DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

"Wir sehen uns wieder, der Berg und ich!" Philip Mes erreicht den Gipfel beim Ultra Trail Verbier-Spendenlauf

Geschafft! 110 Kilometer Bergtour in 28:43 Stunden: Diesem Abenteuer hat sich der Personal Trainer zugunsten des DMSG-Bundesverbandes gestellt, um die Krankheit Multiple Sklerose ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und 1000 Euro Spenden zu sammeln-im Laufbericht schildert der Extremsportler wie er die 7000 Höhenmeter bezwang.

Am Sonntagmorgen ist Philip Mes um 9.44 Uhr nach 28:43 Stunden und 110 zurückgelegten Kilometern mit knapp 7.000 positiven und 7.000 negativen Höhenmetern überglücklich in Verbier ins Ziel gelaufen.
Hinter ihm liegt ein steiniger Weg. Ob bei 30 Grad Hitze oder über schneebedeckte Pisten: Philip Mes war bestens vorbereitet und bergtauglich ausgerüstet. Dabei kam dem Personal Trainer aus Düsseldorf (Meerbusch) seine Erfahrung als Gebirgsjäger zugute. Der 34-Jährige war zum zweiten Mal gestartet, um Aufmerksamkeit für die Belange von MS-Erkrankten zu erwirken und mit jedem Kilometer für die Unterstützung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. zu werben. Im letzten Jahr hatte ihn ein Unwetter unverhofft ausgebremst. Wir berichteten

In seinem Laufbericht zur Spendenaktion "Philip runs Trail Verbier for MS" dokumentiert der Sportler die Herausforderungen seiner Extremtour in der Schweiz:

"Wir sehen uns wieder, der Berg und ich!" So hatte ich mich im letzten Jahr nach dem Abbruch meines Spendenlaufs für die Deutsche Mutiple Sklerose Gesellschaft bei Kilometer 70 beim Trail Verbier in der Schweiz verabschiedet und mir selber ein Ziel für 2011 auferlegt: Ich weiß, dass ich den Trail Verbier schaffen kann.

In dieser Zeit habe ich mit Laufgruppen für den Düsseldorfer Metro Marathon im November begonnen, die Pfade im Grafenberger Wald und am Rhein unsicher zu machen, um eine Grundlage für meinen Trail-Lauf zu legen, bevor mein eigentliches Training Mitte April beginnen sollte.

Nun stehe ich am 2. Juli 2011 erneut beim Trail Verbier – St. Bernard um fünf Uhr in der Früh an der Startlinie und kann es kaum glauben, dass dieses unheimlich intensive und heftige Erlebnis mit Unwetter, Blitzen, Temperatursturz von 30 Grad, sintflutartigen Überschwemmungen am Berg und Steinschlag schon ein Jahr her sein soll.

Glücksgefühle und Gänsehaut am Start

Vor mir liegen 110 Kilometer mit 7.000 positiven Höhenmetern, knapp 7.000 negativen Höhenmetern und ein Zeitlimit von 32 Stunden in teilweise hochalpinem Gelände. Bestens ausgestattet mit Laufrucksack, einer Pflichtausrüstung von ca. 6 Kilogramm, bestehend aus kompletter Kälteschutzkleidung, Regenschutz, zwei Stirnlampen, Ersatzbatterien, Rettungsdecke, 1,5 Liter flüssiger und ein wenig fester Nahrung, stehe ich in der Dunkelheit mit etwa 300 anderen Athleten in Verbier bei einer Temperatur von kaum fünf Grad Celsius an der Startlinie.

Dann geht alles rasend schnell. Wir Wettkämpfer zählen von 10 rückwärts, die Zuschauer jubeln uns zu und wir wünschen uns Glück. Gänsehaut macht sich breit und wir rennen los. Nach knapp zwei Kilometern verschluckt uns die Nacht am Berg und eine Karawane aus Stirnlampen schlängelt sich zehn Kilometer lang durch Wald und Wiesen den ersten steilen Anstieg nach Croix de Coeur 2173 Meter hinauf.

