DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

CCSVI bei Multipler Sklerose weiter umstritten

Die These einer chronischen cerebrospinalen venösen Insuffizienz (CCSVI) wird weltweit überprüft. Die MSIF hat ein Statement veröffentlicht, der Ärztliche Beirat des DMSG-Bundesverbandes äußerte sich beim ENS-Jahrestreffen in Berlin.

Bei der CCSVI handelt es sich um einen durch verengte Venen gestörten Blutabfluss aus dem Gehirn, der letztlich zu Entzündungen und Schäden im Zentralnervensystem führen soll. Diese Hypothese wurde von Dr. Paulo Zamboni aus Ferrara, Italien, aufgestellt und wird gegenwärtig sowohl weltweit diskutiert als auch durch zahlreiche Forschergruppen überprüft, um möglicherweise Licht in die Zusammenhänge zu bringen. Allerdings mehren sich Hinweise, dass diese Theorie zur Entstehung der MS doch nicht in der Weise zutrifft, wie sie von Zamboni beschrieben wurde. Vieles ist zurzeit noch unklar – drei neuere Veröffentlichungen stellen wir Ihnen hier vor.

In einem Poster auf dem 62. Jahreskongress der Amerikanischen Akademie für Neurologie (AAN), der vom 10. bis zum 17. April 2010 in Toronto stattgefunden hat, präsentierte Dr. Robert Zivadinov von der Universität Buffalo erste Ergebnisse. Er konnte zeigen, dass ca. 56% der bis dato untersuchten MS-Patienten, 23% gesunde Kontrollpersonen – aber auch 42% der Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen entsprechende Merkmale für eine CCSVI aufwiesen. Nach diesen Ergebnissen sind entsprechende Abweichungen weniger häufig und weniger spezifisch als in den Originalarbeiten von Dr. Zamboni.

Am 11. Juni erschien in der Fachzeitschrift "Annals of Neurology" online eine Arbeit von Wissenschaftlern der Charite Berlin in Zusammenarbeit mit britischen Forschern, die 56 MS-Patienten und 20 gesunde Kontrollen mit neuesten sonographischen Techniken hinsichtlich des Blutflusses in ihren Halsvenen untersuchten. Sie fanden dabei heraus, dass es nur bei einem einzigen Patienten Veränderungen im Blutfluss gab, und bei keinem wurde eine Verengung der Halsvene festgestellt. Praktisch ist also eine CCSVI bei MS mit einer Ausnahme nicht nachzuweisen und sollte somit auch keine Rolle bei der Entstehung der MS spielen.

Originalarbeit: Doepp F, Paul F, Valdueza JM, Schmierer K, Schreiber SJ: No cerebro-cervical venous congestion in patients with multiple sclerosis; Ann Neurol Epub June 11

"Venöse Hypothese" kann nicht ausschließliche Ursache der MS sein

In der Juniausgabe der Zeitschrift "Der Nervenarzt" erschien eine Arbeit, die die Theorie der CCSVI kritisch analysiert und über Ergebnisse erster Beobachtungen an einer kleinen Patientengruppe in Bochum berichtet. Zehn MS-Patienten und sieben Kontrollpersonen, die entweder gesund waren oder andere neurologische Erkrankungen aufwiesen, wurden einbezogen. Die Autoren kamen zu der Schlussfolgerung, dass die "venöse Hypothese" keinesfalls ausschließlich die Ursache der MS erklären kann. Nur 20% der MS-Patienten erfüllten zwei der international neu aufgestellten Kriterien für eine CCSVI (fünf gibt es insgesamt). Es ist noch völlig unklar, inwieweit solche Veränderungen die MS beeinflussen; ob sie Grund oder Folge der Erkrankung sind. Therapeutische Maßnahmen wie z.B. eine Aufweitung der Gefäße lassen sich nach dem derzeitigen Wissensstand nicht rechtfertigen. Aufgrund möglicher gefährlicher Komplikationen raten die Autoren dringend von der Durchführung dieser zudem kostenintensiven Maßnahme ab.

Originalarbeit: Krogias C, Schröder A, Wiendl H, Hohlfeld R, Gold R: "Chronische zerebrospinale venöse Insuffizienz" und Multiple Sklerose; Der Nervenarzt, 81, 6:740-46

MS-Gesellschaften warnen: Risiken sind weiter zu prüfen

Die in Zweifel gezogene Theorie wird auch weiterhin überprüft werden. In der Warnung vor unkontrollierten Therapiemethoden sind sich sowohl Mediziner als auch MS-Gesellschaften weltweit einig – Risiko und Nutzen solcher Eingriffe sind noch nicht ausreichend untersucht
(Siehe auch die Stellungnahme des Ärztlichen Beirates der DMSG, Bundesverband e.V.).

Auch die Multiple Sclerosis International Federation (MSIF), hat inzwischen eine entsprechende warnende Stellungnahme veröffentlicht.
Link zum Statement
http://www.msif.org/en/news/msif_news/ccsvi.html

Der Vorstand des Ärztlichen Beirats des DMSG-Bundesverbandes hat sich in einer Presseerklärung beim 20. Jahrestreffen der European Neurological Society in Berlin (ENS), 19.-23.6.2010, ebenfalls dazu geäußert:

"Venöse Abflussstörung ist kein Auslöser für MS"

Einer derzeit kursierenden, stark umstrittenen Theorie über eine mögliche Ursache von MS tritt der Vorsitzende Prof. Klaus V. Toyka, mit den Mitgliedern des Ärztlichen Beirates und den Verantwortlichen des neuen krankheitsbezogenen Kompetenznetzes MS des Bundesforschungsministeriums entgegen: "Die Theorie der "chronisch cerebrospinalen venösen Insuffizienz" (CCSVI), die als mögliche Ursache für MS immer wieder in Fachkreisen diskutiert wird, ist eine Theorie, die zur Zeit wissenschaftlich nicht zu belegen ist." Diese Theorie geht davon aus, dass eine venöse Abflussstörung zur Erhöhung des venösen Druckes im Gehirn führt, der wiederum in Blutgefäßen zu Eisenablagerungen mit Entzündungsreaktion führen könnte. Prof. Toyka kritisiert, "dass die zum Beweis erhobenen Ultraschallbefunde keine eindeutigen Ergebnisse ergaben oder sogar strittig sind. Leider hat die bisher einzige und methodisch stark kritisierte Studie von Dr. Paolo Zamboni schon zu Erweiterungsoperationen (Stents) an den "betroffenen" Hirnvenen geführt, die in den USA sogar ein Todesopfer gefordert hat. Der Ärztliche Beirat bezeichnet die Studien als ethisch bedenklich."

Quellen: Der Nervenarzt, 81, 6:740-46
"Annals of Neurology", 11. Juni 2010,
Ann Neurol Epub June 11,
62. Jahreskongress der Amerikanischen Akademie für Neurologie (AAN)

- 24.06.2010