DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Schränkt Multiple Sklerose die Teilnahme am Straßenverkehr ein?

Mobil trotz MS: Autofahren hat auch für Menschen mit Multipler Sklerose einen hohen Stellenwert. Was in Bezug auf die Fahrtüchtigkeit zu beachten ist, darüber informiert der Experte für Verkehrsmedizin Matthias Freidel in einem Bericht für den Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft.

Die Frage der Teilnahme am Straßenverkehr während oder mit einer Erkrankung ist nicht neu. So beschäftigt sich die Verkehrsmedizin als wissenschaftliche Disziplin schon seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit physiologischen und psychologischen Einflüssen bezüglich der Verkehrssicherheit sowie individueller Leistungs- und Belastungsgrenzen. Hierbei wird zwischen Fahrtauglichkeit, Fahrtüchtigkeit und Fahrfähigkeit unterschieden.

Die Fahrtauglichkeit bezeichnet eine von der aktuellen Situation und Befindlichkeit unabhängige Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges im Straßenverkehr. Die Fahrtüchtigkeit hingegen beschreibt eine situativ- und zeitbezogene Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges. Im Gegensatz zur Fahrtauglichkeit ist sie durch äußere Faktoren rasch veränderbar. Die Fahrfähigkeit ist durch den Erwerb des Führerscheins gewährleistet, sie kann durch zusätzliches Training, Übung und Erfahrung gesteigert werden.

Juristischer Hintergrund

Unabhängig von einer definierten Erkrankung, werden in der Verkehrsmedizin allgemeine neurologische Symptome genannt, die eine Fahrtauglichkeit grundsätzlich beeinträchtigen können. Dazu gehören Paresen, Sensibilitätsstörungen, Koordinationsstörungen, Sehstörungen, Tagesschläfrigkeit und neuropsychologische Störungen.

Juristisch wird diese mögliche Beeinflussung in der Fahrerlaubnisverordnung (FeV, ab 1998, ersetzte die frühere Straßenverkehrszulassungsordnung StVZO) geregelt. Paragraph 2 Abs. 1 besagt: "Wer sich infolge körperlicher oder geistiger Mängel nicht sicher im Verkehr bewegen kann, darf am Verkehr nur teilnehmen, wenn Vorsorge getroffen ist, dass er andere nicht gefährdet." Diese Pflicht zur Vorsorge obliegt dem Verkehrsteilnehmer selbst oder einem für ihn Verantwortlichen und beinhaltet u.a. das Anbringen geeigneter Einrichtungen am Fahrzeug, den Einsatz von Prothesen bei fehlenden Gliedmaßen oder eine entsprechende Kenntlichmachung des Fahrzeuges. Diese Maßgabe gilt für jeden Verkehrsteilnehmer.

Richtlinien im Arztrecht

Ein chronisch erkrankter Mensch befindet sich in der Regel in Behandlung und hat kontinuierlich Kontakt zu seinem behandelnden und betreuenden Arzt. Für letzteren gibt es entsprechende Richtlinien im Arztrecht. Danach muss der Arzt die verkehrsmedizinische Relevanz einer Erkrankung erkennen und thematisieren. Bei der Verordnung von Medikamenten, die auf das Zentrale Nervensystem einwirken, muss der Arzt den Erkrankten auf die Wirkung, Nebenwirkung und verkehrsmedizinische Bedeutung hinweisen und mögliche Auswirkungen zeitnah besprechen.

Leider wird dieser wichtige Austausch zwischen Arzt und Patient häufig vernachlässigt oder schlichtweg vergessen. Menschen, egal ob kerngesund oder krank, neigen dazu, ihre Fähigkeiten bezüglich ihrer Fahrtüchtigkeit zu überschätzen. Es gilt, den Spagat zwischen Selbstbestimmung und Empfehlung des Therapeuten konstruktiv zu bewältigen. Die bewusste Ansprache und die Wahrnehmung von Einschränkungen durch die Erkrankung helfen hier die richtige Einschätzung zu finden und entsprechend zu handeln.

MS-Symptome, die die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen können
Zu den typischen MS-Symptomen, die die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen können, gehören Sehstörungen, motorische Einschränkungen, Koordinationsschwächen sowie neuropsychologische Störungen, darunter fallen auch Fatigue und Kognition. So führen beispielsweise Doppelbilder, die nicht korrigierbar sind, zu einem absoluten Verbot der Teilnahme am Straßenverkehr. Bewertung und Beurteilung von Sehstörungen obliegen dabei mehr dem Augenarzt als dem Neurologen. Bei motorischen Ausfällen, etwa Spastik, ist zu prüfen, inwieweit sie durch im Fahrzeug angebrachte technische Hilfemittel ausreichend zu kompensieren sind.
Nicht alle bei MS auftretenden und nachweisbaren kognitiven Störungen beeinträchtigen die Fahrtauglichkeit. So spielen aus der Reihe der kognitiven Kerndefizite Gedächtnis-/Kurzzeitgedächtnisstörungen eine geringere Rolle als Aufmerksamkeitsstörungen.