Laufen unter Schmerzen

Es ist bitter kalt, -0,4 Grad und man kann selbst im Dunkeln seinen Atem erkennen. Gut dass ich nur ein Hemd und eine kurze Hose an habe, also schön in Bewegung bleiben. Ich fühle mich noch nicht ganz wach und meinen Rhythmus habe ich auch noch nicht gefunden. Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen färben die Berge rot und ich bin froh wieder hier zu sein.

Den ersten Checkpoint lasse ich ohne meine Trinkblase zu füllen hinter mir. Von hier geht es nur Berg ab über schmale Pfade, Forstwege und Trails, die sich in den Fels quetschen. Wer denkt sich bloß solche Wege aus? Durch das extreme Gefälle von teilweise fast 40% habe ich nach knapp 18 Kilometern das Gefühl, Blasen zu bekommen. Bei Kilometer 22 in Le Levron auf 1310 Meter Höhe habe ich die ersten Blasen und Zehen verbunden. Trinkrucksack nachfüllen ist angesagt. Das kostet mich gut 15 Minuten. Es geht weiter Richtung Tal und nach gut 2 ½ Stunden mit ca. 1.700 negativen Höhenmetern erreiche ich nach 27 km gegen 9 Uhr den altertümlichen Ort Sembrancher auf 720 Meter Höhe. Da ich die Strecke kenne, befülle ich vorsorglich meine Trinkblase, fasse etwas zu Essen, verbinde mir erneut die Zehen und verlasse den malerischen Ort in Richtung La Fouly. Laufen geht im Moment nur mit Schmerzen. Aber das wird schon.

Nach dem Kälteschock folgt der Hitzestau

Auf dem Weg von Sembrancher nach La Fouly muss ich erst noch mal 7 Kilometer in brütender Hitze durch Felder, Wälder 700 Höhenmeter nach Champex auf 1473 Meter hinauf. Hier staut sich die Hitze genau wie im Jahr davor und ich laufe noch immer alleine, mache Fotos und sehe viele Tiere die Pfade säumen. In Champex tape ich erneut meine Ferse und Ballen zu, da sie mir immer noch Schmerzen bereiten und mich ein anspruchsvoller Weg über Wurzeln und Steine erwatet. Höchste Konzentration, denn hier habe ich mich im letzten Jahr im vollen Lauf auf diesen 400 negativen Höhenmetern fast ordentlich auf die Nase gelegt. Bevor nach 48 Kilometern La Fouly auf 1600 Meter Höhe auftaucht ändert sich die Landschaft rapide und wird schroffer, steiler und Felswände kesseln das schmale Tal ein. Das ausgewaschene Flussbett, an welchem wir uns entlang bewegen, lässt die Naturgewallt durch Wassermassen nur erahnen. Von hier sind die schneebedeckten Berge zum Greifen nah.

Schuhwechsel auf 1600 Meter Höhe: Schlimmer kann es nicht werden

Ich nutze einen Halt in La Fouly, was ich gegen 13:30 Uhr erreiche, um jeden meiner Zehen zu verbinden und gehe von hier aus mit einem Schuhwechsel hoffentlich auf Nummer sicher. Schlimmer kann es nicht werden.

Alleine breche ich auf zum 14 Kilometer entfernten Col de Fenetre (Kilometer 59) auf. In guter Erinnerung liegt mir der extrem anstrengende Anstieg mit ca. 1.000 Höhenmetern zum zweithöchsten Punkt über schmale Pfade, Wanderwege, Geröll und Felsen und Schneefelder, der nun vor mir liegt. Dieser wird viele Körner kosten. Fasziniert von der gigantischen Aussicht, Gletschern und sattem Grün der Berge und Wiesen laufe ich weiter. Einfach unglaublich und belebend zu gleich. Ich schraube mich immer weiter nach oben und es wird einfach zu steil und unwegsam zum Laufen. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr sind die Wege nicht von Schnee bedeckt und ich komme schneller voran als gedacht und erreiche kurz vor 17 Uhr auf 2698 Meter den Col de Fenetre. Ich schaue mich noch mal um und bin erleichtert als sich der Himmel blau und freundlich gibt und ich kein schlechtes Wetter zu befürchten habe. Hier hatte uns das Unwetter im letzten Jahr böse überrascht und mir die Gewalt der Natur gezeigt.

