DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Risikofaktoren für Multiple Sklerose erkennen

Die Suche nach möglichen Faktoren, die zu Multiple Sklerose beitragen können, geht weltweit weiter. Im Verdacht stehen spezifische Gene, Infektionen und Lifestyle-Faktoren wie Rauchen und Übergewicht: Im fünften Teil der Serie über ECTRIMS 2013 berichtet der DMSG-Bundesverband im Themenbereich "MS für immer beenden” über den Stand der Forschung zu MS-Risiken.

Ob Viren, Gene, Ernährung oder Umwelteinflüsse: Keiner von diesen Faktoren ist alleiniger Verursacher der Erkrankung. Es ist auch klar, dass nicht jeder Mensch, der diese Autoimmunkrankheit hat, diesen Faktoren ausgesetzt war und dass nicht jeder, der diesen Faktoren ausgesetzt war oder ist, MS bekommt. Umso wichtiger ist es, das Wissen über mögliche Risikofaktoren zu erweitern, mit dem Ziel, eines Tages herauszufinden, was die MS verursacht. Diese Einschätzung belegten zahlreiche Präsentationen und Diskussionen auf der diesjährigen ECTRIMS (European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) in Kopenhagen, Dänemark, an der sich fast 8000 Teilnehmer aus aller Welt beteiligten. Der DMSG-Bundesverband berichtet in einer Serie über die interessantesten Ergebnisse aus den mehr als 1000 Präsentationen.

Die Gene als MS-Risiko

Dr. Nikolaos Patsopoulos aus Harvard erhielt einen ECTRIMS "Young Investigator award” (Preis für junge Forscher) für eine mündliche Präsentation zu einer Studie des ‚International MS Genetics Consortium‘ (Internationaler Zusammenschluss von Forschern, die sich mit den genetischen Grundlagen der MS auseinandersetzen). Die Studie kartiert häufige Genvariationen, die mit der Empfänglichkeit für MS in Verbindung gebracht werden. Viele davon sind an Funktionen des Immunsystems beteiligt. Diese Ergebnisse verbessern nicht unbedingt die Möglichkeiten einer genetischen Beratung für individuelle Personen, fügen aber neues Wissen über die komplizierten biologischen Abläufe bei der Entstehung der MS hinzu. (Abstract 90).

Zwillinge und Gene

Dr. Helga Westerlind vom Karolinska Institut in Stockholm berichtete über eine Studie, die ihre Informationen aus MS-Registern in Schweden entnahm – eines davon geht bis in die 1800’er zurück. Es wurde darauf geschaut, inwieweit das Auftreten der MS bei einem Familienmitglied das eigene Risiko für die Erkrankung erhöht. Die Forscher konzentrierten sich dabei auf eineiige und zweieiige Zwillinge. Ein Vergleich der Risiken in diesen zwei Gruppen ist besonders interessant, da eineiige Zwillinge die gleichen Gene haben, zweieiige dagegen nicht. Im Ergebnis stellte sich heraus, dass das Risiko für einen eineiigen Zwilling, MS zu bekommen, wenn der andere die Erkrankung bereits hat, geringer ist als in früheren Studien dargestellt. Allerdings ist das Risiko immer noch viel höher als bei zweieiigen Zwillingen. Diese Studie deutet an, dass die Rolle der Gene komplizierter sein kann als bisher angenommen. (Abstract 57)

Wechselwirkungen von Risiken

Das noch unvollständige Bild zahlreicher Risikogene ruft auch Fragen nach ihren Wechselwirkungen mit der Umwelt einer Person und ihrem Lifestyle hervor. Dr. A.B. Oturai und seine Kollegen von der Universität Kopenhagen schauten auf eine Gruppe möglicher Risikofaktoren einschließlich bekannter MS-Empfänglichkeits-Gene, Übergewicht im frühen Erwachsenenalter, eine Erkrankung an Pfeiffer`schem Drüsenfieber (Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus) und hoher Alkoholgenuss im Teenageralter. Sie fanden, dass jeder dieser Faktoren zu einem niedrigeren Alter beitrug, in dem MS festgestellt wurde. (Abstract 120)

Eine ähnliche Studie wies darauf hin, dass eine Vermeidung von Übergewicht im Teenageralter bei entsprechend vorliegenden MS-Empfänglichkeits-Genen das Risiko verringern konnte. (Abstract 134)

