DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Der DMSG-Bundesverband fragt nach: Diagnose Fatigue-dem unsichtbaren Symptom der Multiplen Sklerose einen Namen geben

Im Interview verdeutlicht Prof. Dr. med. Christian Dettmers, Ltd. Facharzt an den Kliniken Schmieder Konstanz und angehendes Mitglied im Ärztlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V., warum es so wichtig ist, die Fatigue nachweisbar zu machen und zweifelsfrei zu diagnostizieren.

Im Frühstadium der Erkrankung leidet etwa jeder zweite MS-Erkrankte an der abnormen Erschöpfbarkeit, genannt Fatigue. Im späteren Verlauf sind es rund 90 Prozent. Dennoch ist es bis heute ein Problem, dieses unsichtbare MS-Symptom zu erklären. Die Folgen sind erheblich für die Betroffenen, stoßen sie in ihrem Umfeld doch immer wieder auf Unverständnis für die plötzlich auftretenden Einschränkungen ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit durch diese große Müdigkeit, die sie nicht willentlich beeinflussen können. Umso wichtiger ist es, die Fatigue objektiv nachweisen zu können.

Sehr geehrter Herr Prof. Dettmers, Ihr Forscherteam hat ein Verfahren entwickelt, um die motorische Fatique zu diagnostizieren. Was ergibt sich aus Ihren Studienergebnissen in Bezug auf die Therapie?

Prof. Dr. med. Dettmers: "Die Fatigue zu objektivieren, hilft den Patienten, ihre Beschwerden zu verstehen. Für sie und ihre Angehörigen ist der Nachweis wichtig, dass motorische Fatigue ein organisches Phänomen ist, das unmittelbar von der Leitfähigkeit der Nerven abhängt. Auch kann eine gezielte Therapie erst erfolgen, wenn die Beschwerden diagnostiziert sind. Möglicherweise hilft unser Verfahren (basierend auf dem Fatigue-Index Kliniken Schmieder - Anmerkung der Redaktion) bald, um medikamentöse Effekte gegen Fatigue zu untersuchen. Zudem könnte dieses Modell in Zukunft auf die kognitive Fatigue übertragbar sein."

DMSG-Bundesverband: Welche Ausprägungen der Fatigue sind darüber hinaus bekannt?

Prof. Dettmers: "Üblicherweise wird zwischen motorischer und kognitiver Fatigue unterschieden. Das ist auch Grundlage für zwei neuere, im deutschsprachigen Raum übliche Fragebögen für Patienten: Im Würzburger Erschöpfungsinventar von Prof. Dr. Peter Flachenecker (Chefarzt des Neurologischen Rehabilitationszentrums Quellenhof in Bad Wildbad, Vorstandsmitglied des Ärztlichen Beirates des DMSG-Bundesverbandes,der auch die neue DMSG-Broschüre "Mit Fatigue leben" fachlich begleitet hat. Anmerkung der Redaktion) und der Fatigue-Skala Kognition (FSMC) von Privat-Dozentin Dr. Iris-Katharina Penner. Beide sind psychometrisch gut evaluiert."

DMSG-Bundesverband: Wurden alle vier Studien an den Kliniken Schmieder durchgeführt, einem mit dem Zertifikat der DMSG ausgezeichneten "Anerkannten MS-Zentrum"?

Prof. Dettmers: "Ja, alle Studien wurden hier über einen Zeitraum von drei Jahren durchgeführt. Es ist von Vorteil, Untersuchungen dieser Art in einer auf die Behandlung von MS spezialisierten Klinik durchzuführen. Für viele unserer 800 Patienten im Jahr ist Fatigue ein Problem. Zudem profitieren wir vom Interesse der benachbarten Universität. So deckt unser Team mit einem Mediziner, einem Physiker und einer Sportwissenschaftlerin verschiedene wissenschaftliche Bereiche ab."

DMSG-Bundesverband: Die Studie belegt eine Verschlechterung des Gangbildes bei Erschöpfung. Ist Sport bei Fatigue schädlich?

Prof. Dettmers: "Nein. Vom Lerneffekt, Sport zu vermeiden, wollen wir wegkommen. Diese Einschränkungen sind vorübergehend. Eine wichtige Botschaft lautet: Das Nervensystem kann durch körperliche Aktivität nicht geschädigt werden."

DMSG-Bundesverband: Was beinhaltet der Fatigue Index Kliniken Schmieder und wird dieses von Ihrer Forschungsgruppe entwickelte Verfahren auch schon an anderen Kliniken eingesetzt?

Prof. Dettmers: "Der Fatigue-Index Kliniken Schmieder wurde neu entwickelt und ist bisher nur in unserer Klinik in Anwendung. Er stellt ein hochsensitives Maß für Veränderungen des Gangbildes dar und ermöglicht es, die Fatigue-Diagnose auf eine sachliche Grundlage zu stellen. Simulieren funktioniert bei diesem Verfahren nicht. Das ist auch wichtig für gutachterliche Fragen."

DMSG-Bundesverband: Das Verfahren wird zum Diagnostikinstrument. Was bedeutet das im klinischen Alltag?

Prof. Dettmers: "Häufig lässt sich motorische Fatigue aufgrund der Angaben des Patienten und seines Gangbildes im Zustand der Erschöpfung diagnostizieren. Manchmal ist es jedoch schwierig, zu entscheiden, ob eine verkürzte Gehstrecke nicht z. B. auf eine Depression zurückzuführen ist. Insbesondere bei Patienten, wo andere Faktoren eine Rolle spielen, ist es wichtig, die tatsächliche Ursache zu klären."

Der DMSG-Bundesverband bedankt sich herzlich für dieses Interview

 

 

- 16.12.2015