Im Alleingang an die Spitze

Um 17:38 Uhr laufe ich am Gd St Bernard 2469m nach 62 km ein und bin froh über die anderen Schuhe, die die Schmerzen fast vergessen lassen. Dennoch verbinde ich vorsichtshalber erneut alle drei verletzten Stellen. Die wärmende Sonne verschwindet so langsam und am Checkpoint fülle ich meine Vorräte auf, trinke zwei heiße Bouillon und ziehe mir die langen Sachen, Mütze, Handschuhe und die winddichte Jacke an, um weiter laufen zu können. Jetzt nur nicht auskühlen. Bis hier bin ich noch immer alleine.

Ab jetzt weiß ich, dass ich das Ding nach Hause laufe, denn nun bin ich drei Minuten schneller als im Vorjahr und über den Punkt des Abbruchs hinaus. Es gilt die letzten paar Meter zum Col des Chevaux auf 2714 Metern zu erklimmen. Als ich den höchsten Punkt erreiche schwindet die Sonne, es wird kälter, windiger, die Landschaft steiniger und ein ausgesetzter Abstieg mit über 1.000 Höhenmetern liegt vor mir. Dies ist der Teil, den ich noch nicht kenne, und ich bin sehr gespannt, was da kommen mag. Ich weiß nun, dass ich es schaffe.

Mit Stirnlampen gemeinsam durch die Dunkelheit: Drei Läufer sehen mehr als einer

Kurz vor Bourg St Pierre hole ich zwei Schweizer ein, Frank und Boris, und finde endlich etwas Austausch. Da die Nacht hereinbricht, beschließen wir zusammenzulaufen und schlängeln uns auf den letzten Metern vor dem Checkpoint an zwei Eseln und einer Stierherde vorbei, die etwas unruhig wirkt. Da muss ich doch noch mal eben zurück und ein Foto schießen.

Bourg St Pierre liegt auf 1632 Metern und uns stecken nun gut 76 Kilometer in den Beinen. Als wir gegen 21:15 Uhr in den schönen altertümlichen Ort mit der hohen Brücke einlaufen, ist es fast ganz dunkel. Uns erwartet eine große Verpflegung mit Bouillon und warmen Nudeln. Hmm. Wir stärken uns ausgiebig, um uns für die Nacht und den fast 1.000 Höhenmeter-Anstieg zur Cbne Mille zu stärken und zu wärmen. Mit vollem Wassersack und Bauch geht es in die stockfinstere Nacht. Ohne Stirnlampe ist es undenkbar, den Weg zu finden. Die Unterhaltung tut gut und drei Stirnlampen sehen einfach mehr als eine.

Alles gefriert: Hubschrauber erzwingt Pause

Der Weg ist ausgesetzt, steinig, rutschig und sehr dunkel. Die Temperatur sinkt und durch die Minusgerade gefriert der Schlauch meiner Trinkblase. Ebenso der Power Energie Riegel, der mir beim Aufwärmen bzw. Lutschen an meinen Lippen festfriert. Wir laufen nun nicht mehr, um auf den anstehenden 16 Kilometern Stürzen vorzubeugen. Außerdem fällt die Orientierung nicht so leicht und wir wollen uns nicht verlaufen. Bevor wir den nächsten Checkpoint auf 2480 Metern erreichen, kreist gegen ein Uhr der Hubschrauber am Berg und sucht mit seinem Suchscheinwerfer den Fels ab, bevor er in einer Senke runtergeht. Nach zwei Biegungen stehe ich vor dem Hubschrauber und werde von einem Piloten am Weiterlaufen gehindert. Nach ein paar Minuten Wartezeit durchzieht mich Kälte und frostiger Wind bevor wir weiter unten am Hubschrauber ohne Sichtkontakt weiter dürfen. Ich sehe nur zu, Cbne Mille zu erreichen, um mich aufwärmen zu können, denn ich friere und bei dem Wind und den Temperaturen kann man sich nicht mehr Warmlaufen. Nach 88 Kilometern gegen 1:30 Uhr nutzen wir für 45 Minuten eine warme Hütte, um uns aufzuwärmen. Aus Angst vor Kreislaufproblemen läuft Boris jedoch weiter. Während ich mich am Herd der Hüttenwirtin innerlich und äußerlich erwärme und meine Trinkblase mit warmem Wasser füllen lasse. Danach geht es mit Frank drei Stunden nur Berg ab nach Loutier.

