DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Im Rolli zum Erfolg: "Rumba ist unsere Spezialität"

Perfekte Harmonie auf dem Parkett. Ein strahlendes Paar, schwungvolle Drehungen, tobender Beifall im Saal, dann der Sieg: Die WM-Dritten Andrea Borrmann und Erik Machens vom VfL Hannover sind Behindertensportler des Jahres-ein großer Moment im Leben der an Multiple Sklerose erkrankten Frau und ein Etappensieg auf ihrem Weg an die Weltspitze im Rollstuhltanz.

Die Diagnose MS ist ein Schock, bedeutet aber keinesfalls ein Ende der Lebensqualität. In der Serie "Mutmachgeschichten" stellen wir Menschen vor, die diese Krankheit als Chance begreifen, neue Wege zu beschreiten. "Einen Tanz ohne Lächeln zu tanzen, wäre für uns unmöglich", sagt Andrea Borrmann. Die Förderschullehrerin ist an Multipler Sklerose erkrankt und benötigt seit sechs Jahren einen Rollstuhl. Ihr Tanz-Partner Erik Machens ist wegen eines sogenannten offenen Rückens seit seiner Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Wer die beiden beim Tanzen sieht, kann kaum glauben, dass sie erst seit einem Jahr gemeinsam trainieren. Ein Erfolg jagt den nächsten, längst tanzen sie auf Weltklasseniveau. Dabei war eigentlich alles ein Zufall. Eine Turniertänzerin habe sie Ende November 2009 nach Frankfurt eingeladen, berichtet die 34-Jährige im Interview mit dem DMSG-Bundesverband. Dort seien sie "entdeckt worden" von Michael Webel, Cheftrainer beim Deutschen Behindertensportverband.

Durch Zufall entdeckt worden

"Eigentlich wollten wir nur an einem kleinen Workshop in Hannover teilnehmen, ein bisschen Spaß haben", sagt Borrmann. Doch der Rollstuhltanz-Bundestrainer, der den Workshop leitete, erkannte sofort, dass in dem Duo Potenzial für mehr steckt als nur für spaßige Bewegung zu Musik. "Er sagte, wir sollen etwas aus unserem Talent machen und in den Leistungssport wechseln." Gesagt, getan. Wenige Wochen später standen die Choreografie und der dazugehörige Trainingsplan. Der Student und die Förderschullehrerin waren plötzlich mittendrin im Weltgeschehen des Rollstuhltanzens. Und sie hatten ein gemeinsames Ziel: Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2010 in Hannover.

Senkrechtstarter im Rollstuhltanz

Die 34-jährige und ihr 27-jähriger Tanzpartner gelten als Senkrechtstarter des deutschen Rollstuhltanzes. Das Duo wurde nach nur einem Jahr gemeinsamen Trainings deutscher Meister in Standard und Latein und gewann im Vorjahr Bronze bei der Weltmeisterschaft. Die Weltmeisterschaft war ein Heimspiel für die Osnabrücker. Beide trainieren beim VfL Hannover, der mit zahlreichen Ehrenamtlichen für den reibungslosen Ablauf der WM sorgte. "Das ist ganz anders als vor Kurzem beim Wettbewerb in St. Petersburg. Hier kennen wir jeden", verdeutlicht Andrea Borrmann den Heimvorteil. Und so wurden die Auftritte des Paars im Rollstuhl besonders bejubelt, zumal auch noch Freunde und Familie, inklusive der 92-jährigen Großmutter Borrmanns, zur Unterstützung angereist waren.