Rauchen

In einer großen Bevölkerungsstudie bestätigten Dr. A.K. Hedström und sein Team vom Karolinska Institut in Stockholm, dass das Rauchen von Zigaretten das Risiko, MS zu entwickeln, in jedem Alter erhöhte – und das Risiko stieg noch mit der Menge der gerauchten Zigaretten an. Sie fanden auch, dass das Aufhören das Risiko innerhalb von 10 Jahren komplett auf das ‘normale’ Maß reduzierte. (Abstract 118)

Das gleiche Team berichtete, dass das Rauchen auch das Risiko der Bildung sogenannter ‘neutralisierender Antikörper’ im Blut erhöhte, was die Wirksamkeit von Beta-Interferonen negativ beeinflussen kann. (Abstract P1099)

Salzkonsum

Aktuelle Studien hatten bereits darauf hingewiesen, dass der Salzkonsum ein möglicher Risikofaktor für die Entwicklung einer MS oder auch eine Verschlechterung der Erkrankung bei Mäusen sein könnte (wir berichteten). Auf ECTRIMS präsentierten Dr. M.F. Farez und seine Kollegen vom Institut für Neurologische Forschung in Buenos Aires und Boston neuere Ergebnisse, die darauf hinweisen, dass eine hohe Salzaufnahme bei MS-Erkrankten auch die Schubrate und die Krankheitsaktivität, gemessen mittels MRT, steigern konnte. Um diese Ergebnisse zu bestätigen, sind weitere größere Studien notwendig. (Abstract 119)

Mikrobielle Besiedelung des Darmes

Ein sehr spannendes Forschungsgebiet ist die mikrobielle Besiedelung des Darmes (Darmflora) – Kolonien von Trillionen von Bakterien, die in unserem Darm leben, von denen die meisten nützlich sind. Die Immunaktivität des Darmes, die in enger Beziehung zum Gesamt-Immunsystem steht, kann diverse Gesundheitsaspekte haben, einschließlich möglicher Auswirkungen auf die MS eines individuellen Menschen. Ein Vortrag von Dr. O. Borbye Pedersen von der Universität Kopenhagen machte deutlich, dass das ein vielversprechendes Forschungsgebiet ist. Wenn der Einfluss der Darmflora entschlüsselt werden könnte gäbe es die Möglichkeit, diese zu verändern um MS behandeln und vielleicht auch verhindern zu können. (Abstract 219)

Viren

Der Spezialist für Infektionskrankheiten, Dr. Julian Gold aus Sydney, präsentierte eine Übersicht darüber, ob Infektionen durch Viren MS auslösen oder verursachen können. Er sprach über widersprüchliche Ergebnisse und die Problematik, dass es technisch sehr schwierig ist, ein spezifisches Virus im Gehirn zu isolieren und diesem eine ursächliche Rolle zuzuschreiben. Er zitierte auch Forschungsergebnisse die darauf hinweisen, dass das genetische Material von "humanen endogenen Retroviren” (das sind Viren, die sich mit ihrem genetischen Material in das Genom des Menschen eingebaut haben, dort ‚schlummern‘ und unter bestimmten Voraussetzungen wieder beginnen, sich zu vermehren) einen Teil der Gesamtheit menschlicher Gene ausmacht und eine Rolle dabei spielen könnte, dass Immunangriffe ausgelöst werden. Er schaute auf Gesundheitsregister und analysierte die Literatur und fand nur wenige Personen, die mit anti- Retrovirus-Therapien, z.B. bei HIV, behandelt wurden und bei denen auch über eine MS berichtet wurde. Darauf aufbauend startete eine kleine Pilotstudie, INSPIRE genannt, die zeigen soll, ob eine kurze Behandlung mit einer antiviralen Therapie mit einem Wirkstoff namens Raltegravir (einem HIV-Medikament) im MRT sichtbare Veränderungen bei Patienten mit schubförmiger MS verursachen kann. (Abstract 115)

Interessierte Leser können die ECTRIMS-Website besuchen und hier die wissenschaftlichen Abstracts der Präsentationen nachlesen. Mehr

Quelle: Research News NMSS, USA

- 17.12.2013