DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

ACTRIMS Forum 2016: neue Erkenntnisse zur progredienten Form der Multiplen Sklerose

Bei der diesjährigen Tagung des amerikanischen Komitees für die Behandlung und Erforschung der Multiplen Sklerose (ACTRIMS) standen die progredienten Formen der MS, neue Erkenntnisse zu den Ursachen und neue Lösungsansätze zum Umgang mit der Erkrankung im Mittelpunkt. Der DMSG-Bundesverband stellt in einer Serie einige Forschungsprojekte vor:

Teil 1 beschäftigt sich mit Biomarkern für progrediente Multiple Sklerose

Wissenschaftler vom Nationalen Gesundheitsinstitut (NIH) der USA haben Ergebnisse zu Biomarkern präsentiert, die Entzündungen im Nervensystem genauer anzeigen und PPMS von RRMS unterscheiden können. Unter den Begriff ‚Progrediente MS‘ fallen zwei Verlaufsformen: die primär progrediente MS (PPMS) und die sekundär progrediente MS (SPMS). Erstere verläuft von Beginn der Erkrankung an schleichend, progredient, ohne Schübe; die zweite folgt in der Regel auf eine längere schubförmige Phase der MS. Bei beiden Verlaufsformen zeigen sich zunehmende Behinderungen und weniger mittels MRT feststellbare Hirnläsionen. Generell wird angenommen, dass bei den progredienten MS-Formen weniger autoimmun bedingte Entzündungen auftreten. Eher scheinen deren Symptome und Gewebezerstörungen eine Folge von Degeneration und Abbauvorgängen von Nervenzellen und Axonen zu sein. Diverse Studien stützen diese Annahmen. Immunmodulatorische Therapien, obwohl wirksam bei schubförmiger MS, schlagen bei MS-Patienten mit progredienter Verlaufsform kaum noch an. 

Ziel der Forscher war es, zuverlässige Methoden zu entwickeln für das Auffinden und die Messung von Entzündung und Einwanderung von Immunzellen im zentralen Nervensystem.

Auf den Spuren der Immunzellen

Die bisher verfügbaren Techniken sind oft nicht empfindlich genug, um niedrige Entzündungshäufigkeiten feststellen und zwischen PPMS und SPMS unterscheiden zu können.

Die Forscher untersuchten Nervenwasser (CSF) -Proben von 198 Studienteilnehmern, Patienten mit den Diagnosen RRMS, PPMS, SPMS, entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems, die keine MS waren (OIND), nichtentzündlichen Erkrankungen des Nervensystems (NIND), sowie von einer Gruppe gesunder Vergleichspersonen. Alle Proben wurden auf das Vorkommen bestimmter löslicher Biomarker und das Vorkommen der zugehörigen Immunzellen (B-Zellen, T-Zellen, Monozyten) untersucht. Zudem wurde analysiert, wie sich Biomarker-Konzentrationen und entsprechende Zellen mengenmäßig zueinander verhalten.

Überschuss an Biomarkern

Im Ergebnis zeigte sich, dass der Anteil spezifischer Biomarker von B- und T-Zellen im Vergleich zu den Zellen selbst bei progredienter MS beträchtlich höher war als bei allen anderen untersuchten Erkrankungsgruppen, was auch schubförmige deutlich von progredienter MS unterscheiden konnte. Interpretiert wird dieser Überschuss an Biomarkern im Vergleich mit der Zahl der Zellen dahingehend, dass die Zellen möglicherweise hier nicht frei im Nervenwasser ‚schwimmen‘, sondern irgendwie in das Nervengewebe eingebettet sind. Das müsste allerdings mit Hilfe von Gewebeproben direkt untersucht und bestätigt werden.

"Die Anzahlen von T- und B-Zellen im Intrathekalraum bei PPMS sind denen bei RRMS vergleichbar. Der hauptsächliche Unterschied besteht darin, dass diese Zellen bei RRMS mobil sind und bei PPMS zumeist in das Gewebe eingebettet vorliegen. Diese ‚Abschottung‘ ist möglicherweise der Hauptgrund dafür, dass die gegenwärtig verfügbaren immunmodulatorischen Therapien bei den progredienten Formen der MS nicht wirksam sind", betonen die Studienautoren im Abstract der Studie.


Quelle: www.multiplesclerosisnewstoday.com - 18. Februar 2016

- 24.03.2016