Fast 24 000 Niedersachsen wählten das Paar zu den Behindertensportlern des Jahres

Auch bei der Wahl zum Behindertensportler 2011 machte die Rollstuhltänzerin gemeinsam mit ihrem Partner das Rennen. Das Duo vom VfL Hannover entschied die elfte Auflage der Sportlerwahl für sich. Eine Besonderheit, denn "wir erleben eine Premiere, erstmals gewinnt ein Paar", hatte der frühere Weltklasse-Ringer Alexander Leipold vor großem Publikum erklärt. Als Ehrengast zeichnete er die Sieger, Andrea Borrmann und Erik Machens, bei der Gala in Hannover, für den ersten Platz aus. Mit einer Sieger-Samba bedankte sich das Paar im GOP-Varieté für die Stimmen von 23.741 Menschen, die an der Wahl des Behinderten Sportverbandes Niedersachsen (BSN) teilgenommen hatten.

Hier sehen Sie einen Film des NDR über die deutschen Meister im Standard- und Lateintanz

 

Ein Bandscheibenvorfall setzte alles außer Kraft

"Ich habe schon immer gerne getanzt – vom Kindergarten bis zum Tanzkursus als 16-Jährige", verrät Andrea Borrmann im Gespräch mit dem DMSG-Bundesverband. Als Kind sei ihre Sportbegeisterung kaum zu bremsen gewesen, erinnert sie sich an Kommentare wie: "Hast Du auch einen Schalter zum Ausschalten." Noch heute strotzt Andrea Borrmann vor Power und Optimismus - trotz schubförmiger MS. Die Diagnose erhielt sie 2001. Es folgten mehrere Schübe, doch die junge Frau kam lange ohne Hilfsmittel aus. Bis zum Mai 2005: Da traf sie der nächste Schlag: "Ein Bandscheibenvorfall hat alles außer Kraft gesetzt", berichtet sie. Von einem auf den anderen Tag war sie auf einen Rollstuhl angewiesen – im Alter von 30 Jahren. Ob es letztlich am Bandscheibenvorfall oder an ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung oder an beidem lag, weiß keiner so genau. Nicht einmal die Ärzte. Weil zudem ihr Gleichgewichtssystem in Mitleidenschaft gezogen war, vermutet Andrea Borrmann eine Kombination aus beidem als Ursache.

"Rumba ist unsere Spezialität"

Als klar war, dass der Rollstuhl künftig ihr ständiger Begleite bleibt, habe sie einige Wochen im Schockzustand verbracht, erzählt die junge Frau. Dann sei sie zur Hochzeit einer guten Freundin eingeladen gewesen. "Die haben mich mit dem Rollstuhl auf die Tanzfläche geschleift", schmunzelt Andrea Borrmann heute. "Und ich dachte: Hey, das ist gar nicht schlecht." Fortan tanzte sie im Rollstuhl, wann immer sich die Gelegenheit bot. Sie tanzte auch bei einem integrativen Musical von Tanz-Weltmeister Michael Hull und seiner Schwester Patsy. Dort lernte sie auch ihren heutigen Tanzpartner Erik Machens kennen. Die beiden harmonierten auf Anhieb perfekt – obwohl sie privat kein Paar sind. Ob im Rollstuhl oder zu Fuß: Die Tänze sind die gleichen. Die Vorlieben der Tänzer variieren: "Rumba ist unsere Spezialität", verrät die 34-Jährige.

Ihre Mutter hat ebenfalls Multiple Sklerose

Andrea Borrmann lebt alleine in einer barrierefreien Wohnung, ebenerdig, perfekt abgestimmt auf ihre Bedürfnisse. "Da habe ich Glück gehabt", berichtet sie: "Meine Wohnung hat mich gefunden." Unterstützung und Beratung fand sie in der MS-Kontaktgruppe der DMSG in Osnabrück. "Da habe ich gleich angerufen und tolle Tipps bekommen", Die Arbeit der Gruppe und auch die Krankheit waren ihr nicht unbekannt: "Meine Mutter hat auch Multiple Sklerose - seit 30 Jahren", verrät sie.
Zuhause laufe Andrea Borrmann mit dem Rollator. "Toi, toi, toi – schmerzfrei", sagt sie. Viele Therapien habe sie ausprobiert. Doch die Schmerzen beim Spritzen seien nicht besser geworden. "Irgendwann hatte ich keine Lust mehr", erinnert sich die Osnabrückerin an den Tiefpunkt. In Abstimmung mit ihrem Neurologen nimmt sie seit Oktober 2006 Natalizumab. "Seitdem geht es mir besser", sagt sie und hofft, dass es so bleibt.

