem Immunantikörper, der LINGO-1 hemmt, bei 64 gesunden erwachsene Freiwilligen und 42 Patienten mit schubförmiger oder sekundär progredienter MS an. Dabei gab es keine ernsthaften Nebenwirkungen, am häufigsten wurde über Kopfschmerzen berichtet. Die Autoren schließen aus den Ergebnissen, dass diese Strategie zur Myelin-Reparatur in einer Phase II Studie weiter untersucht werden sollte (Abstract P02.021).

Verfolgen der MS-Progression mittels Smartphone – Dr. Sashank Prasad vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und sein Team präsentierte eine neue Serie von Studien die untersuchen will, ob Smartphones wirklich das Voranschreiten einer MS beobachten können. Dazu wurde ein Konsortium aus Klinikern und Wissenschaftlern gebildet, die Erfahrung in MS, kognitiver Psychologie, Computerwissenschaft und –technik sowie Ethik hatten. Ziel war, eine Smartphone Technologie zu entwickeln, die klinische Veränderungen bei der MS verfolgt. Das Konsortium hat 21 Gebrauchsanwendungen für die Android Smartphone Plattform entwickelt, einschließlich MS-bezogener Fragebögen und spezifischer Tests zu Sehvermögen und Kognition. Jeder ist in 10 Minuten oder weniger zu lösen. Es wurden 50 MS-Erkrankte und 50 Kontrollpersonen in eine Phase I Studie einbezogen um die Effektivität dieser Methode zur Verfolgung der Krankheitsprogression bei MS zu überprüfen. Diese Art der Untersuchungen zielt auf Outcome-Messungen, die MS und das Fortschreiten der Erkrankung noch genauer verfolgen können, insbesondere zur Verwendung in klinischen Studien (Abstract P01.144).

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Beim Treffen der AAN wurden in vielen Fällen erste vorläufige Studienergebnisse präsentiert. Diese müssen noch weiter ausgewertet, in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und durch weitere Studien bestätigt werden, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Ergebnisse zu erhöhen.

Weiterführende Links

  • Der erste Teil der Serie zur AAN thematisierte "Forschungen, um den Verlauf der MS zu stoppen". Mehr
  • Kurzzusammenfassungen finden Sie auch auf der Website der American Academy of Neurology. Mehr

 


Quelle: Research News NMSS, USA, 16. Mai 2012

- 06.06.2012