DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Leben mit MS

Wie Multiple Sklerose-Erkrankte gut durch die Sommerhitze kommen: Der DMSG-Bundesverband informiert

Wenn im Sommer die Temperaturen steigen, haben viele Multiple Sklerose-Erkrankte mit einer Verschlechterung ihrer Symptome zu kämpfen und fragen sich, welchen Einfluss die Hitze auf den Krankheitsverlauf hat: Im Interview mit dem Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft erklärt Prof. Dr. med. Peter Flachenecker, was die unangenehmen Begleiterscheinungen der Sommerhitze lindern kann und nennt einfache Maßnahmen für einen kühlen Kopf.

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker

Viele MS-Erkrankte kennen das: Bei hohen Temperaturen verstärken sich ihre Krankheitssymptome. Sie fühlen sich schlapp, müde und benommen oder bemerken eine Verschlechterung ihrer MS-Symptome, wie zum Beispiel eine erhöhte Fatigue, Sehstörungen und eine Abnahme der motorischen Fähigkeiten. Schnell meldet sich auch die Angst vor einem neuen Krankheitsschub.

Kann die Hitze einen Schub auslösen?

Entwarnung gibt Prof. Dr. med. Peter Flachenecker, Chefarzt am Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof in Bad Wildbad, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes und Vorsitzender des Ärztlichen Beirates der AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e.V.:

"Nein. Hitze allein löst keinen Schub aus! Es sind aber viele MS-Betroffene sehr hitzeempfindlich, d.h. sie reagieren mit einer Verstärkung schon vorhandener Symptome. Man spricht hier auch von einem Pseudo-Schub, auch bekannt als Uhthoff-Phänomen. Allerdings tritt das Uhthoff-Phänomen nicht bei jedem MS-Erkrankten auf und die so entstandenen Symptome bilden sich bei kühlerer Umgebung in der Regel wieder zurück."

Hintergrund: Beim Uhthoff-Phänomen handelt es sich um eine vorübergehende Verschlechterung neurologischer MS-Symptome bei einer Erhöhung der Körpertemperatur. Es wurde erstmals 1890 vom Augenarzt Wilhelm Uhthoff beschrieben, der bei MS-Patienten eine vorübergehende Minderung der Sehschärfe nach körperlicher Anstrengung beobachtete. Hervorgerufen werden diese unerwünschten Effekte durch die temperaturabhängig verschlechterte Leitfähigkeit in den von der MS beeinträchtigten Abschnitten im Zentralnervensystem. Wird die Körpertemperatur wieder gesenkt, verschwinden die Symptome sofort oder spätestens nach 24 Stunden.

Welche Symptome kann die Hitze bei MS-Kranken hervorrufen?

Prof. Dr. med Peter Flachenecker: "Die Hitze ist nicht schädlich. Allerdings kann es tatsächlich zu einer vorübergehenden Steigerung der MS-Symptome kommen. Es kann z.B. eine Sehverschlechterung entstehen, insbesondere dann, wenn schon einmal eine Sehnervenentzündung aufgetreten war. Weitere Symptome sind Sensibilitätsstörungen, oder Lähmungen. Auch Spastiken können sich verstärken. Einige meiner Patienten konnten, aufgrund der Hitze, plötzlich nicht mehr gehen: Aber das ist ein temporäres Phänomen. Es geht wieder vorbei!"

Wie kann man die Symptome trotz der anhaltenden Hitze lindern?

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: "Vermeiden Sie körperliche Anstrengungen in der Hitze und verlegen Sie nötige Arbeiten in die Abendstunden. Setzen Sie sich nicht der prallen Sonne aus und halten Sie sich nach Möglichkeit im Schatten oder in klimatisierten Räumen auf. Da in Deutschland viele Gebäude nicht mit Klimaanlagen ausgestattet sind, kann man auch durch vernünftiges Lüften viel bewirken. Das heißt: Tagsüber Rollladen (Vorhänge) runter und die Fenster geschlossen halten. Frühmorgens und abends dann alle Fenster öffnen und gut durchlüften.

Auch Kühlwesten können helfen, die Körpertemperatur zu senken. Eine Alternative ist eine Schüssel mit kaltem Wasser, in die Füße und Arme getaucht werden. Bei einer verstärkten Spastik kann man versuchen, durch kühle Umschläge eine Linderung zu erreichen.

Wichtig ist, möglichst viel zu trinken, um einem Flüssigkeitsverlust vorzubeugen. Am besten geeignet ist Wasser, aber auch Tees und Säfte sind sinnvoll.

Wie für alle Menschen gilt: Tragen Sie leichte Kleidung und eine Kopfbedeckung, wenn Sie sich draußen in der Sonne aufhalten."

Sonne tut gut, wenn sie in Maßen genossen wird

Einen Grund für Menschen mit MS, grundsätzlich die Sonne zu meiden, sieht Prof. Flachenecker nicht: "Jeder, der die Sonne liebt, kann sie in Maßen auch genießen, wenn er die Vorsichtsmaßnahmen beachtet und die Signale seines Körpers Ernst nimmt. Im Zweifelsfall sollte man seinen Hausarzt oder den Neurologen fragen."

Dass das UV-Licht der Sonne MS-Erkrankten gut tut, haben bereits einige Studien bewiesen. Mehr

Der DMSG-Bundesverband bedankt sich herzlich bei Prof. Dr. med. Flachenecker für dieses Interview und wünscht allen Lesern eine unbeschwerte Sommerzeit.

- 03.07.2017