Schüler sind stolz auf ihre Lehrerin, die im Rollstuhl tanzt und Deutsche Meisterin ist

Im Berufsalltag in der Schule sei die MS kein Thema. Auch der Rollstuhl nicht. "Die Schüler kennen mich nicht anders", erklärt die junge Lehrerin. Auf die Unterstützung ihrer Klasse könne sie sich verlassen. "Die finden es supertoll, eine Lehrerin zu haben, die im Rollstuhl sitzt, tanzt und dann auch noch deutsche Meisterin ist." Bei den Meisterschaften fieberten die Fünftklässler mit und haben aus eigenem Antrieb auch bei der Wahl zu den Behindertensportlern mitabgestimmt. "Ohne Medaille durfte ich nicht von der WM zurückkommen", berichtet sie und freut sich: "Schön zu sehen, wie groß das Interesse ist." Überrascht habe die Pädagogin, dass ihre Schüler angefragt haben, ob sie ihnen nicht ebenfalls beibringen könne, mit dem Rollstuhl zu tanzen.

Immer in der Balance bleiben - das Tanzfieber geht weiter

Inzwischen reist das erfolgreiche Tanzpaar des VfL Hannover zu Wettkämpfen rund um den Erdball - auf eigene Kosten, denn Sponsoren gibt es nicht. "Man sieht was von der Welt, das ist toll", betont Andrea Borrmann. Viele Erlebnisse auf den internationalen Tanzbühnen sind unvergesslich.
Auch wenn der Sport und die Wettkämpfe sehr anstrengend sind. Rollstuhltanz ist "Handwerk", das Balancieren auf den Hinterrädern belastet Hände und Muskeln stark. Besonders bei ihrem Tanzpartner zeugen Pflaster von so mancher Blase und wunden Stelle.

Signale des Körpers beachten

Andrea Borrmann achtet nicht nur beim Tanz auf die Balance und hört auf ihren Körper, wenn dieser nach einem harten Training im Bundeskader deutlich signalisiert: "Stopp, ich brauche mal eine Pause." Solange sie und ihr Partner den Spaß am Tanzen behalten, sei "alles möglich", wagt sie einen Blick in die Zukunft. Klar sei aber auch: "Wenn es in Stress ausarten würde, wäre sofort Schluss", macht sie deutlich. Aktuell verlaufe die Multiple Sklerose bei ihr stabil - "bis besser werdend", sagt sie. Eine Reha soll diesen Zustand weiter stabilisieren. Der sportliche Erfolg überrascht die junge Sportlerin, setze sie aber nicht unter Druck. "Ich denke nicht: Das und das musst Du machen, um weiterzukommen", verdeutlicht sie ihre Einstellung zum Leistungssport. Für sie habe sich schon mit der Teilnahme an der Weltmeisterschaft ein Traum erfüllt: "Vor einem Jahr wollte ich unbedingt eine Eintrittskarte für die WM haben. Und jetzt waren wir dabei." Wenn die Tanzfläche stimme, könne theoretisch jeder Rollstuhlfahrer tanzen, ist Andrea Borrmann überzeugt und motiviert andere MS-Erkrankte, sich auf die Tanzfläche zu trauen: "Wer wirklich Spaß am Tanzen hat, der soll sich bloß nicht davon abbringen lassen, weil er im Rolli sitzt. Wenn ich mich noch so wenig bewegen kann, kann ich trotzdem tanzen."

Quelle: Bilder: Andrea Borrmann, S. Lahrmann, Film: NDR Fernsehen

- 02.08.2011