"Der Trail Verbier schenkt Dir nichts": Philip Mes gehört zu den Schnellsten am Ziel

Erst im Morgengrauen laufen wir nach zermürbenden 1.400 Höhenmetern nur Berg runter im Licht unserer Stirnlampen in Lourtier ein. Auf dem Weg hierher waren wir uns nicht sicher, ob die Kilometer-Angaben wirklich stimmen. Doch in der Nacht verliert man einfach jegliches Gefühl für so eine Distanz. Der Trail Verbier schenkt Dir nichts, da sind wir uns einig. 99 Kilometer haben wir nun geschafft. Frank und ich haben vorher beschlossen, unsere Trinkblasen nur kurz zu füllen, um darauf den 4 Kilometer und 1.200 Höhenmeter Anstieg nach La Chaux auf 2.200 Metern voller Elan in Angriff zu nehmen. Die Besten brauchen hier zwei Stunden, die Langsamsten 4 ½ Stunden. Wir sind nach nur 2:11 Stunden oben und können gegen 8:00 Uhr in der Früh gut erwärmt Verbier schon sehen.

Was für ein Abenteuer! Beim umjubelten Zieleinlauf sind alle Schmerzen vergessen

Wärmende Sonnenstrahlen und ein leckerer Energietrunk verleihen uns auf den letzten zehn Kilometern Berg ab nach Verbier noch mal Flügel. Alle Schmerzen sind beim Einlauf in Verbier vergessen, welcher durch jubelnde Menschen, die aufstehen und aus den Restaurants kommen, vor uns den Hut ziehen und mitlaufen nur noch verschönert wird.
Mit einem Sprint auf den letzten 800 Metern laufe ich überglücklich nach 28:43 Stunden in Verbier ins Ziel. Was für ein Abenteuer! Ich bin fasziniert davon, wozu mein Körper und Geist in der Lage sind und freue mich, den Trail Verbier geschafft zu haben. Im selben Moment denke ich aber auch, dass es eigentlich schade ist, das alles schon vorbei ist."

Zuhause angekommen zieht der 34-Jährige eine positive Bilanz. "Ein unglaublich extremer Trail. Es hat sich gelohnt, einen zweiten Versuch zu starten." Der Bürgermeister seiner Heimatstadt Meerbusch habe ihm mit den Worten gratuliert: "Kompliment, sehr stark!" Philip Mes hat noch lange ncht genug: Auch beim Spendenlauf in Meerbusch Lank will er Multiple Sklerose und die Hilfe für MS-Erkrankte ins Gespräch bringen. Demnächst wird er zudem einen Laufvortrag im Studio bei ALMA @Oberkassel in Düsseldorf über sein Abenteuer bem Ultra Trail Verbier halten. Der Personal Trainer kennt das Ausmaß der Krankheit MS aus seinem Freundeskreis und aus beruflicher Erfahrung: "Ich erlebe alle Stadien und die schwere Aufgabe der Angehörigen", erklärt der Rheinländer, warum es ihm so wichtig sei, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen.

"Philip runs Trail Verbier for MS" - so unterstützen Sie die Spendenaktion und helfen Menschen mit MS:

Spendenkonto:

Bank für Sozialwirtschaft,
BLZ 251 205 10,
KtoNr. 40 40 40,
Stichwort: "Philip runs Trail Verbier for MS"

Der DMSG-Bundesverband bedankt sich herzlich bei Philip Mes für seine großartige Leistung und bei den vielen Spendern für ihre Unterstützung.
Knapp 1000 Euro sind bereits zusammengekommen.

Die Aktion von Philip Mes erregte schon im letzten Jahr großes Interesse über Landesgrenzen hinweg. Spender meldeten sich über Facebook sogar aus den USA und England. Weitere Informationen finden Sie hier: www.philipmes.de.


Quelle: Bilder und Laufbericht von Philip Mes

- 28.07.2011