Diagnostik und technische Hilfen

Ziel der differenzierten neurologischen und neuropsychologischen Diagnostik ist es, gerade im Hinblick auf ein selbstbestimmtes, mobiles Leben, die Fahrtauglichkeit eines MS-Erkrankten so lange wie möglich zu erhalten. Körperliche Beeinträchtigungen, wie Spastiken, Ataxien und Tremor, sind durch die ausführliche Befragung sowie die differenzierte neurologische Untersuchung fassbar. Schwieriger ist die Erfassung neuropsychologisch/kognitiver Beeinträchtigungen. Hier kann es durchaus sein, dass die in der Praxis verfügbaren Screening-Methoden nicht ausreichen, sondern eine differenzierte neuropsychologische oder eine verkehrsmedizinische Untersuchung (zum Beispiel mit dem Wiener Testgerät oder der Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung) notwendig werden, um die Frage nach der Fahrtauglichkeit beantworten zu können. Grundsätzlich gilt für den Verkehrsteilnehmer, alle eventuell auftretenden Probleme offen anzusprechen, sich deren möglichen Konsequenzen zu stellen und ein wie auch immer geartetes Ergebnis zu akzeptieren.

Kompensationsmöglichkeiten körperlicher Einschränkungen bedeuten in der Regel die technische Umrüstung oder Neuanschaffung eines entsprechenden Fahrzeugs. Der Arzt ist hier sicher nicht vollständig darüber informiert, welche immensen Möglichkeiten technischer Art es derzeit gibt. Oft können hier Fahrschulen, Kfz-Hersteller sowie einschlägig bekannte Umrüstungsfirmen helfen und Auskunft geben. Gleiches gilt für die Finanzierbarkeit solcher Umrüstungen.

Einfluss von Medikamenten

Jede Medikamenteneinnahme kann unter Umständen zu einer Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit oder Fahrtüchtigkeit führen. Herausgehoben aus der Masse allgemeiner Medikamente sind natürlich die Substanzen, die das Zentrale Nervensystem (ZNS) beeinflussen.
Es ist nicht ausreichend, sich darauf zu verlassen, dass der Patient den Beipackzettel liest, der verordnende Arzt muss bei solchen Medikamenten auf die Beeinflussung kognitiver Leistungen, wie zum Beispiel Müdigkeit bei Antispastika oder Ähnliches, hinweisen. Auch der Betroffene, der solche Substanzen einnimmt, muss sich entsprechend des oben dargestellten Sachverhaltes, siehe §2 der Fahrerlaubnisverordnung, kritisch beobachten und überprüfen.

Dass die Einnahme eines ZNS-wirksamen Medikamentes jedoch auch eine positive Wirkung auf die Fahrtauglichkeit haben kann, zeigte eine kürzlich durchgeführte Pilotstudie an MS-Patienten mit Spastik unter der Einnahme eines THC-Präparates (Nabiximols). Die Untersuchung, gemessen an einer Baseline-Untersuchung und sechs Wochen nach Einnahme/Anwendung unter Therapie, ergab, dass sich die Fahrtauglichkeit der Probanden nicht verschlechterte. Bei einem Subtest der Untersuchung, durchgeführt mit dem Wiener Testsystem, der die differenzierte motorische Reaktion auf wechselnde akustische und optische Reize erfasste, zeigte sich nach sechs Wochen sogar eine signifikante Verbesserung der Fahrtauglichkeit.

Zusammenfassung und Empfehlung

Die Beurteilung und Einschätzung der Fahrtauglichkeit bei Multipler Sklerose sollte auf Basis des neurologischen und neuropsychologischen Status zwischen Patient und Arzt immer wieder thematisiert werden. Die Bereitschaft zum Einsatz von Maßnahmen und Hilfsmitteln zur Beurteilung einer möglicherweise unklaren Leistungs-und Belastungssituation bezüglich der Fahrtauglichkeit sollte ebenfalls von beiden Seiten ausreichend vorhanden sein. Eine zusätzliche Hilfe können Fahrverhaltensproben über eine Fahrschule sein, die Kosten für den Betroffenen sind erschwinglich. Empfehlungen bezüglich Einschränkungen, beispielsweise keine Autobahnfahrten, keine Fahrten bei Nacht, keine ablenkenden Gespräche während einer Autofahrt, sind zwar "nur" Empfehlungen und haben keinen verbindlich-juristischen Charakter, sollten aber von MS-Erkrankten ernst genommen werden.

- 10.10.2014